Sexualstrafrecht im Praxistest

Eine Frau mit einem Aufkleber "Nein heisst nein" auf dem Ärmel steht vor dem Bundestagsgebäude in Berlin

Sexualstrafrecht im Praxistest

Von Shanli Anwar

Nein heißt nein, und Grapschen geht gar nicht. Das Strafrecht hat sich gerade rasant weiterentwickelt. Aber wie wirkt es da, wo das Testosteron strömt? Shanli Anwar konfrontiert Partyvolk und Paragraphen.

Nachts im Kölner Studentenviertel. Hier ist Vor-dem-Kiosk-Stehen und Biertrinken angesagt. Die Feierlaune müsste noch unbeschwerter sein als sonst. Jetzt, wo Grapschen belangt werden kann. Zwei Freundinnen sind in einer dunklen Gasse auf dem Heimweg. Was sagen sie zum neuen Grapscher-Paragraphen? Erleichtert? "Ich glaube, das Gesetz ändert nichts an den sexuellen Bedürfnissen der Männer. Wenn die 'ne Frau sehen, denken die sich: 'Wow, da ist ein geiler Arsch, da fasse ich mal eben dran, dann ist mein Bedürfnis gerade befriedigt.'"

Neue Rechtslage im Alltagstest

Oh, klingt nach schlechten Erfahrungen. Da ist also die neue Rechtslage keine wirkliche Beruhigung? "Du wirst angegrabscht und rennst ja dann nicht zu demjenigen hin und sagst: 'Entschuldigung, wie heißt du denn? Ich würde dich morgen gerne anzeigen.' Ich finde es schwer umzusetzen", sagt die eine Freundin. Und die andere ergänzt: "Also, gerade in einer Bar, man dreht sich um, da stehen fünf Typen, da weiß man nicht, wer das jetzt gemacht hat."

Schade, eigentlich sollte sich frau ja jetzt ein bisschen mehr vor sexueller Belästigung geschützt fühlen. Klappt nicht so. Aber: Der Staat bietet ja noch mehr. Besser kommt bei den Studentinnen die Verschärfung des Sexualstrafrechts an, wenn es um Vergewaltigungen geht. Dass es jetzt ausreicht, wenn sich das Opfer verbal gewehrt hat: "Grundsätzlich ist es gut, dass das mal im Gesetz aufgenommen wird, dass ein 'Nein' schon zählt. Dass man sich bisher körperlich wehren muss, ist ja absurd. Unabhängig davon, ob sich dadurch viel ändert, ist es grundsätzlich richtig."

Signal an die Männerwelt

Die beiden bleiben skeptisch, aber sie finden: immerhin ein Signal. Das den Männern zu denken geben sollte. Frage an einen mit Hipster-Bart: Botschaft angekommen? "Das ist ähnlich wie mit den Zigarettenpackungen. Nur weil Warnhinweise draufstehen, denke ich nicht, dass Menschen weniger rauchen. Klar kann man darüber streiten, ob dies präventiv ist und Sinn macht, dass in Zukunft sowas weniger gemacht wird. Das wird die Zeit zeigen."

Bei den Warnhinweisen auf Zigarettenpackung ist immerhin eins klar: Rauchen und Krebs – den Zusammenhang streiten selbst Nikotinsüchtige nicht mehr ab. Der Satz 'Nein heißt nein' müsste eigentlich noch leichter zu begreifen sein, oder? "Ein 'Nein' gehört in Teilen auch zum Liebesspiel dazu. Ein 'Nein' muss auch nicht ein 'Nein' bedeuten. Das ist auch das, was einem konstant durch TV, Internet, Werbung usw. kommuniziert wird. Da hat man es als Heranwachsender sicherlich schwer zu unterscheiden, ist ein 'Nein' wirklich ein 'Nein', ist ein 'Nein' vielleicht ein 'Ja, aber gib dir mehr Mühe'."

Gesellschaft gefragt

Unser Bartträger meint: Das Prinzip 'Nein heißt nein' richtig einzuordnen, ist vor allem ein Teenager-Problem. Schön wär's. In der Debatte um das Sexualstrafrecht haben auch alte, vermeintlich intellektuelle Kritiker das 'Nein' der Frau in Zweifel gezogen. Letztlich geht es um das Bild von Frau und Mann in unserer Gesellschaft – und das kann der Staat leider nicht gesetzlich regulieren.

Sexualstrafrecht im Praxistest

WDR 5 Politikum - Meinungsreportage | 11.07.2016 | 03:46 Min.

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Redaktion: Morten Kansteiner

Stand: 11.07.2016, 09:56