"Mittelerde" - was Hobbit-Fans begeistert

Zwei Fans haben sich als Hobbit-Damen verkleidet

"Mittelerde" - was Hobbit-Fans begeistert

Von Stefan Servos

Die Fantasiewelle schwappte in den 80ern nach Deutschland. Mit den Filmen kam der Hype. Die jungen Fans heute kreieren Kostüme der Sagenfiguren nach, zeichnen Gemälde, schreiben Kurzgeschichten über Tolkiens Welten. Und sie teilen im Netz ihren Fankult.

J.R.R. Tolkien, britischer Schriftsteller, sitzt in einem Garten

J.R.R. Tolkien

Vor über 100 Jahren, die Deutschen waren gerade im französischen Péronne einmarschiert, schrieb ein junger Brite während des Urlaubs auf der Farm seiner Tante im ländlichen England ein Gedicht über einen Seefahrer, der in den Himmel segelt. Der Name des Jungen lautete J.R.R. Tolkien, und sein Gedicht "The Voyage of Éarendel the Evening Star" gilt als der Grundstein seines berühmten Mittelerde-Epos, das sich nicht erst seit der pompösen Herr-der-Ringe-Filmtrilogie (2001 - 2003) zu einem popkulturellen Phänomen entwickelt hat. Aber was begeistert die Fans eigentlich an dem Werk des englischen Philologen?

Jeder findet seine eigenen sinnstiftenden Aspekte

Porträt Stefan Servos

Autor Stefan Servos

Fasziniert von alten Sprachen und Mythen begann der damals 22-Jährige mit dem Unterfangen, seiner britischen Heimat eine eigene Mythologie zu erschaffen. Es sollte sein Lebenswerk werden, dessen sperriges Kernwerk mit dem "Silmarillion" und der "History of Middle-earth" erst nach seinem Tod (1973) veröffentlicht wurde. Aber schon die zu seinen Lebzeiten veröffentlichten Romane, das Kinderbuch "Der Hobbit" (1937) und der 1200-Seiten-Wälzer "Der Herr der Ringe" (1954/1955), boten bedingt durch ihre mythologische Natur und deren zeitlose Themen jedem Leser, quer durch alle Altersgruppen und über Jahrzehnte hinweg, die Möglichkeit, sich ganz eigene sinnstiftende Aspekte herauszuziehen.

Über den Autor
Seine Leidenschaft für Tolkiens fantastische Welten entdeckte Fernsehautor Stefan Servos (Jahrgang 1975) Anfang der 80er Jahre durch das WDR-Hörspiel "Der Hobbit" (Sendungen in WDR 5: 26.-30.12.2016, jeweils 15 bis 16 Uhr). Als Betreiber der deutschen Fan-Website www.herr-der-ringe-film.de wurde er während der Produktion der Filmtrilogie vom deutschen Filmverleih als Berater engagiert und durfte unter anderem die Dreharbeiten in Neuseeland besuchen. Als aktives Mitglied der Deutschen Tolkien Gesellschaft veröffentlicht er bis heute regelmäßig Texte und hält Vorträge zum Werk von J.R.R. Tolkien.

Studenten trafen sich zu Hobbit-Frühstücken in Stadtparks

In der Ära von Sex, Drugs and Rock’n’Roll, während des Vietnam-Kriegs und der Protestbewegung gegen das Establishment hatte die amerikanische Flower-Power-Generation das Werk für sich entdeckt. Die Hippies feierten Tolkiens Vision als eine Kritik am Materialismus, als Anti-Kriegsbotschaft und als Plädoyer für die Umwelt. Studenten trafen sich zu Hobbit-Frühstücken in Stadtparks, und Woodstock-Bands wie "Ten Years After" widmeten Tolkien ihre Songs. Als streng gläubiger Katholik waren dem Autor selbst diese Auswüchse eher unheimlich, und er wehrte sich stets gegen jeglichen Personenkult.

Gegenentwurf zum kleinbürgerlichen Mief

Ein Tolkien-Fan als Gott Manwe aus "Das Silmarillion"

Ein Tolkien-Fan als Gott Manwe aus "Das Silmarillion"

Als die erste Ausgabe von "Der Herr der Ringe" 1969 in Deutschland erschien, war das Interesse vergleichsweise gering. Nach dem Germanenkult während des Dritten Reichs hatte die Nachkriegsgeneration offenbar genug von mythologischer Verklärung und suchte in Werken von Grass, Reich und Marx nach erlösender Sachlichkeit. Erst im Laufe der 80er-Jahre schwappte die Fantasy-Welle nach Deutschland über und hierzulande entdeckten überwiegend junge Menschen ihre Faszination für fantastische Welten. Sie sahen ihre romantische Sehnsucht nach Sagengestalten als Gegenentwurf zur deutschen Nüchternheit mit ihrem kleinbürgerlichen Mief in verklinkerten Reihenhäusern. Vom deutschen Feuilleton geächtet, hatte es Tolkiens Werk in Deutschland dabei nie wirklich einfach und eroberte sich erst nach und nach einen festen Platz in den Regalen der Buchhandlungen.

