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Männer dominieren Kino und Fernsehen

Szene aus "TATORT - DAS NAMENLOSE MÄDCHEN"

Männer dominieren Kino und Fernsehen

Auf vier Männer kommt eine Frau - in Kinofilmen und im Fernsehen. Das ist das Ergebnis einer Studie der Uni Rostock, die Geschlechterrollen auf Bildschirm und Leinwand untersucht hat. Was wir brauchen, damit sich etwas ändert: Zuerst einmal mehr Mut, sagt Medienexpertin Elizabeth Prommer.

Wie oft kommen Frauen, wie oft Männer im Fernsehen und Kino vor? Und wie werden sie gezeigt? Das beantwortet eine neue Studie über Geschlechterdarstellungen in Film und Fernsehen. Elizabeth Prommer, Direktorin des Instituts für Medienforschung an der Universität Rostock, hat die Studie geleitet. Etwa 3.000 Stunden Fernsehen und 800 Kinofilme haben sie und ihr Forscherteam geschaut. Am Mittwoch (12.07.2017) stellte Prommer die Ergebnisse der Studie vor. Initiatorin ist die Schauspielerin Maria Furtwängler. Gefördert wurde sie von den großen öffentlich-rechtlichen und privaten Fernsehsendern.

Hintergrund - Der Bechdel-Test
Alison Bechtel ist eine amerikanische Comiczeichnerin. Mitte der 80er Jahre hat sie etwas erfunden, womit sie auf stereotype Besetzung von Frauen in Filmen hinweisen wollte: den Bechdel-Test. Es ist kein wissenschaftlicher Test, wird aber herangezogen, um Stereotypisierungen von Frauen in Spielfilmen zu beurteilen. Werden die folgenden drei Fragen positiv beantwortet, hat ein Film den Test bestanden:

  • Spielen mindestens zwei Frauen mit?
  • Sprechen sie miteinander?
  • Und geht es in dem Gespräch nicht um Männer?

WDR 5: Seit Erfindung des Bechdel-Tests sind mehr als 30 Jahre vergangen. Wir haben in Deutschland eine Bundeskanzlerin, prominente Ministerinnen. Fernsehen ist ja ein Spiegel unserer Gesellschaft. Es wird doch wohl heute besser sein als vor 30 Jahren?

Elizabeth Prommer: Nein, ich fürchte nicht. Wir haben auch den Bechdel-Test gemacht und immerhin 43 Prozent der Spielfilme schaffen den Test nicht. Nach wie vor haben wir ein sehr stereotypes Rollenbild von Frauen.

Gespräch mit Elizabeth Prommer - Männer erklären die Welt

WDR 5 Politikum - Gespräch | 12.07.2017 | 06:39 Min.

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WDR 5: In der Studie geht es unter anderem darum, wie oft Männer und Frauen im deutschen Fernsehen zu sehen sind. Heute gibt es Talkshows mit Maybrit Illner, Sandra Maischberger, Anne Will. Da könnte man doch sagen, Frauen bestimmen die Szene sogar.

Anne Will

Im Informationsbereich ist der Männer- und Frauenanteil noch realtiv ausgewogen...

Prommer: Das ist immer eine sehr selektive Wahrnehmung. Wir haben tatsächlich über zwei Wochen repräsentativ für das Jahr 2016 21 Sender, vier Kindersender, alle öffentlich-rechtlichen und großen privaten Sender, von 14 bis 24 Uhr aufgezeichnet und alles gezählt. Und da zeigt sich, dass wir unter den Moderatorinnen, wenn es um die Information geht, tatsächlich ziemlich ausgewogen sind. Aber in allen anderen Positionen überhaupt nicht. Im Fiktionalen kommen auf eine Frau zwei Männer. Ganz unausgewogen ist es im ganzen Showbereich, da sind fast alle Moderatoren männlich oder Sprecher aus dem Off sind männlich.

WDR 5: Sie sagen, Frauen ab 30 haben es besonders schwer im deutschen Fernsehen. Aber nehmen wir beispielsweise den Tatort, eine Reihe mit extremer Reichweite. Da sind und waren Frauen präsent wie Andrea Sawatzki, Maria Furtwängler, Ulrike Folkerts. Alle nicht unter 30, alle entsprechen auch nicht gängigen Geschlechterklischees.

