Unterwegs im barocken Böhmen

Unterwegs im barocken Böhmen

Tschechien mag manchem Besucher wie ein Stadtstaat erscheinen, der nur aus einer Stadt besteht. Um das zu ändern, haben die Tschechen 2017 zum Barockjahr ausgerufen. Denn überall im Land – nicht nur im goldenen Prag – stehen Bauten aus dieser Epoche.

Das Schloss von Böhmisch Krumau (Český Krumlov)

Böhmisch Krumau (Český Krumlov) ist ein architektonisches Juwel und UNESCO-Welterbe.

Böhmisch Krumau (Český Krumlov) ist ein architektonisches Juwel und UNESCO-Welterbe.

Platz der Eintracht in Böhmisch Krumau. Die bunten Häuser stammen aus der Barockzeit, ebenso die Pestsäule. Asiatische Touristen verwechseln den pittoresken Marktplatz gelegentlich mit einer Filmkulisse.

Im fünften Schlosshof von Böhmisch Krumau liegt dieses Barocktheater. Neben dem königlichen Theater in Stockholm ist es das einzige weltweit, in dem alles original erhalten ist: Kulissen, Bühnentechnik, Kostüme und das historische Archiv. Der Zauber der vergangenen Epoche wird in dem Theater wieder lebendig. Denn den barocken Theatermachern war es bereits damals gelungen, die perfekte Illusion zu erschaffen.

Der Cembalist Ondřej Macek leitet das Barockensemble der Stadt. Jeweils Mitte September führt die Gruppe eine opulente Barockoper auf. Bei der Aufführung sind alle Details original.

Die Kunsthistorikerin Pavla Benettova forscht zur Barockzeit und begleitet Besuchergruppen in Böhmisch Krumau. Schon als Kind hat sie sich für die Opulenz der Epoche begeistert und trägt heute gerne historische Kostüme. In diesem Outfit besucht sie dann die Barocknacht, die einmal im Jahr im Schlosshof von Schloss Krumau veranstaltet wird.

Vom Schloss bietet sich ein fantastischer Ausblick auf die historische Altstadt.  Krumau ist eine Stadt im Glück. 700 Jahre lang wüteten hier weder Kriege noch Brände. Die Moldau umschließt die historische Altstadt, in deren Mitte das Schloss thront. 1992 von der UNESCO zum Welterbe erklärt, ist Krumau schöner, als es der Stadt gut tut. Denn im Sommer schiebt sich ein nicht abreißender Touristenstrom durch die engen Gassen.

Die mittelalterliche Burg wurde im 16. Jahrhundert zum Renaissanceschloss umgebaut. Nach dem Prager Schloss ist die Anlage die zweitgrößte des Landes. Vieles an dem Schloss ist bemerkenswert – allem voran der Schlossturm, den ein tschechischer Schriftsteller einmal als "turmigsten Turm", den er jemals gesehen habe, beschrieb und der Maskensaal: Eine Perle des Rokoko. Geführte Touren gibt es überall im Schloss, sie führen auch ins Barocktheater – hier ist die Zahl täglicher Besucher allerdings begrenzt.

Große Eichen spenden Schatten. Buchsbäume, akkurat zu Kegeln geschnitten, stehen links und rechts der Alleen Spalier. Alles in dem viereckigen Garten ist symmetrisch; die Natur bis ins letzte Detail domestiziert. In barocken Anlagen wurde nichts dem Zufall überlassen, denn die Fürsten wollten damit ihre Macht demonstrieren. Bemerkenswert ist die Fontäne im Vordergrund. Sie zeigt eine frühere Fürstin als Nymphe – der Dreizack, den sie über die Jahrhunderte in Händen hält, wird aktuell allerdings restauriert.  

Die Barockarchitektur findet sich auch auf dem Land: In Holašovice, einem kleinen Dorf rund 25 Kilometer von Böhmisch Krumau entfernt, ist sogar ein geschlossenes Barockensemble erhalten geblieben. Der Grund, warum in Südböhmen so viele der alten Höfe erhalten blieben, liegt in der Armut der Landbevölkerung. Über Jahrhunderte fehlte den Menschen das Geld für Aus- und Umbauten. Aus heutiger Sicht ist das natürlich ein Glücksfall.  

In Holašovice hat sich über die Jahrhunderte sehr wenig verändert. Auch dieser Fischteich hat noch seine Originalmaße. Alles wirkt friedlich, wie aus der Zeit gefallen. Zwei Restaurants und ein Keramik-Geschäft sind die einzigen Zugeständnisse an die neue Zeit – die touristische Zeit in Holašovice.

Überraschender Anblick auf dem Land: Sogar die Toreinfahrt dieses Bauernhofes strahlt mit dem Himmel um die Wette. Das leuchtende Blau ist die Originalfarbe. Darauf haben örtliche Denkmalschützer penibel geachtet. Manche der Höfe sind ursprünglich sogar dreifarbig gewesen. Nur in der kommunistischen Zeit verblassten die bunten Fassaden und wurden lieblos mit grau oder weiß übermalt.

Familie Jechortova betreibt eine Keramikwerkstatt in ihrem denkmalgeschützten Haus. Alle Änderungen müssen sie allerdings erst mit dem Amt für Denkmalschutz abstimmen. Farbige Tassen sind der Verkaufsschlager des Geschäfts. Blumen, Bäume und Tiere – die Kunden mögen bäuerliche Motive.

Auf einer Rundreise durch Böhmen kommen Besucher an viele schöne Orte – hier ist Písek zu sehen. Die Stadt liegt an der Wottawa und der goldhaltige Sand im Flussbett schimmert in den Abendstunden - genauso wie die ganze Stadt.

Mitten durch den Wald führt ein gut ausgeschilderter Weg in Serpentinen nach Maková Hora. Für ängstliche Fahrer eignet sich die Straße nicht. An ihrem Ende liegt einsam auf dem "Mohnenberg" diese Wallfahrtskirche. 1720 nach den Plänen eines italienischen Architekten errichtet, erlebte das barocke Gotteshaus wechselhafte Zeiten. Im 18. Jahrhundert kamen bis zu 10.000 Pilger jährlich auf den Berg. Viele davon auf ihren Knien.

Pfarrer Ján Andrej ist extra aus der Slowakei nach Tschechien gekommen, um die kleine Wallfahrtskirche zu betreuen. Die Innenausstattung ist bunt, opulent und mit vielen Originalstücken aus der Barockzeit. Jeden ersten Samstag im Monat und am zweiten und dritten Sonntag liest er eine Messe. Zu diesen Zeiten ist das Gotteshaus dann auch für andere Besucher geöffnet.

Text und Bilder: Antje Zimmermann

Stand: 23.08.2017, 10:14 Uhr