Um die halbe Welt reisen und Gleichgesinnte treffen

Hobbitdarsteller Martin Freeman

Für die Hollywood-Adaption wurde das Kinderbuch "Der Hobbit" auf drei epische Filme aufgeblasen

Den entscheidenden Erfolgsschub erlebte das Werk schließlich 2001 mit der Verfilmung durch den neuseeländischen Regisseur Peter Jackson. Zeitgemäß umgesetzt für eine moderne Zuschauerschaft, begeisterten die Filme Millionen und verhalfen den Romanen zu einem neuen Grad der Bekanntheit. Das Internet kam gerade erst auf und machte es plötzlich möglich, sich mit Fans auf der ganzen Welt auszutauschen, wodurch die Tolkien-Community ungeahnte Ausmaße annahm und manche Fans auch gerne mal um die halbe Welt reisten, um Gleichgesinnte zu treffen oder die Drehorte der Verfilmung persönlich zu besuchen.

Sehnsucht nach Entschleunigung

Heute, mehr als zehn Jahre nach der Filmtrilogie und nach den obligatorischen Prequels in Form der Hobbit-Verfilmung (2012 – 2014), findet eine neue Generation von Lesern zum Werk des Professors. Die jungen Fans sehen in der Erzählung, beeinflusst durch die Verfilmungen, eine Allegorie über Zusammenhalt und Freundschaft. Und so entwickelt sich das Lebenswerk des Autors für so Manchen inzwischen zum Lebensratgeber in Zeiten sozialer Irritationen - begründet im Verlangen nach Entschleunigung und einer Rückbesinnung zu den einfachen Aspekten des Lebens.

Fankult mit beeindruckendem Perfektionismus

Der Zauberer Saruman (in den Verfilmungen: Christopher Lee) in einer weiblichen Gestalt

Der Zauberer Saruman in einer weiblichen Gestalt

In ihrer Sehnsucht kreieren viele Fans mit beeindruckendem Perfektionismus detailgetreue Kostüme der sagenumwobenen Figuren, zeichnen Gemälde oder schreiben Kurzgeschichten über Tolkiens Welten. Sie leben ihren Fankult im Netz, in diversen Communities, in Foren und sozialen Netzwerken - und treffen sich dann auch im realen Leben, bei Fantasy-Messen wie zum Beispiel der HobbitCon. Das Werk Tolkiens entwickelt sich zur sinnstiftenden Erzählung, die Identität, übergreifende Erklärungen und Orientierung im Leben vermittelt. Eigenschaften, die Literaturwissenschaftler üblicherweise mythologischen Erzählungen zuschreiben. Somit hat Tolkien letztendlich sein Ziel erreicht, eine Mythologie im eigentlichen Sinne zu schaffen.

Rückblick: Die HobbitCon brachte 2016 das Auenland nach Bonn

Von Merlin van Rissenbeck

Zum dritten Mal findet in Bonn die Fantasy-Messe HobbitCon statt. Hunderte Fans aus aller Welt treffen sich mit ihren bunten Kostümen in einem Bonner Hotel. Bis zum 3. April trifft sich hier eine große Fangemeinde, die eines gemeinsam hat: Die Liebe zu J. R. R. Tolkien.

Drei weibliche als Fantasyfiguren verkleidete Fans

Janine, Jana und Daniela sind aus der Schweiz angereist und haben sich für Elbenkostüme entschieden.

Janine, Jana und Daniela sind aus der Schweiz angereist und haben sich für Elbenkostüme entschieden.

Nafiye, Tamara und Michelle haben sich als Hobbits verkleidet...

... und zeigen ihre haarigen Hobbitfüße.

Janina hat selbst ein bisschen Angst, wenn sie in den Spiegel schaut.

Sunni und Enrico sind aus Italien angereist und arbeiten im echten Leben als Tätowierer und Verkäufer.

Mara aus Amsterdam hat ihr Kostüm zum Teil aus Bierdosen selbst gebastelt.

Für dieses Kostüm nimmt Emilia auch eine eingeschränkte Sicht in Kauf.

Diese finsteren Gestalten kommen aus Österreich.

Stand: 15.12.2016, 15:02