26.09.1957 - Uraufführung von "West Side Story"

Aufführung "West Side Story" 2012 in der Deutschen Oper Berlin

26.09.1957 - Uraufführung von "West Side Story"

Von Uwe Schulz

Wer sich als Zuschauer ernsthaft der West Side Story aussetzt, wird heute dieselbe Irritation spüren wie das Publikum der ersten Aufführungen in New York: In einem durchschnittlichen Broadway-Musical sterben die Protagonisten nicht am Schluss. In diesem Stück sterben gleich drei. Und dann basiert es auch noch auf einer klassischen Literaturvorlage: Shakespeares Romeo und Julia.

Die vier Macher des Musicals - laut "Times" bis heute das "beste aller Zeiten" - wollen einen anspruchsvollen Stoff mit hochwertigen Stilmitteln auf die Bühne bringen, und sie schaffen es: Leonard Bernstein schenkt dem Broadway mit der West Side Story die Sprache der klassischen Musik, seine Kreativpartner legen mittels Plot, Text und Choreographie den Finger in eine Wunde, die bis heute nicht verheilt ist:

Die lange US-amerikanische Tradition von Chauvinismus und Fremdenhass. In Zeiten des neurechten Populismus ein Thema, das nichts von seiner Brisanz eingebüßt hat und bis heute überall auf der Welt Menschen ins Musiktheater zieht.

Redaktion: Hildegard Schulte

"West Side Story", Musical-Uraufführung (am 26.09.1957)

WDR ZeitZeichen | 26.09.2017 | 14:52 Min.

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Liebe in einer gewalttätigen Welt voller Vorurteile

Vor 60 Jahren, am 26. September 1957, erlebt das Musical "West Side Story" seine Uraufführung am Broadway. Es schreibt Musical-Geschichte, ist überall auf der Welt heute noch zu sehen. Und mit seinem Thema Fremdenhass aktueller denn je.

Natalie Wood in der Hauptrolle als "Maria" und Richard Beymer in der Rolle des "Tony" in der Verfilmung von "West Side Story"aus dem Jahr 1961.

Amerika im Jahr 1955. Die Idee ist, eine moderne Version von Shakespeares "Romeo und Julia" als Musical auf die Bühne zu bringen. Doch es will nicht so recht gelingen. Seit sieben Jahren kauen Komponist, Drehbuchautor und Choreograf darauf herum, ohne Erfolg. Ein Blick auf die Schlagzeile der Zeitung bringt endlich die zündende Idee.
Autor des WDR 5 ZeitZeichens ist Uwe Schulz

Amerika im Jahr 1955. Die Idee ist, eine moderne Version von Shakespeares "Romeo und Julia" als Musical auf die Bühne zu bringen. Doch es will nicht so recht gelingen. Seit sieben Jahren kauen Komponist, Drehbuchautor und Choreograf darauf herum, ohne Erfolg. Ein Blick auf die Schlagzeile der Zeitung bringt endlich die zündende Idee.
Autor des WDR 5 ZeitZeichens ist Uwe Schulz

Es ist ein Artikel über einen tödlichen Bandenkonflikt. Der Anführer einer jungen Gang von Südamerikanern stirbt nach einem Faustkampf mit einem Rivalen aus einer anderen Gang. Das soll ihr Thema sein: eine Liebes-Geschichte inmitten von Bandenkriegen. Noch ahnen die Macher nicht, dass ihr Musical "West Side Story" eines der erfolgreichsten und meistgespielten Musicals der Welt wird. Am 26. September 1957 hat es seine Uraufführung am Broadway.

Noch einmal zurück zu den Anfängen, wie alles begann: Die Männer mit der zündenden Idee sind neben dem berühmten Komponisten Leonard Bernstein (im Bild), der schon bald nach der Premiere Dirigent der New Yorker Philharmoniker wird, noch Drehbuchautor Arthur Laurents und Choreograf Jerome Robbins.

