Margaret Atwood: "Ich kann nichts anderes als Schreiben"

Margaret Atwood: "Ich kann nichts anderes als Schreiben"

Düster und witzig sind Margaret Atwoods Romane, nah an der Gegenwart und doch in einer dystopischen Zukunft angesiedelt. Am Sonntag (15.10.2017) hat die Kanadierin für ihr Werk den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhalten.

Margaret Atwood vor einer Bücherwand

"Indem sie menschliche Widersprüchlichkeiten genau beobachtet, zeigt sie, wie leicht vermeintliche Normalität ins Unmenschliche kippen kann", begründet der Stiftungsrat seine diesjährige Wahl zum Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Margaret Atwood offenbare "in ihren Romanen und Sachbüchern immer wieder ihr politisches Gespür und ihre Hellhörigkeit für gefährliche unterschwellige Entwicklungen und Strömungen."

"Indem sie menschliche Widersprüchlichkeiten genau beobachtet, zeigt sie, wie leicht vermeintliche Normalität ins Unmenschliche kippen kann", begründet der Stiftungsrat seine diesjährige Wahl zum Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Margaret Atwood offenbare "in ihren Romanen und Sachbüchern immer wieder ihr politisches Gespür und ihre Hellhörigkeit für gefährliche unterschwellige Entwicklungen und Strömungen."

Mit Dystopien, der negativen Variante der Utopie, kennt sich Margaret Atwood bestens aus. Es liegt ihr, mit trockenem Humor düstere Zukunftsvisionen zu entwerfen. Sie hat dafür einen eigenen Begriff gefunden: spekulative Fiktion. Doch nichts sei aus der Luft gegriffen, alles sei möglich, bekräftigt Atwood. Mehr als 50 Bücher hat die heute 77-Jährige geschrieben. Darüber hinaus stammen 15 Lyrikbände und einige Drehbücher aus ihrer Feder.

Zu ihren bekanntesten Romanen gehört der 1985 erschienene "Report der Magd". Darin beschreibt sie eine totalitäre, patriarchale Gesellschaft, in der Frauen unterdrückt und als Gebärmaschinen ausgenutzt werden. Wie aktuell der Stoff noch immer ist, zeigt die TV-Serie "The Handmaid's Tale", die in diesem Jahr ausgestrahlt wurde. Die Angst, dass eine Gesellschaft ins Unmenschliche kippen kann, war 1985 offenbar bereits so groß wie im Jahr 2017.

Nachdem die Amerikaner Donald Trump im November 2016 zum Präsidenten gewählt hatten und Hunderttausende gegen den neuen Chef im Weißen Haus in Washington auf die Straße zogen, waren plötzlich auch Protestplakate zu lesen, die sich auf die Schriftstellerin bezogen: "Make Margaret Atwood fiction again." Macht Margaret Atwood wieder zu einer Fiktion.

Wäre es nach ihren Eltern gegangen, hätte Atwood sich gar nicht der Literatur zugewandt, sondern der Wissenschaft. Ihr Vater war Biologe, ihre Mutter Ernährungsberaterin. Sie wuchs auf in den Wäldern Quebecs, wo ihr Vater Jahr für Jahr von Frühling bis Herbst als Insektenforscher arbeitete. Vielleicht hat das Leben in der Natur ihre späte Liebe zur Umwelt geprägt. Heute lebt sie abwechselnd in Toronto und in den Wäldern von Quebec, in einem Holzhaus ohne Strom und fließendes Wasser.

Keine unberechenbaren Politiker, sondern der Klimawandel sei die größte Bedrohung der Menschheit, meint Atwood, die auch als Umweltschützerin aktiv ist. Extreme Wetterbedingungen, der schlechte Zustand der Meere und die damit einhergehende Nahrungsmittelknappheit würden zu sozialen Unruhen und Kriegen führen.

Das einsame Leben im Wald bewirkte bei Atwood noch etwas anderes. Sie wurde dort nie als Mädchen oder Frau diskriminiert. "Niemand hat mir gesagt, ich kann das und jenes nicht machen", erinnert sich die Autorin. "Ich wuchs einfach als Mädchen auf. Ich war vermutlich gut dran. Alle, die später mit mir auf der High-School waren, kamen aus kleinen Gemeinden, die hatten Geschlechterrollen vorgelebt bekommen. Ich hab den Teil schlicht verpasst."

Mit dem Feminismus tut sie sich dennoch schwer. Sie wollte nie von der Bewegung vereinnahmt werden: "Ich bin so alt, dass ich vor der Generation des Feminismus groß wurde. Ich habe ihn nicht erfunden, aber ich habe natürlich viele Frauencharaktere in meinen Büchern. Frauen sind eben einfach interessant."

So finster ihre Zukunftsbilder sind, so unterhaltsam sollen sie auch sein. "Wenn man den Leser nicht über die ersten fünf Seiten bekommt, dann hast du nichts von all deinen brillanten Ideen und Gedanken", sagt Atwood. Man müsse Geschichten erzählen, die die Leute lesen wollen, sonst könne man sich das Schreiben schenken.

Mittlerweile sind ihre Bücher in mehr als 30 Sprachen übersetzt worden. Und ihr wurde eine Ehre zuteil, die nur wenige Schriftsteller erhalten. Nein, nicht der Literaturnobelpreis – auch wenn Atwood seit Jahren als heiße Kandidatin gehandelt wird. Ein Adjektiv wurde nach ihr benannt. "Atwoodian" bedeutet in etwa, ironisch-hellsichtig in die Zukunft zu blicken.

Autor des Hörfunkbeitrags ist Georg Schwarte.

Stand: 10.10.2017, 13:18 Uhr