Prommer: Ja. Aber auf eine Maria Furtwängler kommen vier bis fünf Männer in der gleichen Alterskohorte. Wir haben die paar Ausnahme-Frauen, es ist nicht so, dass es sie nicht gibt. Aber auf die eine ältere Schauspielerin, Moderatorin oder Fernsehjournalistin kommen dann eben vier bis fünf Männer.

WDR 5: Frau Prommer, ich gebe mir alle Mühe, mich nicht von dem runterziehen zu lassen, was Sie mir erzählen. In anderen Ländern läuft es offensichtlich ein bisschen besser. Belgien oder Schweden fallen mir ein, dort gibt es Fernsehformate mit interessanten Frauenfiguren. Warum ist das bei uns anders?

Prommer: Wir haben in Deutschland eine Gesellschaft, die noch nicht gleichberechtigt ist. Wir reden über die Quote. Zum Teil reden wir darüber, ob wir eine Quote von 25 bis 30 Prozent in Aufsichtsräten haben. Wir trauen uns ja noch nicht einmal zu sagen: "Wir wollen aber die Hälfte besetzen." Das heißt, in der Gesellschaft sind wir in vielen Bereichen noch nicht weit. Und es zeigt sich offensichtlich, dass wir im Fernseh- und Filmbereich noch weniger weit sind.

Wir haben in der Studie auch nach den Berufen von Frauen und Männern im fiktionalen Bereich geschaut. Richter und Staatsanwälte sind im echten Leben zur Hälfte weiblich. Im Fernsehen sind das 20 bis 25 Prozent. Das bedeutet, dass das Fernsehen zum Teil der Realität hinterherhinkt.

WDR 5: Wenn wir konkret über die Quote in Fernsehsendeanstalten reden: Es gibt auch Programmmacherinnen, die keine Quote wollen. Weil sie finden, dass Frauen sich nicht genug reinhängen, die ewige Kinderfrage, oder weil Qualität entscheiden sollte und nicht das Geschlecht.

Portraitbild Frau mit dunklen Haaren an Rednerpult

Prof. Dr. Elizabeth Prommer hat die Studie geleitet

Prommer: Es ist ja die Frage, welcher Weg am Ende zum Ziel führt. Unsere Untersuchungen zeigen eindeutig, dass die Fernsehregisseurinnen zum Großteil Regisseure sind. Im Fernsehen werden 85 Prozent der Fernsehfilme, Fernsehserien, fiktionalen Inhalte von Männern inszeniert. Im Kino sind es 80 Prozent. Obwohl die Hälfte der Studierenden Frauen sind – 45 Prozent der Absolventen in Regie-Studiengängen sind Frauen. Wir sind noch weit weg von einer Gleichverteilung. Und da braucht es uns nicht zu wundern, wenn wir auf den Bildschirmen nichts Entsprechendes sehen.

WDR 5: Aber wer muss sich denn jetzt in die Ecke stellen und schämen? Wir als Gesellschaft, die es nicht geschafft hat, unser Geschlechterbild ins Jahr 2017 zu bringen? Die Politik, die nicht die richtigen Grundvoraussetzungen schafft? Oder sind es die Fernsehstationen, die einfach immer auf Nummer sicher gehen?

Prommer: Wenn wir etwas ändern wollen, müssen wir alle überlegen, wie wir das machen. Fernsehen und Kino, das ist ein wahnsinnig teures Geschäft. Es ist sehr teuer, einen Fernsehfilm zu machen oder eine Serie. Und wenn die dann floppt, ist viel Geld den Bach heruntergeflossen. Wenn man auf Nummer sicher gehen will, macht man die Sachen, die schon einmal in der Vergangenheit oder woanders erfolgreich waren, kopiert die in irgendeiner Weise. Dadurch tradiert man Rollenbilder, Rollengeschichten und erzählt "more of the same". Wir könnten uns ruhig mal trauen, etwas anderes zu erzählen.

Das Gespräch führte Rebecca Link in WDR 5 Politikum vom 12.07.2017

Für eine bessere Rezeption weicht die schriftliche Fassung des Interviews an einigen Stellen vom gesendeten Interview ab. Die intendierte Ausrichtung der Fragen und Antworten bleibt dabei unberührt.

Stand: 13.07.2017, 11:44