Verlabelt

Demonstranten vor dem Brandenburger Tor, eine Frau trägt ein Banner mit der Aufschrift: "TTIP, CETA, TISA - Konzerne auf Kaperfahrt"

Stop TTIP und CETA

Verlabelt

Von Matthias Finger

Hunderttausende Demonstranten haben am Wochenende gegen das transatlantische Freihandelsabkommen protestiert – unter dem knackigen Slogan "Stop TTIP". Eine klare Handlungsanweisung, die jedem sofort einleuchtet. Allerdings greift das Motto zu kurz, findet Matthias Finger in seiner subjektiven Reportage.

Herangekarrte Massen aus ganz Deutschland marschieren zielstrebig durch die herbstliche Hauptstadt. Gegen Mittag. Die verdutzten Berliner reiben ihre noch verschlafenen Augen. Wo kommt die Wut der Demonstranten her? Klar, TTIP ist schuld: "Die ganzen Prozesse laufen im Geheimen. Und das ist etwas, was ich nicht in Ordnung finde", sagt eine Demonstrantin. Und ein anderer meint: "Durch diese Schiedsgerichte werden alle demokratischen Regeln außer Kraft gesetzt." Und auch das Chlorhähnchen spielt eine Rolle: "Ich möchte nicht, dass mein Hähnchen in Chlor getränkt und mir dann vorgesetzt wird."

Alles Schnee von gestern. Die Vertragstexte stehen mittlerweile im Netz. In Deutschland wird übrigens auch gechlort – Salat nämlich. Das weiß doch jeder. Und verklagt werden wir von amerikanischen Firmen eher selten. Dafür aber zum Beispiel vom schwedischen Energieversorger Vattenfall, weil die wegen der plötzlichen Energiewende ihre Atomkraftwerke schließen müssen. "TTIP" – das ist eine großformatige Projektionsfläche für diffuse Ängste und Kapitalismuskritik. Über das Stopp-Schild, das er in der Hand hält, denkt der "einfache Bürger" offenbar keinen Schritt hinaus. Die in der Flüchtlingskrise vielgepriesene Offenheit der Deutschen: Auf der TTIP-Demo marschiert sie nicht mit. Vom "Ausverkauf deutscher Interessen an die Amerikaner" ist da die Rede. Das hat schon was Pegidahaftes.

Loveparade der Wutbürgerchen

Die Demo ist eine Loveparade der Wutbürgerchen. Demonstriert wird mit Vehemenz, als wäre das sogenannte Abendland in Gefahr. Die alte Mär: Amerikaner vergiften uns angeblich mit genmanipulierten Lebensmitteln. Dabei stopfen deutsche Bauern ihr Vieh bekanntermaßen mit gentechnisch verändertem Futter – ohne Kennzeichnung. Wir sind zu faul zum Kinderkriegen. Doch die Vereinigten Staaten plündern angeblich unser Sozialsystem, meint diese auf Antikernkraftdemos gestählte Aktivistin: "Das, was Amerika gerne hätte, ist, dass sie an unsere gut gefüllten Sozialkassen kommen, indem sie zum Beispiel unsere Krankenhäuser aufkaufen oder das Ganze in irgendeiner Art und Weise privatisiert wird."

Professionelle Revolution

"Das gibt ein klares Feindbild an: TTIP ist böse. Und allein, dass ich zur großen Stopp-TTIP-Demo gehe, da habe ich das Gefühl, die Welt besser gemacht zu haben und mich als Bürger eingebracht zu haben in den politischen Diskurs", erklärt Stefan Mannes, Strategieexperte einer Werbeagentur. Viele Demonstranten wurden von Campact extra herbeizitiert. Die Organisation aktiviert bei Bürgerprotesten im ganzen Bundesgebiet tausende Demonstrierwillige – übers Internet.

Das Schlagwort von der Empörungsindustrie macht die Runde. Die Revolution ist professionell unterwegs. Schade, dass sich viele nicht die Zeit nehmen, um sich ernsthaft mit TTIP auseinandersetzen. Eine Art Hauptstadtflughafen unter den Verträgen. Politisch sinnvoller wäre es gewesen, nicht mitzulaufen. Und Werbeparolen zu ventilieren, die sich andere ausgedacht haben.

Redaktion: Tamara Tischendorf

Stand: 12.10.2015, 13:16