Die meisten Leute hielten die Idee für Quatsch, erinnert sich Leonard Bernstein. "Du kannst kein Musical an den Broadway bringen, in dem es so viel Hass und Feindseligkeit gibt. Aber wir haben daran festgehalten." Sie wollen eines der drängendsten Probleme ihrer Zeit auf die Bühne bringen: Fremdenhass. Damals so aktuell wie heute.

Die "West Side Story" zeigt die Feindseligkeit auf den Straßen von New York, die Bandenkriege zwischen den Zuwanderern aus Puerto Rico und den Weißen im Armenviertel Harlem. Am Ende des Stücks gibt es gleich drei Tote: Riff, der Anführer der US-amerikanischen Jets, sowie Bernardo, der Anführer der puerto-ricanischen Sharks, und Tony, der bei den Jets ausgestiegen ist und zwischen den Fronten steht.

Das moderne "Romeo und Julia" spiegelt sich in der Liebesgeschichte zwischen Tony und Maria wider. Tony ist früherer Anführer der Jets. Und die Puerto-Ricanerin Maria die Schwester des verfeindeten Sharks-Anführers Bernardo.

Die vier Macher der West Side Story – zu ihnen stößt als letzter Musik-Texter Stephen Sondheim – schreiben sich mit dem Stück auch ihren eigenen Frust von der Seele. Sie gehören selbst zu einer Minderheit, genauer genommen sogar zu zweien: Sie sind Juden und sie sind schwul.

"Homosexualität war damals kein großes Thema", erzählt Drehbuchautor Arthur Laurents. "Aber unsere jüdische Herkunft war immer ein Thema, ist es bis heute." Das Gefühl, dass Minderheiten in Amerika benachteiligt werden, habe sie zusammengeschweißt.

Was das Musical so erfolgreich macht: Es ist ein Gesamtkunstwerk – eine realistische Geschichte, mit eingängigen Versen und einer Musik, von der Kenner 60 Jahre nach der Premiere am Broadway noch schwärmen. Die Times nennt es "das beste Musical aller Zeiten". Leonard Bernstein bewegt sich mühelos zwischen ernster Musik und Unterhaltungsmusik, zwischen Pop, Jazz und Klassik.

Carol Lawrence, die Maria spielt, feiert ihre Nominierung für den Tony Award. In den Wochen vor der Uraufführung haben sie das Musical vor kleinerem Publikum in Vor-Premieren getestet. Nach der Schluss-Szene habe absolute Stille geherrscht . "Und ich denke: Also doch, sie hassen das Stück", erzählt Carol Lawrence. Doch wie auf Kommando sei der ganze Saal aufgesprungen. "Ich habe nie wieder solche Ovationen erlebt wie in diesem Sommer 1957."

Mit dem Film, der nur wenige Jahre später 1961 herauskommt, wird die "West Side Story" zum Welthit. Natalie Wood spielt die Hauptolle der Maria (links), an der Seite von Rita Moreno. Der Film wird mit zehn Oscars ausgezeichnet. Songs wie "Maria", "Tonight" oder "Somewhere" zu Evergreens.

"Die West Side Story war nicht nur musikalisch visionär", meint der ehemalige Kulturkritiker der New York Times, Frank Rich. Sie habe die Entwicklung der amerikanischen Gesellschaft vorweggenommen: die Risse zwischen den verschiedenen Kulturen, die in den 60er Jahren schlagartig sichtbar werden.

Es ist vor allem ein Konflikt zwischen Einheimischen und Zuwanderern – im Amerika des 21. Jahrhunderts mit Präsident Trump und seiner Vision einer Grenzmauer zu Mexiko aktueller denn je.

"Wie kann die Liebe in einer gewalttätigen Welt voller Vorurteile überleben? Darum geht es in dem Stück", hat Drehbuchautor Arthur Laurents vor 60 Jahren gesagt – und damit kommen sehen, dass das Thema der "West Side Story" zeitlos ist.

Stand: 15.08.2017, 15:15