50 Jahre Friedensdorf: Wie Bürger sich aufmachten, um Kriegskindern zu helfen

50 Jahre Friedensdorf: Wie Bürger sich aufmachten, um Kriegskindern zu helfen

Das Friedensdorf in Oberhausen ist einmalig in Europa. Vor 50 Jahren begann eine Bürgerinitiative, verletzte Kinder aus Kriegsgebieten nach Deutschland auszufliegen, um sie hier kostenlos medizinisch behandeln zu lassen.

Drei Mädchen schaukeln

Zeitreise in die zweite Hälfte der 1960er Jahre: Kurt Georg Kiesinger ist Kanzler, in Berlin wird die Kommune 1 gegründet, der Schah von Persien und das Farbfernsehen kommen nach Deutschland, der Nahostkonflikt eskaliert im Sechstagekrieg und in Vietnam herrscht schon seit mehr als zehn Jahren Krieg. Am 6. Juli 1967 gründet sich in Oberhausen eine Bürgerinitiative, die nur eines will: Kindern aus Kriegsgebieten helfen.

Zeitreise in die zweite Hälfte der 1960er Jahre: Kurt Georg Kiesinger ist Kanzler, in Berlin wird die Kommune 1 gegründet, der Schah von Persien und das Farbfernsehen kommen nach Deutschland, der Nahostkonflikt eskaliert im Sechstagekrieg und in Vietnam herrscht schon seit mehr als zehn Jahren Krieg. Am 6. Juli 1967 gründet sich in Oberhausen eine Bürgerinitiative, die nur eines will: Kindern aus Kriegsgebieten helfen.

Die Gruppe aus engagierten Bürgern schrieb Krankenhäuser und Ärzte an, um sie davon zu überzeugen, verletzte Kinder aus Kriegsgebieten kostenlos zu untersuchen, zu behandeln, zu operieren. Die Bürgerinitiative baute ein Haus, wo die Kinder nach ihrem Krankenhausaufenthalt weiterhin medizinisch betreut werden konnten, bevor sie wieder in ihre Heimat zu ihrer Familie zurückflogen.

Daran hat sich im Grundsatz bis heute nichts geändert. Das Friedensdorf knüpft Kontakte, holt verletzte Kinder, die in ihren Heimatländern medizinisch nicht versorgt werden können, zur medizinischen Behandlung nach Deutschland und bringt sie wieder nach Hause, wenn die Verletzungen verheilt sind.

Jedes Kind darf bei seiner Abreise eine große Tasche mit Kleidung und Spielzeug mitnehmen. Kinder, die über ihren Aufenthalt im Friedensdorf hinaus Medikamente benötigen, kriegen diese ebenfalls gestellt – wenn es notwendig ist, über viele Jahre hinweg.

"Eine Einrichtung wie das Friedensdorf dürfe es eigentlich nicht geben", meint der Sozialpädagoge Thomas Jacobs, der das Friedensdorf International in Oberhausen seit 2010 leitet. Weil es aber nach wie vor viele Länder gibt, in denen Krieg herrscht und wo es an Ärzten, Medikamenten und Krankenhäusern fehlt, hilft das Friedensdorf hunderten von Kindern jährlich.

Ende des Jahres 1967 kamen die ersten schwerverletzten Kinder und Jugendlichen aus Vietnam in Oberhausen an. Die meisten litten an den Folgen von Napalm-Verbrennungen. 1974 flogen die ersten Patienten wieder nach Vietnam zurück. Schon ein Jahr zuvor organisierte das Friedensdorf den Bau einer Hilfsstation (Bild) und später die Errichtung eines Reha-Zentrums in Vietnam.

Seit 1987 steht Afghanistan weit oben in der Liste der Einsatzländer des Friedensdorfs. Die ersten afghanischen Kinder kamen noch im April 1987 nach Deutschland. Drei Jahre später wurde der Grundstein für ein Friedensdorf in Kabul gelegt, das inzwischen eine Poliklinik ist und vom Afghanischen Roten Halbmond geleitet wird.

Kernstück des Friedensdorfs in Oberhausen ist der Dorfplatz. Dort spielen und toben Kinder aus Afrika, Asien und dem Nahen Osten, verständigen sich mit Händen und Füßen – und haben vor allem eines: Spaß. Die Lebensfreude der Kinder sei immer wieder beeindruckend und motivierend, sagen die Unterstützer und Mitarbeiter, von denen die meisten ehrenamtlich arbeiten.

Im Lernhaus lernen die Kinder deutsch, in der Werkstatt können sie basteln, ins Rehabilitationszentrum kommen sie zur Krankengymnastik. Außerdem werden dort Verbände gewechselt, Physiotherapeuten machen mit den Kindern Krankengymnastik, Ärzte untersuchen die jungen Patienten. Finanziert wird das Friedensdorf über Spenden.

Auch 50 Jahre nach der Gründung gibt es mehr verletzte Kinder, die in ihrer Heimat nicht behandelt werden können, als freie Plätze im Friedensdorf. Deshalb setzt die Bürgerinitiative auf Projekte in Kriegs- und Krisengebieten, damit die kleinen Patienten direkt in ihren Heimatländern medizinisch versorgt werden können. Dass das keine Utopie ist, zeigt das Beispiel Vietnam: Dort existieren heute bereits elf Friedensdörfer, teils mit eigenen Kinderstationen.

Stand: 04.07.2017, 16:57 Uhr