Robert Menasse: "Ich habe die Stadt lieben gelernt"

Robert Menasse im Porträt

Robert Menasse: "Ich habe die Stadt lieben gelernt"

Robert Menasse liebt die Reibung, das Sich-Einmischen und Benennen dessen, was die Menschen und die Zeit, in der wir leben, ausmacht. Im Tischgespräch erzählt er von seinem Roman über Europa, "Die Hauptstadt", für den er den Deutschen Buchpreis erhalten hat.

Es ist ein Roman über Europa, in Zeiten, in denen das politische Konstrukt der Gründer Europas massiv ins Wanken geraten ist: Der österreichisch Schriftsteller Robert Menasse macht Brüssel zum Schauplatz einer Geschichte, bei der die Fäden einer untergehenden Epoche zusammenlaufen.

"Ich habe die Stadt lieben gelernt", erzählt Robert Menasse im Tischgespräch mit Maria Ott. Brüssel habe eine Laborsituation, beschreibt er, "in der im Kleinen all das durchgespielt wird, worum es im gesamteuropäischen Projekt geht."

Maria Ott mit dem Schriftsteller Robert Menasse

WDR 5 Tischgespräch | 11.10.2017 | 47:08 Min.

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Wie kann man in einer Stadt einen ganzen Kontinent verwalten?

Frontalaufnahme einer jungen Frau, deren Gesicht als die europäische Flagge angemalt ist.

Für Menasse ist die EU das Spezifische unserer Epoche

Woher kam sein Interesse für Europa? Er ist Romancier, sagt Menasse. Sein Anspruch ist, von seiner Zeitgenossenschaft zu erzählen. "Zeitgenossen sollen sich erkennen, Künftige uns verstehen." Er habe sich gefragt, was das Spezifische an der Epoche sei, in der er lebt: Es ist die EU, das europäische Einigungsprojekt. "Das hat es in der Geschichte noch nie gegeben", so Menasse. "Ich bezeichne das als schleichende Revolution, dass in einer Stadt die Rahmenbedingungen für einen ganzen Kontinent produziert werden."

Im Vordergrund einige grüne Bäume, im Hintergrund erhebt sich die Glaskuppel des Europaparlaments.

Das Europa-Viertel in Brüssel, Schauplatz des Romans

Es gibt viele Klischees, Vorurteile, was die Beamten dort tun, Vorwürfe, die EU müsste uns besser erklärt werden. Robert Menasse wollte das System verstehen, was gelingt und was nicht gelingt. Er hatte sich zunächst für einen Monat eine Wohnung in Brüssel gemietet, daraus sind zwei Jahre geworden. "Ich wollte wissen, wie das funktioniert: Wie kann man einen ganzen Kontinent verwalten, indem man in einem Glaspalast sitzt, in einer Stadt mit schrulligem Image wie Brüssel?", beschreibt der Schriftsteller.

Europäische Beamte sind literaturtauglich

Er musste die Menschen finden, ihre Geschichten kennenlernen, sie für seinen Roman "casten" – und hat festgestellt: Europäische Beamte sind literaturtauglich. Hilfsbereit seien sie ihm begegnet. "Die Tatsache, dass ich Schriftsteller bin und einen Roman, also Fiktion, schreibe, hat es natürlich einfacher gemacht, als wenn ich gesagt hätte, ich bin Journalist und schreibe eine Reportage." Erstaunt war Menasse, wie offen und transparent die Europäische Kommission arbeitet.

Sein Roman liest sich wie ein Krimi. Es passiert ein Mord. Ein Schwein rennt durch Brüssel. Alle Protagonisten sind verwickelt. Sie sind Idealisten, aber auch tragische Figuren.

Mit nationaler Idenität kann er nichts anfangen

Robert Menasse, Schwarz-Weiß-Porträt 1995

Menasse wollte immer Schriftsteller werden

Robert Menasse ist 1954 in Österreich geboren. Acht Jahre hat er als Universitätslehrer in Sao Paulo gearbeitet. "Ich bin als Österreicher nach Brasilien gegangen und als Europäer zurückgekommen", sagt er. Für ihn gibt es etwas Gemeinsames, ein Empfinden, das sehr spezifisch europäisch ist – aber nur schwer zu beschreiben sei. Dazu zählt auch die Sprache, an die er so großen Anspruch hat. Als Erwachsener habe er Portugiesisch gelernt, aber nie alle sprachlichen Codes verstanden. "Im Zweifelsfall sagt man, was man sagen kann, und nicht, was man sagen will. Dazwischen ist ein großer Unterschied."

An eine nationale Identität glaubt Menasse nicht. "Immer wenn ich mit Österreich konfrontiert bin, so wie es sich selbst darstellt, habe ich keinen Bezug dazu, empfinde höchstens Abwehr." Er ist Wiener – und könne mit Alpen, Lederhosen und verlogen-kitschiger Romantik nichts anfangen. "Ich brauche, um zu wissen, wer ich bin und wo ich zu Hause bin, keine Nation", sagt Menasse.

Kindheit im Internat - "eine Form von Gefängnis"

Der österreichische Autor Robert Menasse und seine Frau Cecile freuen sich am 09.10.2017 während der Verleihung des Deutschen Buchpreises 2017 im Römer in Frankfurt am Main

Tränen der Rührung, als Menasse der Deutsche Buchpreis verliehen wird

In seiner Familie ist er der erste Akademiker. Seine Eltern haben sich früh getrennt. Fast seine gesamte Schulzeit hat Robert Menasse im Internat verbracht. Die einzige Möglichkeit es zu verlassen: im Kopf, durch das Lesen. Das Internat sei eine "brutale Geschichte, eine Form von Gefängnis und Vergewaltigung der Kindheit" gewesen, erzählt er im Tischgespräch. Lesen sei für ihn die einzige Möglichkeit gewesen, es "mit Anstand und Würde zu überleben".

Menasse wollte immer Schriftsteller werden, anstatt eine akademische Karriere zu machen. Als sein erster Roman 1988 erschienen ist, habe er sofort an der Universität gekündigt und sei zurück nach Wien gekommen. Im Nachhinein klinge das mutig, doch die größte Triebfeder für Mut ist Naivität, findet er. "Ich dachte, ich sei nun ein anerkannter Schriftsteller und habe dann feststellen müssen, dass das gar nicht so ist und niemand auf mich gewartet hat."



Das Tischgespräch mit dem Schriftsteller Robert Menasse führte Maria Ott. Es wurde aufgezeichnet, bevor Menasse für seinen Roman "Die Hauptstadt" mit dem Deutschen Buchpreis 2017 geehrt wurde, und steht im Anschluss der Sendung zum Nachhören zur Verfügung.

Redaktion: Volker Schaeffer

Cover des Buches "Die Hauptstdt" von Robert Menasse

Buch:
Robert Menasse: Die Hauptstadt
Suhrkamp Verlag, 2017
459 Seiten, 24,00 €
ISBN 978-3-518-42758-3

Stand: 11.10.2017, 20:05