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Rutland - Die kleinste Grafschaft Englands

Rutland - Die kleinste Grafschaft Englands

Etwa 37.000 Einwohner leben in der "Unitary Authority" Rutland. Die kleinste traditionelle Grafschaft Englands misst an ihrer breitesten Stelle nur 29 Kilometer. Ein Besuch dort gleicht einer Reise in ein vergangenes Jahrhundert.

Straße in Rutland in Großbritannien

Willkommen in Rutland, der kleinsten Grafschaft Großbritanniens. Und nein, dies ist kein Filmset für ein Costume Drame der BBC, sondern eine normale Straße in Rutland. Hier ist alles alt und wunderbar erhalten, als hätte es niemals die Bomben des zweiten Weltkriegs und die juckenden Finger der Stadtplaner der 1960er Jahre gegeben.

Willkommen in Rutland, der kleinsten Grafschaft Großbritanniens. Und nein, dies ist kein Filmset für ein Costume Drame der BBC, sondern eine normale Straße in Rutland. Hier ist alles alt und wunderbar erhalten, als hätte es niemals die Bomben des zweiten Weltkriegs und die juckenden Finger der Stadtplaner der 1960er Jahre gegeben.

Im Gemüseladen in dem Dorf Wing kann man Eier von freilaufenden Hühnern kaufen und sich mit Robin, der über 80 Jahre alten Inhaberin über Politik unterhalten. Lieblingsthema ist der Unabhängigkeitskampf, mit dem Rutland vor 20 Jahren seinen Status als Grafschaft zurückeroberte, obwohl es weniger Einwohner hat als Langenfeld. 

Das Herz Rutland ist das Castle in Oakham, der größten Stadt Rutlands. Hier trafen sich die Bewohner, um öffentlich über ihre Unabhängigkeit zu debattieren. Außerdem ist Oakham Castle das älteste durchgehend als Gericht fungierende Gebäude Englands...

... und beheimatet die größte Sammlung von Hufeisen der Welt. Denn es ist seit dem 12. Jahrhundert Tradition, dass Adelige bei ihrem ersten Besuch in Rutland dem Castle ein Hufeisen mitbringen müssen. Und da dies England ist, tun sie das selbstverständlich auch. Die Queen hat eines ihrer Rennpferde überreicht und das neueste Hufeisen stammt von 2016 von dem Earl of Gainsborough.

In den 1970er Jahren wurde in Rutland ein riesiges Trinkwasserreservoir angelegt. Die Rutland Waters ist einer der größten Stauseen Europas. Die Kirche des nahezu komplett überfluteten Dorfes Normanton, sollte dem Wasser ebenfalls zum Opfer fallen. Doch die Bewohner protestierten gegen den Abriss des denkmalgeschützten Gebäudes. So wurde ein Damm um die Kirche aufgeschüttet und ihr Boden mit Geröll aufgefüllt und mit einer Betonplatte versiegelt, so dass er nun über dem Wasserspiegel liegt.

Rutland ist so alt, dass es bereits im Domesday Buch verzeichnet ist, der ersten Volkszählung Englands, damals im 11. Jahrhundert, die so grundlegend war, dass alles davor als "time immemorial" bezeichnet wird, also als die Zeit, die vor dem Menschengedenken liegt. Wenn man mehr über Rutlands Geschichte erfahren möchte, führt kein Weg an dem Rutland Bookshop in Uppingham vorbei und an seinem Inhaber Edward Baines, dessen Familie seit so vielen Generationen hier lebt, dass sie wahrscheinlich schon im Domesday Buch verzeichnet wurde.

Edward Baines stammt aus Brook, einem Dorf mit zwei Straßen und – natürlich – einer normannischen Kirche: St. Peter aus dem 13.Jahrhundert. Durch Restaurierungsarbeiten im 16. Jahhundert hat St. Peter die am besten erhaltene elisabethanische Innenausstattung, die man in dem Film "Stolz und Vorurteil" mit Kira Knightley bewundern kann, der hier gedreht wurde.

Direkt neben Brook liegt Braunston, dessen normannische Kirche zwar keinen Kino-Blockbuster beherberte, dafür aber eine angelsächsische Fruchtbarkeitsgöttin: die Braunston Goddess. Die Skulptur wurde mit dem Gesicht nach unten als Steinplatte in den Eingang der Kirche gelegt, so dass man die heidnische Göttin symbolisch mit den Füßen treten konnte. Bei Restaurationsarbeiten im 19. Jahrhundert wurde sie wiederentdeckt und neben dem Westeingang aufgestellt. "Als Kind habe ich sie immer mit Äpfeln beschmissen, weil sie so eine gute Zielscheibe ist. Aber im Rückblick ist das nur angemessen, eine Fruchtbarkeitsgöttin mit Äpfeln zu beschmeißen", erinnert sich Edward Baines vom Rutland Bookshop.

Nicht ganz so alt, aber doch sehr alt ist das Wing Maze, ein Rasenlabyrinth, das vermutlich aus dem Mittelalter stammt. Obwohl es nur 14 Meter Durchmesser hat, dauert der Durchgang eine Viertelstunde. Es gibt Theorien, dass das Labyrinth eine Tür in eine andere (Geistes)Welt war und sich die Gläubigen bei der Durchrundung in Trance gedreht haben. Andere Theorien besagen, dass Sünder zur Buße an Kirchweih auf Knien durch das Labyrinth gekrochen seien.

Ebenfalls mittelalterliche Wurzeln hat der Morris, ein traditioneller englischer Tanz, dessen Wurzeln unklar sind. Manche gehen davonaus, dass sie Morris Tänzer früher eine ähnliche Funktion hatten wie Priester, andere halten ihn für einen klassischen Fruchtbarkeitstanz. Die Rutland Morris Men werden von David Chaselow angeführt, dessen Funktion als "the Fool" es ist, die Tänze anzusagen und der ein wandelndes Morris-Lexikon ist: "In Wales malen sich die Tänzer die Gesichter schwarz an. Das hat nichts mit Rassismus zu tun, sondern symbolisiert die dunkle Jahreszeit."

Das Motto auf dem Wappen von Rutland lautet: Moltum in Parvo – Viel in wenig. Das ist das Geheimnis von Rutland. Laut einer Studie ist Rutland die glücklichste Grafschaft, Englands. Aber es ist definitiv die freundlichste: Tea anyone?

Text und Bilder: Mithu Melanie Sanyal

Stand: 03.02.2017, 12:01 Uhr