Doku-Serie: Der Anhalter

Anhalter Heinrich

Doku-Serie: Der Anhalter

Von Stephan Beuting und Sven Preger

Er hat seine Kindheit in der Psychiatrie verbracht, mehr als 14 Jahre lang. Weggesperrt, geschlagen, missbraucht - in den 1950er und 60er Jahren war das. Sein Leben hat er danach nie so richtig auf die Kette gekriegt. Nun will Heinrich nur noch Schluss machen und sucht eine Mitfahrgelegenheit.

Diese Geschichte erzählt der Anhalter den Journalisten Stephan Beuting und Sven Preger. Unabhängig voneinander, mit einem Jahr Abstand. Am selben Ort: einer Tankstelle am Kölner Verteilerkreis. Das ist kein Zufall: Denn Heinrich ist seit Jahrzehnten als Tramper unterwegs. Als die beiden Reporter sich zufällig davon erzählen, beschließen sie, sich auf die Suche zu machen: nach diesem Mann und nach der Wahrheit? Was ist, wenn nur ein Bruchteil von seinen Geschichten stimmt? Wenn er wirklich als Kind in einer Psychiatrie geschlagen und missbraucht wurde? Dann ist er eines von tausenden Kindern, die bis heute auf eine Entschädigung warten.

Aktualisierung: Heimkinderfond II
Am 16.06.2016 haben sich der Bund, die Länder und die Kirchen auf die Gründung einer Stiftung geeinigt, die die ehemaligen Heimkinder in Behinderteneinrichtungen und Psychiatrien entschädigen soll. Fünf Jahre nach dem Fond für Heimkinder sollen dann ab 2017 auch Geschädigte dieser Einrichtungen Geld bekommen, jeweils 9000€.
Das würde auch Anhalter Heinrich betreffen und wäre - wieder einmal - ein neues Kapitel in seinem Leben.

Folge 1: Letzte Ausfahrt Zürich - 05. Juni
Heinrich hat schon viel zu lange gelebt, sagt er, ist schon viel zu viel gereist. Jetzt eben nur noch diese eine Reise, die letzte, nach Zürich zu Dignitas. Heinrich will Schluss machen – und benötigt Sterbehilfe.

Doku-Serie Der Anhalter (1/5): Letzte Ausfahrt Zürich

WDR 5 Tiefenblick | 05.06.2016 | 27:55 Min.

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Folge 2: Geschlossene Anstalt - 12. Juni
Satt und sauber. Das war häufig das Motto in Kinder- und Jugendpsychiatrien im Nachkriegs-Deutschland. Es ging weniger um das Wohl des Kindes, sondern vor allem um Ruhe und Ordnung. Ein geschlossenes System, in dem die Angst regierte.

Doku-Serie Der Anhalter (2/5): Geschlossene Anstalt

WDR 5 Tiefenblick | 12.06.2016 | 29:22 Min.

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Folge 3: So ein Schwachsinn - 19. Juni
Heinrich Kurzrock stellt sich seiner Vergangenheit. Er betritt das Klinikgelände des ehemaligen St. Johannes Stiftes. Heute ist es eine moderne Kinder- und Jugendpsychiatrie. Doch in den 50er und 60er Jahren war es für Heinrich die Hölle.

Doku-Serie Der Anhalter (3/5): So ein Schwachsinn

WDR 5 Tiefenblick | 19.06.2016 | 29:23 Min.

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Folge 4: Mitfahrgelegenheiten - 26. Juni
Nach seiner Kindheit in der Psychiatrie des St. Johannes-Stifts in Marsberg, hat Heinrich Kurzrock auf der Straße gelebt. Ein Leben als Anhalter. Absetzen, neu einsteigen, weiterfahren, immer wieder. Hier hat Heinrich vor allem eines gelernt: Überleben.

Doku-Serie Der Anhalter (4/5): Mitfahrgelegenheiten

WDR 5 Tiefenblick | 26.06.2016 | 29:21 Min.

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Folge 5: Zahltag - 03. Juli
Ein Anhalter und seine Geschichte, damit hat alles angefangen. Am Kölner Verteilerkreis. Doch was wird nun aus Heinrich, dem Psychiatriegeschädigten? Stellen sich die Täter von damals heute ihrer Verantwortung? Denn Heinrich hätte da noch diesen einen, großen Wunsch.

