Die Verkehrswende ist nur gemeinsam zu schaffen

Eine Fahrradfahrerin fährt auf einer Straße an einem PKW vorbei

Bus und Bahn, Fahrrad und Carsharing neu verknüpft

Die Verkehrswende ist nur gemeinsam zu schaffen

Von Martin Gent

Beim Radverkehrskongress Anfang der Woche in Münster machte sich Nordrhein-Westfalens Verkehrsminister Michael Groschek für ein Umdenken stark. Er forderte eine Mobilitätswende. Das Auto soll Konkurrenz bekommen durch eine geschickte Verknüpfung von Bus und Bahn, von Fahrrad, Zufußgehen und CarSharing.

Natürlich geht es auf einem Radverkehrskongress zunächst ums Thema Fahrrad. Und da hat der Landesverkehrsminister eine sehr deutliche Haltung: Man kann die Bedeutung des Radverkehrs gar nicht oft genug betonen, bis 2020 will Groschek den Anteil der Fahrradfahrten von jetzt 12 auf 24 Prozent verdoppeln. Dafür braucht es Geld, Platz und echten Willen. Im Originaltext hört sich das dann so an: "Geld her! Ohne Geld bleibt alles frommer Wunsch! Wir müssen investieren in eine Mobilität 2.0, wir brauchen eine Mobilitätsinvestionsperspektive, die begreift, dass der Zündschlüssel der Zukunft das Smartphone ist, dass es nicht mehr darum gehen kann, ein Auto dauerhaft zu besitzen und im öffentlichen Raum für lau abzustellen, sondern dass es darum gehen muss, möglichst intelligent, sinnvoll verknüpft und vernetzt unterschiedliche Verkehrsmittel zu unterschiedlichen Anlässen zu benutzen. Deshalb brauchen wir das Smartphone als Zündschlüssel der Zukunft, deshalb brauchen wir mehr Geld für die Nahmobiltät und nicht weniger!".

Qualität muss stimmen

Genug Geld und ausreichend Platz, das sind wichtige Voraussetzungen, dass das Fahrrad eine größere Rolle im Verkehrsgeschehen spielen kann. Verkehrsminister Groschek sieht das so: "Platz da! Wir müssen sehr selbstbewusst Radverkehr als Teil der Nahmobilität sichtbar machen. Da wo Radverkehr an den Rand gedrängt wird, da wo Radverkehr als Parkplatzhindernis begriffen wird, ist keine gute Zukunft. Wir müssen selbstbewusst Flächen zusätzlich behaupten für den Radverkehr, sonst bleibt alles Lippenbekenntnis!". Dem kann Radverkehrsexperte Tilmann Bracher vom Deutschen Institut für Urbanistik nur beipflichten: "Gute Radwege mit ausreichend Platz, zügiger Führung und einem angenehmen Umfeld werden von allen gerne genutzt, und sind sicher." Die Infrastruktur sollte bestimmten Mindeststandards genügen, wenn man die Menschen zum umsatteln bewegen will. Das gilt fürs Fahrrad genauso wie für andere umweltfreundliche Verkehrsmittel, die man untereinander vernetzen will: Busse und müssen in einem angemessenen Takt fahren und Carsharing-Angebote darf man nicht mit der Lupe suchen müssen.

Fahrrad kein Alleskönner

Auch bei guter Qualität ist keines der umweltfreundlichen Verkehrsmittel ein echter "Alleskönner" wie das Auto: Bus und Bahn fahren nicht bis direkt vor der Haustür. Mit dem Fahrrad sind sperrige Güter mitunter schwer zu transportieren. CarSharing-Autos können zu Stoßzeiten ausgebucht sein. Was mache ich als eingefleischter Bahnfahrer, wenn ich die Tante weit draußen in der Pampa besuchen will? Oder als Radfahrer, wenn ich den Schrank vom SB-Möbelmarkt nach Hause bekommen will? Oder als Berufspendler, wenn es mit dem Rad zu weit, mit Bus und Bahn aber zu langwierig ist? Verschiedene umweltfreundliche Verkehrsmittel kombinieren heißt eine mögliche Lösung. Eigentlich ein alter Hut, denn "Park & Ride", "Bike & Ride" und auch Falt- oder Klappräder zur Mitnahme in Bus und Bahn gibt es schon lange.

Vielfalt statt Einfalt neu gedacht

Doch jetzt kommt neue Bewegung in das Thema. Grund ist ein Wertewandel, bei dem der Besitz eines eigenen Autos weniger wichtig erscheint und Mobilität pragmatischer betrachtet wird. Radfahren ist "in" und gilt als chic. Hinzu kommt die technische Entwicklung. Das Smartphone mit mobilem Zugriff auf Internetseiten und Apps ist weit verbreitet und mit den neuen Elektrorädern fällt auch die Hürde, dass Radfahren zu anstrengend oder schweißtreibend sein könnte. Früher waren es Umwelt- und Verkehrsinitiativen, die sich - mit viel Engagement, aber schmalen Etats - um die Vernetzung der Verkehrsmittel gekümmert haben, jetzt entdecken Verkehrsunternehmen, Verkehrsverbünde und sogar Autokonzerne, dass sich mit verknüpfter Mobilität richtig Geld verdienen lässt.

