Albert Speer - Weltweit gefragter Masterplaner

Albert Speer - Weltweit gefragter Masterplaner

Albert Speer ist Masterplaner - er denkt Städte. Sein Vater, Hitlers Architekt, wollte es monumental - er menschlich, nachhaltig. Im Tischgespräch erzählt er von einer Kindheit ohne Emotionen, dem Reiz fremder Kulturen und woran es beim Masterplan für Köln hapert.

Albert Speer: Erklärend vor der Kamera in Portraitaufnahme.

Albert Speer, 1934 in Berlin geboren, ist ein weltweit gefragter Masterplaner. Einer, der Städte sozusagen denkt, bevor gebaut oder abgerissen wird. Er ist Architekt in dritter Generation, lebt und arbeitet in Frankfurt. Sein Vater Albert Speer (1905-1981) war Hitlers Architekt. Er wollte es monumental – der Sohn ganz anders: nachhaltig, menschlich, demokratisch.

Albert Speer, 1934 in Berlin geboren, ist ein weltweit gefragter Masterplaner. Einer, der Städte sozusagen denkt, bevor gebaut oder abgerissen wird. Er ist Architekt in dritter Generation, lebt und arbeitet in Frankfurt. Sein Vater Albert Speer (1905-1981) war Hitlers Architekt. Er wollte es monumental – der Sohn ganz anders: nachhaltig, menschlich, demokratisch.

Der Vater an der Seite Hitlers: Zeit seines Lebens ist für Albert Speer die Erinnerung an den berühmt-berüchtigten Vater präsent – obwohl sie eher von außen an ihn herangetragen wird, die eigene Erinnerung blass ist. Er ist das älteste von sechs Kindern. "Erst war der Vater nie da, dann war er Kriegsverbrecher", hat Sohn Arnold einmal gesagt. "Es hat keine enge Beziehung zu diesem Menschen gegeben. Der Vater spielte überhaupt gar keine Rolle", erzählt Albert Speer junior, heute 82 Jahre alt, im Tischgespräch mit Maria Ott.

Das Gleiche gilt für die Mutter. Sie sind mit Kinderschwester und Personal aufgewachsen, zunächst in Berchtesgaden. Als der Vater nach dem Krieg ins Gefängnis kam, zog die Mutter mit den Kindern zu den Großeltern nach Heidelberg. "Die Eltern waren eigentlich nicht da", sagt Speer. Sie waren für ihn austauschbare Menschen. Emotionen kannte er nicht, musste sie im Laufe seines Lebens erst lernen. So erklärt er auch sein heftiges Stottern über Jahre und Jahrzehnte, das er aber "pro aktiv bekämpft" habe.

Kommt die Distanz zum Vater auch daher, weil er immer gespürt hat, dass etwas nicht stimmt? "Das glaube ich weniger", so Albert Speer. Das Märchen vom guten Nazi: Als dieser hat sich der Vater in der Nachkriegszeit bis in die 80er Jahre ausgegeben. "Dass er nichts gewusst hat, das habe ich ihm nie geglaubt." Speer hat sich intensiv mit der Geschichte und Bedeutung seines Vaters auseinandergesetzt, sich aber auch lange davor gedrückt, sagt er. "Ich habe das gemacht, als er aus dem Gefängnis wieder da war und er auch als Person wieder präsent war."

Der Vater Albert Speer saß 20 Jahre – bis 1966 – im Kriegsverbrechergefängnis in Berlin-Spandau. 1946 wurde er während der Nürnberger Prozesse wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit schuldig gesprochen (Speer, hintere Reihe rechts auf der Anklagebank). "Wir durften den Vater in Spandau besuchen, eine halbe Stunde pro Monat. Die Besuche habe ich in schlimmer Erinnerung, weil man sich darauf vorbereitet, meint irgendetwas Besonderes erzählen zu müssen, obwohl nichts Besonderes passiert war", erinnert sich Albert Speer im Tischgespräch. Wie war es für die Mutter? "Da will ich nicht viel spekulieren: Sie ist nicht damit fertig geworden."

Hitlers Architekt Albert Speer beschrieb sich in seinen Memoiren als geläuterten Nazi, der nichts von den Verbrechen wusste. Eine neue Ausstellung im NS-Dokumentationszentrum in Nürnberg widerlegt diese Legende, zeigt ihn als Rüstungsminister und führenden NS-Täter. "Ich habe den Vater immer als Künstler betrachtet, der mehr oder weniger zufällig durch seinen Charme, seine Intelligenz in eine Rolle gerutscht ist, die er dann nicht mehr beherrscht hat", so Speer.

Er selbst – hier mit Anfang 30 – hat den Beruf seines Vaters und Großvaters gewählt. Wegen seines Stotterns habe er nicht viele andere Chancen für sich gesehen. Deswegen hat er die Schule abgebrochen, eine Schreinerlehre gemacht – mit Hilfe des Großvaters, der Vater der Mutter, der eine Schreinerei in Heidelberg hatte. Er macht das Abitur an der Abendschule. "Mit größter Mühe habe ich bestanden." Zwänge könne er bis heute nicht ausstehen. Er liebt die Kreativität, das eigene Denken, die Unabhängigkeit in dem, was man selber tut. In München studiert er Architektur, gründet in den 60er Jahren in Frankfurt sein erstes Büro. 25 Jahre lang ist er zudem Hochschullehrer für Stadtplanung in Kaiserslautern.

