"Radiohören hilft im Auto gegen Stress"

Frau bedient ein Autoradio

"Radiohören hilft im Auto gegen Stress"

Zeitdruck und Stau sind eine schlechte Kombi – und lösen bei vielen Menschen Stress aus. Warum das so ist und was man dagegen tun kann, erklärt der Verkehrspsychologe Peter Kiegeland im WDR 5-Interview.

WDR 5: Die "Stressstudie 2016" der Techniker Krankenkasse kommt zu dem Ergebnis: Pendeln macht krank. Warum ist das so?

Peter Kiegeland

Verkehrspsychologe Peter Kiegeland

Peter Kiegeland: Das ist einfach eine Menge zusätzlicher Stress für die Leute. Die wenigsten pendeln aus Begeisterung, sondern immer aus einer Zwangslage heraus. Die Zeiten, die man dafür einplant, werden oft mit optimalen Verkehrsverbindungen berechnet. Und wie jeder, der selbst pendelt, schon oft erfahren hat: Diese Verbindungen klappen eben nur manchmal optimal. Sehr oft klappen sie eben nicht. Und das macht dann eben Stress.

WDR 5: Was passiert mit mir, wenn ich im Stau stehe? Warum stresst mich das so?

Kiegeland: Es gibt einmal die objektiven Gründe: Man hat vielleicht Termine, man hat seinen Arbeitsanfang, man möchte nicht schon wieder zu spät kommen. Aber selbst, wenn Sie in der komfortablen Situation sind, dass Sie sowas wie Gleitzeit haben, haben Sie eben doch Ihre persönlichen Ziele.

Das heißt, Sie möchten zu Ihrem Arbeitsplatz. Und wenn Sie dann nicht vorwärts kommen oder den Weg nicht so wie geplant zurücklegen können, dann entsteht natürlich Stress. Das ist auch der Stress, den man hat, wenn man an anderer Stelle im Stau steht, also selbst wenn es nichts mit Pendeln zu tun hat. In dem Moment, in dem man ein Ziel erreichen möchte und daran gehindert wird, reagiert der Körper darauf mit Stress.

WDR 5: Was kann ich tun, um mich im Verkehr nicht stressen zu lassen? Wie kann ich die Zeit im Stau sinnvoll nutzen?

Kiegeland: Inwieweit man den Stress tatsächlich zulässt oder auslebt, ist natürlich auch eine Frage der persönlichen Einstellung. Manche Leute sind stressresistent, wie es so schön heißt. Denen macht es nicht ganz so viel aus, anderen macht es was aus.

Schafe blockieren Straßenverkehr

"Irgendwann gibt's einen Punkt, wo der Stress wieder aufhört"

Grundsätzlich ist es eine gute Maßnahme, ausreichende Zeitpuffer einzuplanen. Aber auch das wird nicht immer helfen, weil manchmal die Verzögerungen wirklich groß sind. Was kann man tun? Wenn Sie im Auto fahren, bieten sich Hörbücher an, wenn Sie gern Musik hören auch das. Radiohören ist auch ein beliebtes Mittel. Das alles hilft aber nicht, wenn Sie eine Zeitvorgabe haben.

WDR 5: Dann muss ich mich dem Stress einfach hingeben?

Kiegeland: Ja. Man kann versuchen, Anti-Stress-Techniken einzusetzen, also Entspannungsübungen, die eigenen Gedanken kontrollieren. Aber wenn Sie Ihr Zeitziel nicht erreichen und das relativ starke Konsequenzen hat, dann stresst das halt. Das ist eine ganz natürliche Reaktion. Man kann diese objektiven Gegebenheiten auch nicht weg reden.

Es gibt allerdings irgendwann einen Punkt, wo der Stress wieder aufhört. Nämlich dann, wenn völlig klar ist, dass man es definitiv überhaupt nicht mehr schaffen kann. Wenn Sie fünf Minuten zu spät kommen könnten, löst das Stress aus. Wenn völlig klar ist, dass Sie den Termin sowieso nicht schaffen und Sie einfach eine halbe Stunde zu spät kommen, dann ist das für die meisten Menschen wiederum stresslösend, weil das Ziel dann einfach nicht mehr erreichbar ist.

WDR 5: Dann könnte man ja, wenn man ganz frech ist, einfach gar keinen Zeitpuffer einplanen, immer eine halbe Stunde zu spät, aber dafür ganz relaxt ankommen.

Kiegeland: Ja, Sie stressen damit allerdings Ihre Umwelt! Lebenseinstellung kann das auch nur in Ausnahmefällen sein. Die meisten Leute haben diese sozialen Freiräume nicht.

Das Gespräch führte Kristina Reymann-Schneider.

Stand: 05.04.2017, 14:00