Alles auf eine Karte

Da wird es voraussichtlich ein Hauen und Stechen geben, wer zuerst den Menschen die "Smart-Card" schmackhaft machen kann, die Generalschlüssel ist für Bus und Bahn, Leihfahrräder, CarSharing, Gepäckboxen und weitere Angebote. Wer da den Hut auf hat, bestimmt mit über die Nutzung der Verkehrsmittel. Deshalb ist der derzeitige Wettbewerb um entsprechende Angebote zwischen Bahn, Verkehrverbünden und Autoindustrie auch eine politische Frage.

Pilotprojekte am Start

Zwar gab es schon vor rund 10 Jahren innovative Vorreiter, z.B. in Freiburg mit der Regiomobilcard oder in Niedersachsen mit Hannovermobil. Doch richtig Zulauf hatten diese Angebote nicht, waren ihrer Zeit vielleicht auch ein Stück voraus. Doch die Experten gehen davon aus, dass sich die Rahmenbedingungen zu Gunsten solcher Projekte geändert haben. Ein Beleg ist das Engagement großer Konzerne. Die Firma Daimler beispielsweise packt mit www.moovel.com alle Verkehrsmittel in eine App und will in Stuttgart, Berlin sowie an Rhein und Ruhr bereits attraktive Mobilitätsangebote integriert haben. Auch die Bahn ist aktiv und macht in Berlin zusammen mit der BVG aus der Bahncard die Bahncard 25 mobil plus. Da ist dann neben der Bahncard das BVG-Abo, Carsharing und Leihräder von Call-a-bike gleich alles dabei.

Alternativen entwickeln sich

Wie solche integrierten Angebote angenommen werden, muss man abwarten, die Bausteine jedenfalls entwickeln sich gut. Die Carsharing-Angebote der Autohersteller wie Car2go und Drivenow sollen weiter ausgebaut werden. Mitradsysteme boomen, in Europa stieg die Zahl solcher Systeme in nur 5 Jahren von 61 auf 352. An sich zeigt das Fahrrad einen deutlichen Aufwärtstrend, allein in Köln zählt die Stadtverwaltung ein Plus von 20 Prozent in nur 3 Jahren. Und Bus und Bahn verzeichnen immer noch leichte Zuwächse, in Köln sind die Stadtbahnwagen auf manchen Linien schon zu klein.

Verkehrsmittelnutzung flexibler als gedacht

Trotzdem werden vernetzte Angebote kein Selbstläufer sein. Wichtig ist, dass alle Bausteine von guter Qualität sind. Außerdem muss es alles zusammenpassen: Technik und Abrechung ebenso wie Sauberkeit und Atmosphäre. Die Nutzer werden natürlich den Wunsch haben, eine Mobilitätskarte nicht nur im Heimatort sondern überall einsetzen zu können. Da braucht es entweder überregionale Anbieter oder ein Roaming, wie es beim Handytelefonieren im Ausland längst üblich ist.

Hoffnungsvoll stimmt die europäische Untersuchung USEMOBILITY, die in Münster auf dem Radverkehrskongress vorgestellt wurde: Die Menschen sind viel flexibler als man denkt, auch als die Forscher dachten. Die Mehrheit ist "multimodal" unterwegs, Zahl der "Wechselnutzer" ist deutlich größer als erwartet. Jeder Wandel der Lebenssituation – Umzug, Kinder kriegen, Jobwechsel – ist Chance für Veränderung. Dabei kam auch zu Tage, dass die üblichen Verkehrsuntersuchungen bei der Verkehrsmittelwahl eine Statik vortäuschen, die es in Wirklichkeit gar nicht gibt. Zwar ist in einer Stadt bestimmte Verkehrskulturen und damit einen bestimmten Anteil von Menschen, die z.B. vorzugsweise mit dem Auto unterwegs sind. Aber bei derselben Untersuchung ein paar Jahre später sind es ganz andere Menschen, die Auto fahren. Obwohl der Anteil der Autonutzung sich statistisch gesehen kaum ändert, haben trotzdem viele Menschen ihr Verkehrsverhalten geändert, sagen die Forscher.

Kein Privileg der Stadt

Nordrhein-Westfalen hat mit seinen fast 100 Radstationen, dem landesweiten Radwegenetz und durchaus innovativen Verkehrsverbünden gute Chancen, beim Thema vernetzte Mobilität ganz vorne dabei zu sein. Und das muss sich keineswegs auf Ballungsräume beschränken. Auf dem Radverkehrskongress Anfang der Woche in Münster wurde auch ein Beispiel aus dem Tecklenburger Land präsentiert. In Mettingen verknüpft der Regionalverkehr Münsterland (RVM) Pedelecs und ÖPNV im ländlichen Raum und schafft eine direkte Verbindung über die Landesgrenze hinweg nach Osnabrück. Kombiniert wurden drei Bausteine: Ein 30-Minuten-Takt bei den Schnellbussen, eine Mobilitätsstation mitten im Dorf mit persönlicher Beratung, Pedelec-Verleih und Touristinfo und drittens ein verbilligtes Flatrate-Ticket, das in der Startzeit eine kostenlose Elektrorad-Ausleihe beinhaltet. Die Zwischenbilanz der Macher ist ein Jahr nach Start des Projektes sehr positiv.

Stand: 16.05.2013, 16:05