Industriedenkmal Göta-Kanal in Schweden

Industriedenkmal Göta-Kanal in Schweden

Von Antje Zimmermann

Der Sommer in Schweden ist ein Ereignis, besonders auf dem Göta-Kanal. Die Wasserstraße verbindet die Nord- und Ostsee miteinander. Für Neugier unterwegs ist Antje Zimmermann mit einem Kulturschiff durch Schwedens schönste Landschaften gereist.

Der Göta-Kanal in Schweden am Abend

Bei Industriedenkmälern denken wir an stillgelegte Zechen. An frühere Textilfabriken und historische Motorenwerke. Aber vermutlich nicht an eine der schönsten Landschaften Schwedens. Doch genau da, im Inneren des Landes zwischen Nord- und Ostseeküste, verläuft der Göta-Kanal – 1832 fertiggestellt, gilt er als größtes Bauwerk und wichtigstes Industriedenkmal des Landes.

Bei Industriedenkmälern denken wir an stillgelegte Zechen. An frühere Textilfabriken und historische Motorenwerke. Aber vermutlich nicht an eine der schönsten Landschaften Schwedens. Doch genau da, im Inneren des Landes zwischen Nord- und Ostseeküste, verläuft der Göta-Kanal – 1832 fertiggestellt, gilt er als größtes Bauwerk und wichtigstes Industriedenkmal des Landes.

Auf dem Göta-Kanal verkehren noch heute drei historische Passagierschiffe, die zum anerkannten Kulturerbe Schwedens zählen. Mit Spitzengeschwindigkeiten von zehn Knoten (etwa 18 km/h) fährt auch die Wilhelm Tham entlang dichter Wälder und kleiner, bunter Häuser. Die Landschaft scheint sich seit den Anfangstagen des Kanals kaum verändert zu haben.

An Bord des Passagierschiffes findet sich noch das Interieur vergangener Zeiten. Die winzigen Kabinen sind eingerichtet mit glänzendem Messing und poliertem Mahagoni. Eine Kleiderbürste und ein Messing-Schuhlöffel liegen parat; ebenso eine kleine Überraschung zur Begrüßung der Bordgäste. Elektronik wie Fernseher und Radio sucht man vergeblich.

Mit sieben Treppen ist die Carl-Johans-Schleuse die längste des gesamten Göta-Kanals. Benannt ist sie nach dem damaligen König Carl XIV Johan (Bernadotte). Das Treppensystem wurde zwischen 1810 und 1832 von Hand gebaut. Heute ist das Schleusen-Manöver eine Touristenattraktion.

Die Schleusen sind so eng gebaut, dass die Boote gegen die Mauern stoßen. Die Wilhelm Tham schützt ihren Rumpf mit Poldern aus Birkenholz und hat eine erfahrene Crew. Private Segler agieren auf dem Göta-Kanal weniger souverän und kollidieren häufiger. Die Schuld dafür schieben die Männer offenbar regelmäßig ihren Frauen zu, was zu ernsthaften Zerwürfnissen geführt haben soll: So ist der Göta-Kanal zum Spitznamen "Scheidungsgraben" gekommen.

Auch Kapitän Kenneth Attefors hat einen Spitznamen: Als "Froschkapitän" schmähen den früheren Hochsee-Kapitän die alten Kollegen. Doch Kenneth nimmt das gelassen hin und hat schon viele Kollegen überzeugt, dass der "Froschteich" Göta-Kanal der perfekte Arbeits- und zugleich Urlaubsort ist. 

In der Sonne des schwedischen Sommers sind die Farben so intensiv, dass sie fast künstlich wirken: hellblau der Himmel über weißen Schiffen, türkis das Wasser.

Je später der Abend, desto spannender das schwedische Farbenspiel.

Stippvisiten an historischen Orten und Museumsbesuche sind ein wichtiger Teil der Flussreisen. So marschieren trotz hochsommerlicher Temperaturen fast alle Passagiere zusammen mit Guide Olof drei Kilometer bergauf. Umgeben von Gärten und einem kleinen Friedhof steht hier die alte Kirche von Vreta.

Vreta war einmal das erste Nonnenkloster des Landes. Nach der Reformation durfte es aber keine Nonnen mehr aufnehmen und die letzte Zisterzienserin starb hier 1582. Dennoch ist die klösterliche Atmosphäre noch sehr gegenwärtig. Und der nach Lavendel duftende Klostergarten ein sehr idyllischer Ort.

Knapp 90 Kilometer des Göta-Kanals wurden mühsam von Hand gegraben: 58.000 Männer – überwiegend schwedische Soldaten, aber auch russische Kriegsgefangene – buddelten 20 Jahre lang, bis die Fahrrinne fertig war. Die restlichen gut 100 Kilometer verlaufen über natürliche Wasserwege. Darunter die drei größten Seen des Landes. Der Göta-Kanal ist Teil des "blauen Bandes". Die Wasserstraße verbindet Göteborg und Stockholm miteinander, die wichtigsten Städte des Landes.

58 Schleusen helfen den Schiffen auf dem Göta-Kanal auf bzw. abwärts. Keine gleicht der anderen. Ein paar sind neu und modern. Und öffnen sich, sobald sich die Wilhelm Tham nähert. Andere sind klein und alt. Aber keine ist länger als 32 Meter. Denn zum Zeitpunkt der Erbauung waren russische Kriegsschiffe 34 Meter lang. Und ihnen sollte im Kriegsfall keine Chance gegeben werden, die schwedischen Schleusen zu nutzen.

Der nächste Kulturstopp findet in Forsvik Bruk statt. Ein Bruk war ursprünglich ein Gutshof, wo landwirtschaftliche Produkte verarbeitet wurden. Zum Beispiel Getreide oder Holz. Mit der Zeit wandelte sich die Produktion hin zu einer Industrieanlage. Das ganze Areal von Forsvik Bruk, das ausgesprochen pittoresk ist, steht seit 2005 unter Denkmalschutz und ist in Schweden zur Industriegedenkstätte des Jahres gewählt worden.

Auf einem schmalen Fluss, der durch dichte Kiefernwälder führt, kommt Nebel auf. Dichte, weiße Schwaden verhüllen die Bäume. Zwischen ihnen bewegt sich etwas. Doch was? Solche Tage haben Hans Christian Andersen zu seinen Troll-Geschichten animiert, erzählt Kenneth.

Stand: 04.08.2017, 06:00 Uhr