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Aus der Geschichte lernen

Cholera, erkrankte Menschen, werden aus ihren Häusern abtransportiert, Xylografie, Hamburg, 1892 [m]

Die großen Seuchenzüge

Aus der Geschichte lernen

Von Monika Kunze

Pest, Pocken und Cholera. Menschen wurden immer wieder von Seuchen heimgesucht. Kriege, Armut und politische Instabilität haben die Ausbreitung von Krankheiten begünstigt. Daraus kann man lernen.

Athen, im Jahr 430 v. Chr.

Ein feindliches Heer steht vor den Mauern. Und in der Stadt herrscht das Chaos: Viele Menschen aus dem Umland haben hier Schutz gesucht und hausen in stickigen Hütten. Bald breitet sich eine Seuche aus. Entzündete Augen. Erbrechen. Blasen und Geschwüre auf der Haut. Viele fiebern und ihnen ist so heiß, dass sie sich zur Kühlung in Brunnen stürzen. Die meisten sterben.

Der griechische Geschichtsschreiber Thukydides hat die Krankheit überlebt und seine Beobachtungen aufgeschrieben. Auch wenn nicht ganz klar wird, woran die Menschen damals in Athen gelitten haben, sind diese Aufzeichnungen wertvoll. Es handelt sich um die früheste Dokumentation einer Seuche – und um eine spannende Quelle für Historiker. Thukydides erkannte bereits, dass zusammengepferchte Menschen einander leicht anstecken – obwohl er noch nichts über Viren und Bakterien wusste.

Kansas, Haskell County im Jahr 1918

...dem letzten Jahr des ersten Weltkrieges. Der Landarzt Loring Miner behandelt Patienten, die unter heftigen Grippesymptomen leiden. Den Krankheitsverlauf schildert Miner als rasend schnell und gelegentlich tödlich. Als drei Männer aus Haskell County zum Militär eingezogen werden, sind bald auch im Lager der US-Army Schwerkranke und Tote zu beklagen. Mit US-amerikanischen Truppentransportern kommt die Krankheit nach Frankreich, erreicht Großbritannien und viele andere Länder. Es ist die Spanische Grippe.

Wenn Menschen sich von Ort zum anderen bewegen, reisen Bakterien und Viren mit. Und weil Soldaten viel unterwegs sind, treten Seuchen und Kriege häufig gemeinsam auf. Der Spanischen Grippe etwa fielen nach dem ersten Weltkrieg Millionen Menschen zum Opfer. Aber auch ohne Krieg erhöht politische Instabilität das Krankheitsrisiko. Das zeigt sich noch heute – bei der Ebola-Epidemie in Westafrika. „Westafrika befindet sich in einem Zustand, der ein geregeltes Gesundheitssystem kaum erlaubt“, sagt Karl-Heinz Leven, Direktor des Instituts für Geschichte und Ethik der Medizin in Erlangen. „Die Einschleppung von Ebola hat dazu geführt, dass ein schon am Rande des Funktionierens befindliches System endgültig zusammen gebrochen ist.“ Not und Instabilität machen anfällig für Krankheit.

Hamburg im Jahr 1892

Es ist ein heißer Sommer. Der Pegel der Elbe ist niedrig, der Fluss, aus dem ungefiltert Trinkwasser entnommen wird, ungewöhnlich warm. Am 14. August 1892 wird der erste Kranke mit starkem Brechdurchfall in ein Krankenhaus eingeliefert und stirbt. Es gibt weitere Opfer. Aber aus Rücksicht auf die Wirtschaft werden die Todesfälle zunächst verheimlicht und so breitet sich die Krankheit aus. Es ist die Cholera.

Wenn gesundheitliche Probleme totgeschwiegen werden, bleibt Erregern Zeit sich auszubreiten. Auch hier lassen sich Parallelen erkennen zu heute oder zu Ereignissen der jüngeren Vergangenheit: SARS kam in die Welt, weil chinesische Behörden nicht rechtzeitig Alarm schlugen. Ähnlich fatal ist ein irrationales Verhaltensmuster, das Historiker schon aus der Antike kennen, nämlich, die Schuld für Seuchen Minderheiten zuzuweisen. Im Mittelalter etwa machte man Juden für die Pest verantwortlich und tötete sie. Die Seuche wütete natürlich weiter – wurde verbreitet durch Flöhe, die im Pelz von Ratten saßen.

Venedig, 1348

Europa wird vom Schwarzen Tod heimgesucht. Der Rat der Stadt befiehlt rigorose Vorkehrungen zum Schutz vor der Seuche. Todgeweihte Pestkranke lassen die Behörden auf eine vorgelagerte Insel bringen. Schiffe und ihre Besatzungen müssen bis zu 40 Tage vor der Stadt warten, bis sie im Hafen anlegen dürfen. In der Zeit leben die Besatzungen in Häusern auf einer weiteren Insel, die eigens als Quarantäne-Quartier hergerichtet wurde.

Die Quarantäne wird heute noch erfolgreich eingesetzt. Aber auch aus Fehlern und Misserfolgen der der vergangenen Jahrhunderte kann man lernen: Wenn wirtschaftliche Not und politische Instabilität Wegbereiter großer Epidemien sind, dann kann es sinnvoll sein, strauchelnden Staaten zu helfen. Und wenn schlecht oder falsch informierte Menschen zum Opfer von Viren und Bakterien werden, muss man einen Weg finden, sie aufzuklären. Die Auseinandersetzung mit der Geschichte der Seuchen zeigt aber auch noch etwas anderes: Es haben sich Dinge verändert. Es gibt Impfstoffe und Medikamente. Man ist besser als jemals zuvor darauf eingestellt, Seuchen einzudämmen – auch wenn es immer Einzelfall schwierig werden kann.

Hörfunkbeitrag von Rainer B. Langen

Aus der Geschichte lernen - Die großen Seuchenzüge (19.02.2015)

WDR 5 Leonardo | 19.02.2015

Stand: 19.02.2015, 16:05