Gesamtkunstwerk Le Havre

Gesamtkunstwerk Le Havre

Von Antje Zimmermann

Le Havre feiert dieses Jahr ihren 500. Geburtstag mit einem bunten Festival-Sommer. Die in den 50er Jahren als sozialer Wohnungsbau angelegte moderne Hafenstadt entpuppt sich nicht erst jetzt als Gesamtkunstwerk.

Steinstatue umringt von französischen Flaggen

Lange galt die fanzösische Stadt als hässlich und uninteressant, bis sie 2005 aufgrund ihrer Einzigartigkeit zum UNESCO Welterbe erklärt wurde. Die Feierlichkeiten zum runden Geburtstag mit zahlreichen Ausstellungen – sogar Monets berühmtes Werk "Impression – Sonnenaufgang" kehrt an seinen Entstehungsort Le Havre zurück – mit Konzerten und Aktionen dauern bis zum 8. Oktober 2017.

Lange galt die fanzösische Stadt als hässlich und uninteressant, bis sie 2005 aufgrund ihrer Einzigartigkeit zum UNESCO Welterbe erklärt wurde. Die Feierlichkeiten zum runden Geburtstag mit zahlreichen Ausstellungen – sogar Monets berühmtes Werk "Impression – Sonnenaufgang" kehrt an seinen Entstehungsort Le Havre zurück – mit Konzerten und Aktionen dauern bis zum 8. Oktober 2017.

Auguste Perret – Architekt, Bauunternehmer und Visionär – hat das moderne Le Havre geschaffen. Sein Auftrag lautete 1945: Wohnraum für rund 60.000 Ausgebombte gestalten. Schnell. Bezahlbar und funktional. Was nach sozialem Wohnungsbau klingt, ist in Wahrheit ein Gesamtkunstwerk. Denn das, was der damals bereits 71-Jährige Architekt im Auftrag von Charles de Gaulle baute, war seiner Zeit weit voraus. Wurde aber gerade deswegen von der Bevölkerung angefeindet.

Auf der Avenue Foch scheint es nur noch drei Farben zu geben: Blau, beige und grün. Blau und wolkenlos strahlt der Himmel über Le Havre. Beige schimmern die großen Wohnblöcke an den Seiten der Avenue. Und grün leuchtet ein 15 Meter breiter Rasenstreifen in ihrer Mitte. Perret war bereits damals bewusst, wie wichtig Grünanlagen für das Wohlbefinden der Menschen sind und ließ deshalb überall Parks und Gärten anlegen.

Selbst wer den Champs Elysées gewohnt ist, muss der Avenue Foch Respekt zollen. 80 Meter ist sie breit. Straßenbahnen gleiten leise in ihrer Mitte über Gleise, die in dem gepflegten Rasen kaum zu sehen sind. Die Waggons sind sandfarben wie die Häuser. Statt greller Reklame schmücken geometrische Muster ihre Seiten. Und überall Kunst - entlang der ganzen Avenue.

Zwischen 1945 und 1954 wuchs eine Betonstadt in den Himmel. Aus Mangel an Baumaterialien hatte Perret sein Team angewiesen, nur dieses eine Material zu verwenden. Doch der Beton ist nicht etwa grob und grau, sondern schimmert je nach Lichteinfall in zarten Tönen und erinnert an Vanille, Sand oder Karamell. Perret ließ ihn mit Glas, Kies und Schutt vermahlen ließ, wodurch eine völlig neue Optik entstand. Sie kombinierte er mit bodentiefen Fenstern, gusseisernen Balkonen und geometrischen Mustern. Doch erst als die UNESCO das Stadtensemble 2005 zum Welterbe erhob, änderte sich die öffentliche Meinung.

Doris Day mit toupierten Haaren und bunter Schürze würde perfekt in die von Perret 1950 geschaffene Musterwohnung passen. Die Küche mit dem bauchigen Kühlschrank und dem zitronengelben Utensilien ist heute noch - oder schon wieder - modern. Einbauschränke und Einbauküche gehörten bereits damals zu Perrets Vorstellung einer modernen Wohnung – genauso wie Parkett und ein separates WC.