Mit vielen Projekte macht Albert Speer auf sich aufmerksam, national und international: In den 70ern entwirft er mit seinem Team das Diplomatenviertel von Riad in Saudi-Arabien. Er ist am Bau der Allianz-Arena in München beteiligt und der Expo 2000 in Hannover. Er liebt offene Büros und offene Türen ohne Hierarchien, wo jeder ansprechbar ist. Das einzige Haus, das er wirklich bis ins Detail von Anfang bis Ende entworfen hat, sei sein Ferienhaus in Murnau in Oberbayern.

Albert Speer hat einen Hang zur Internationalität, erzählt er im Tischgespräch, ihn reizt die Auseinandersetzung mit fremden Kulturen. Er entwickelt Konzepte für das Leben in Megacitys, unter anderem in China. In Shanghai, wo seine Firma ein eigenes Büro hat, hat er einen ganzen Vorort entworfen: Anting German Town, eine typisch deutsche Neubausiedlung. Ihn fasziniert das völlig andere Denken der Chinesen, der völlig andere Umgang miteinander. "Die Europäer denken in Prozessen, sie beginnen eine Aufgabe und wissen nicht, wie das Ende aussieht. Die Chinesen denken in Bildern. Das, was sie denken, ist fix und fertig." Vorschläge würden entweder akzeptiert, wenig kommentiert oder es werde höflich "Vielen Dank" gesagt.

Bleibt ein Unbehagen, in Ländern zu bauen, die demokratischen Regeln nur bedingt folgen? "Unbehagen nein – Zweifel und Skepsis schon", so Speer. Seit über 30 Jahren sei er mit seiner Firma in Saudi-Arabien tätig. Sie versuchen, menschliche Maßstäbe zu setzen und nachhaltige Entwicklungen anzustoßen – "mit immer größer werdendem Erfolg", findet Speer.

An den Bauten für die Fußballweltmeisterschaft 2022 in Katar ist Speers Büro nicht mehr beteiligt. "Wir sind ausgewählt, gefragt worden, das fachlich-inhaltliche Bewerbungsverfahren zu organisieren", erzählt Albert Speer. "Wir haben gesagt: Eigentlich seid ihr die Falschen. Das Land ist trostlos, zu heiß, zu trocken." Gemeinsam mit den Kataris hätten sie ein Konzept entwickelt, dass Stadien, die gebaut werden, etwas mit Katar zu tun haben. "Was jetzt gebaut wird, hat mit Katar nichts zu tun, das könnte auch in Südamerika stehen", kritisiert er.

Der Gedanke, die Stadien so zu bauen, dass sie rückbaubar sind, das heißt, dass Teile von Rängen in ärmeren Ländern wieder aufgebaut werden könnten – wie die Kataris es zugesagt hätten – davon sei jetzt nicht mehr die Rede. "Unser nachhaltiger, katarischer, kultureller Ansatz, auf den wir sehr stolz waren und der dazu beigetragen hat, dass Katar die Spiele gewonnen hat, ist in der Realität der Umsetzung unter amerikanischem Einfluss in der Wüste versandet."

Für Köln hat Albert Speer vor gut zehn Jahren einen Masterplan entwickelt, unabhängig von gesetzlich festen Regeln. Der Rhein sollte urbane Bühne, der Ebertplatz zurückgebaut, der Grüngürtel erweitert werden. Die großen Ideen sind aber häufig Ideen geblieben: Die Verwaltungsstruktur sei schwierig, sagt Speer. Man müsse Menschen dazu bringen, Prioritäten zu setzen, Dinge vorzuziehen, Budgets zur Verfügung zu stellen. Oft fehle es an Kontinuität, Priorität und Persönlichkeiten.

Speers Fazit: "Wir müssen schneller denken und entscheiden. Wir sind zu reich, deswegen leisten wir uns diese langsame Geschwindigkeit und diesen Blödsinn." Andere, die diese Gelder nicht hätten, agierten viel schneller. Worauf er stolz ist: Dass der Masterplan in Köln, trotz aller Langsamkeit, "das Maß aller Dinge" ist. "Wenn etwas gebaut wird, wird immerhin gefragt, ob das mit dem Masterplan übereinstimmt. Wenn nicht, erwartet die Politik eine Begründung."

Mit 82 Jahren hat Albert Speer Anfang des Jahres sein Büro "AS & P" an seine Nachfolger übergeben. Er ist noch gern gesehener Gast, erzählt er, trägt aber keinerlei Verantwortung mehr. "Kontinuität ist ungeheuer wichtig. Mit meinem Ende tritt nicht die große Katastrophe ein. Viele meiner Kollegen haben das nicht geschafft und meinen, mit über 80 Jahren immer noch bestimmen zu müssen."

Stand: 11.05.2017, 07:47 Uhr