Fischer trifft Kermani: Die Welt aus den Fugen

Joschka Fischer und Navid Kermani

Fischer trifft Kermani: Die Welt aus den Fugen

Über die Zukunft der Demokratie diskutierten Ex-Außenminister Joschka Fischer und der Schriftsteller Navid Kermani am Montag (13.02.2017) im Schauspiel Köln. Jeder Bürger müsse in diesen Zeiten Verantwortung übernehmen, waren sich beide einig.

Wenn die Weltlage tragischer ist als jedes Theaterstück, müssen Gedanken auf die Bühne. Das mag sich der Schriftsteller Navid Kermani gedacht haben, als er den ehemaligen Außenminister Joschka Fischer zur Diskussion ins Schauspiel Köln gebeten hat.

In der Rolle des Elder-Statesman machte Fischer den Aufschlag für die Veranstaltung: "Wir sind Zeitzeugen: Die Welt geht aus den Fugen. Jeden Morgen kann man den Nachrichten auf WDR 5, wo auch immer, entnehmen, welche Fuge sich gerade weiter öffnet und wo sich die grundsätzlichen Ordnungen anfangen zu verschieben oder aufzulösen."

Nachkriegsordnung ist erschüttert

Derzeit verschieben sich zentrale politische Koordinaten. Wie zuletzt bei der Zeitenwende von 1989, analysierte der Ex-Außenminister in seinem kurzen Impulsreferat. Es sei neu, dass die USA nicht mehr verlässlich an Europas Seite stünden und dass Rechtspopulisten auch in Europa nach der Macht griffen. Die Nachkriegsordnung sei auf der politischen und der wirtschaftlichen Ebene komplett ins Rutschen geraten – auch mit Blick auf die Grundwerte.

Welche Grundwerte geben wir uns?

Joschka Fischer

Joschka Fischer: "Ich will keine normative Welt"

"Ich selbst bin Kind von vertriebenen Flüchtlingen", sagte Fischer. "Als die Flüchtlinge kamen, kam es wieder hoch, wie es damals war." Insofern ginge es nun um die Frage, ob wir an den Grundwerten festhalten, die unsere Republik seit 1949 erfolgreich gemacht haben. "Oder wollen wir eine normative Welt, in der plötzlich wieder Hautfarbe, Religion und Herkunft als Unterscheidungsmerkmal zählt? Ich will das nicht."

Kermani: "Nehmt es selber in die Hand!"

Jeder einzelne sei in der Verantwortung, die europäischen Grundwerte zu verteidigen. Da waren sich beide Diskutanten einig. "Es wird darum gehen, ob Sie begreifen, welche Verantwortung Sie da haben", wandte sich der ehemalige Außenminister ans Publikum. "Nehmt es selber in die Hand!", mahnte der Schriftsteller Kermani.

Europa als großes Freiheitsprojekt

Bildungsuntergang im Abendland

Navid Kermani: "Alle Menschen sind gleich"

Doch was macht den Kern dieser Grundwerte, die verteidigt werden müssen, eigentlich aus? Das zu klären, prägte einen Gutteil der Debatte. Navid Kermani hatte hier eine kleine Überraschung zu bieten. Er fasst Europa nicht in erster Linie als Friedens-, sondern als Freiheitsprojekt auf. "Die gedankliche Revolution, die durch die monotheistische Religion hineinkam, war das Gleichheitsgebot. Alle Menschen sind gleich", erklärte Kermani. "Dieser Gedanke – säkularisiert – ist der europäische Kerngedanke."

Fischer: "Heute sind Adenauers Qualitäten gefragt"

Freiheit für alle als Kerngedanke Europas. Diese Idee macht nicht an Europas Grenzen halt. Und sie ist zugleich eine Kampfansage an rechtspopulistische Parteien wie die AfD. Als erklärter politischer Gegenspieler, waren die Rechtspopulisten im Geiste immer mit auf der Bühne. Besonders, wenn es darum ging, Europa zu verteidigen. Europa dürfe gerne ein Eliteprojekt sein, meint Fischer. "Ja, eine solche Elite wünsche ich mir wieder, die zu solchen Projekten in der Lage ist. Wir kommen jetzt wieder in eine Zeit, da sind eher wieder die Qualitäten von Adenauer gefragt. Als von Leuten von der Stange."

Fazit: EU muss reformiert werden

Joschka Fischer und Navid Kermani haben im Schauspiel Köln kein Streitgespräch vorgeführt, sondern eine gemeinsame Übung in Sachen Selbstvergewisserung. Die Anzahl konkreter Hinweise, wie denn jeder einzelne Adenauer des Alltags sich angesichts der unsicheren Weltlage verhalten soll, blieben allerdings überschaubar. Manches lief am Ende fast auf Binsenweisheiten hinaus: Die Europäische Union muss reformiert werden und: Wer politische Gegner überzeugen will, muss mit ihnen sprechen.

Autorin des Hörfunkbeitrags ist Tamara Tischendorf.

Die Welt aus den Fugen

WDR 5 Morgenecho - Beiträge | 14.02.2017 | 04:13 Min.

Download

Die gesamte Diskussion zum Nachhören:

WDR5 Spezial: Die Welt aus den Fugen

WDR 5 | 13.02.2017 | 55:11 Min.

Download

Stand: 14.02.2017, 09:00