Die letzte Station auf Architektur-Führungen durch Le Havre ist zugleich ihr Höhepunkt: Die katholische Kirche St. Joseph. Sie gilt als Perrets Meisterwerk und ist das Wahrzeichen der Stadt. 107 Meter ragt der achteckige Laternenturm über dem flachen Kirchenbau in die Höhe. Von außen sind die insgesamt 12.768 kleinen weißen Fenster im Beton kaum sichtbar; sie wirken eher wie ein weiteres geometrisches Muster.

Im Inneren aber stecken farbige Gläser hinter jedem einzelnen Fenster: Sie sind gelb, orange, rot, lila, blau und grün, so dass ein buntes Lichtermeer in der Kirche erstrahlt. Die offizielle Eröffnung 1957 erlebte der visionäre Architekt zwar nicht mehr. Doch das, was Perret in Le Havre geschaffen hat, inspiriert noch heute die Menschen.

Pierre Lenoir Vaquero hat einen französischen Vater und eine spanische Mutter. Und wuchs deshalb in Madrid und Paris auf. In Le Havre ist er der Poesie des Betons, wie Perret seine Arbeit einst nannte, sofort erlegen. In seinen Zeichnungen spielt er mit der geometrischen Struktur der Stadt. Ihren endlosen Boulevards, den rechteckigen Plätzen und einheitlichen Gebäuden. Vier Bücher mit fantasievollen Illustrationen hat Pierre Lenoir Vaquero veröffentlicht. Da er von seiner Arbeit als Illustrator und Fotograf nicht leben kann, hat er aber noch einen zweiten Job: Den kleinen Shop "La Cave à Bières", wo sich Bierflaschen mit Kunstwerken mischen

Die großen Kunstinstallationen, die noch bis zum 8. Oktober Le Havre schmücken, haben viel mit den Zeichnungen von Pierre Lenoir Vaquero gemeinsam: Sie sind bunt, fantasie- und humorvoll. Um ihren 500. Geburtstag gebührend zu feiern, hat die Stadt Künstler aus aller Welt eingeladen, ihre Arbeiten in das Stadtbild zu integrieren. Spaziergänger, die vom Bahnhof kommend über die federnde Holzbrücke zum Yachthafen gehen, stehen beispielsweise plötzlich vor "Love, Love": Einem Werk von Julien Berthier. Das schmucke Segelboot treibt Heck oben im Hafenbecken.

Die ungewöhnlichste Installation ist der Tempel der 5000 Wünsche. Er schwimmt auf einer Plattform im Wasser der Seine. Sonnenlicht tanzt um den roten Kubus herum und Besucher gelangen nur per Ruderboot zu ihm. Wünsche dürfen hier an Bambuspflanzen gehängt werden, die den Tempel umgeben. Dadurch entsteht ein buntes Bild, wie man es von den Gebetsfahnen in Tibet kennt. Diese Assoziation hatten die Schöpfer des Tempels Etienne Coupons und Sarah Crépin, die beide eigentlich Choreographen sind.

Dass Musik und Tanz die Welt der Künstler ausmachen, merken Besucher sobald sich die Türen des Tempels öffnen: Laute Tanzmusik schallt heraus. Innen ist der kleine Tempel komplett verspiegelt und der Boden besteht aus Glas. Darunter schimmert das Wasser. Angespornt von den wilden Klängen fangen Besucher automatisch an mit den Füßen zu wippen oder sogar zu tanzen.

Im Museum für moderne Kunst wird noch bis zum 20. August 2017 eine Ausstellung der beiden Künstler Pierre Commoy und Gilles Blanchard gezeigt. Pierre Commoy ist ausgebildeter Fotograf und der in Le Havre geborene Gilles Blanchard Maler. Das ist der Grund, warum das Paar eingeladen wurde, die Jubiläums-Ausstellung zu gestalten. Pierre & Gilles machen aufsehenerregende Portraits: Sie kombinieren dabei Fotografie und Malerei. Wer ihre Arbeiten nicht kennt, wird erst einmal staunen: Ob der vielen nackten männlichen Haut, die die beiden primär in ihren Werken zeigen.

Stand: 21.07.2017, 14:23 Uhr