Doku-Serie Der Anhalter (5/5): Zahltag

WDR 5 Tiefenblick | 03.07.2016 | 29:32 Min.

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Von Stephan Beuting und Sven Preger
Redaktion: Leslie Rosin
Produktion: WDR 2016

Am Anfang war Heinrich einfach nur ein Anhalter
von Stephan Beuting

Da stand dieser Typ vor mir, Truckerweste, Baseballkäppi, Krücke, Zigarette. "Fahr dein Auto mal hierhin, damit ich mich reinsetzen kann,“ sagt er. Und mir kommen zwei Gedanken: Der raucht hier in unmittelbarer Nähe der Tankstelle und zweitens: der ist mir einfach unheimlich. Ich könnte also einfach einsteigen und wegfahren und wäre den los. Mache ich aber nicht. Ich höre ihm zu und deshalb beginnt die Geschichte hier.
Es ist der 08. September 2014, kurz vor Mitternacht. Heinrich erzählt mir an dem Abend von seinem Leben, von seiner Jugend in der Psychiatrie, von Schlägen und emotionaler Verwahrlosung. Bis er endlich 21 war. Seitdem sei er zwar frei, aber ein Zuhause habe er nicht. 40 Jahre Leben auf der Straße. Heinrich erzählt mir von Knochenkrebs und Knochenschwund. Deswegen muss er sich hinsetzen. Und von seinem Plan nach Zürich zu fahren, zu Dignitas. Schluss machen. Dabei hebt er seine Baseballmütze und zeigt mir eine große Beule am Kopf, das sei ein Gehirntumor, nicht zu operieren, acht Wochen habe er noch.
Eine halbe Stunde sitzen wir im Auto, Heinrich erzählt und ich frage mich, wie einer soviel aushalten kann. Danach gehen wir zum Geldautomaten, 50 Euro für eine letzte Nacht in Würde. Dann höre ich nichts mehr von ihm. Bis zu dem Abend, an dem ich Sven Preger die Geschichte erzähle. Sven ist Freund und Kollege und kennt Heinrich. Ihm ist das Gleiche passiert, allerdings elf Monate früher. Wir beschließen diesen Anhalter zu suchen.

Wie findet man einen Anhalter?

Anfangs wissen wir nur seinen Namen und die Stadt, in der sein Personalausweis ausgestellt worden ist. Wir ziehen Melderegisterauskünfte ein, recherchieren im Netz, telefonieren mit Einrichtungen für Wohnungslose. Dignitas in Zürich sagt zwar nichts, aber dafür helfen uns andere. Ein halbes Jahr später haben wir ihn gefunden. Heinrich lebt 350 Kilometer weiter südlich in Großerlach, und er will uns treffen.
In den nächsten eineinhalb Jahren verändert sich viel, bei Heinrich und bei uns. Wir erfahren, was damals in den 50er und 60er Jahren für Zustände in den Psychiatrien geherrscht haben. Wie schwer es für jeden einzelnen von den damaligen Patienten ist, nach dieser Zeit ein normales Leben zu führen. Wir erfahren, dass die Opfer von damals bis heute nicht entschädigt worden sind und die Politik gerade erst dabei ist, die Weichen für den Heimkinderfonds II zu stellen, bei dem endlich auch die Psychiatrieopfer mit einbezogen werden sollen.

Selfie mit Anhalter, v.l.n.r. Stephan Beuting, Heinrich Kurzrock, Angela Müller und Sven Preger

Selfie mit Anhalter, v.l.n.r. Stephan Beuting, Heinrich Kurzrock, Angela Müller und Sven Preger

Wir haben schon früh eine Ahnung davon, dass Heinrichs Leben spannend ist, dass die Entschädigungsfrage eine politische ist. Was wir nicht wissen, wie viel Vertrauensarbeit nötig ist und wie viel Rechercheaufwand in jeder einzelnen von Heinrichs Geschichten steckt. Dabei lernen wir Menschen kennen, die Heinrich zugehört und geholfen haben. Wir lernen, wie Heinrich sich ein System aus Geschichten und Täuschungen aufgebaut hat, um zu überleben. Und wir lernen, dass wir viel besser mit Heinrich reden können, wenn wir vorher an Kaffee und Tabak gedacht haben.

Stand: 24.05.2016, 13:20