Berliner Milieu

Plakate zur Bundestagswahl am 24.09.2017

Berliner Milieu

Von Ursula Weidenfeld

Wenn CDU, CSU und SPD eine Zukunft oberhalb der 30-Prozent-Marke haben wollen, brauchen sie Politiker, die in ihrem Wahlkreis zuhause sind und nicht im Berliner Prenzlauer Berg; die keine glatt geschliffenen Lebensläufe vorweisen, dafür eine soziale Heimat bieten, meint Ursula Weidenfeld.

Am Wahlabend stand ein großer, unbeholfener Mann auf dem Podium hinter der Kanzlerin. Verschwitzt hatte er einen Platz hinter der intelligenten Ministerin Ursula von der Leyen gefunden, hinter dem ehrgeizigen EU-Kommissar Günter Oettinger, dem effizienten Fraktionsvorsitzenden Volker Kauder, und dem wendigen Partei-General Peter Tauber. Der Mann, der mit hochrotem Kopf in die Fernsehkameras blinzelte, heißt Karl-Josef Laumann. Er ist Maschinenschlosser und Mitglied in der katholischen Arbeiterorganisation Kolpingfamilie. Er hat einen Ausweis der IG Metall, in seinem Heimatdorf war er Schützenkönig. Heute ist er Arbeitsminister in Nordrhein-Westfalen. Doch auf dem Wahlpodium der CDU-Spitze wirkte er wie ein Fremdkörper.

Wähler fühlen sich weniger repräsentiert

Die Volksparteien brauchen Leute wie Laumann in der ersten Reihe. Sie sind auf Leute angewiesen, die die soziale Heimat von CDU, CSU und SPD verkörpern. Politiker, die in ihrem Wahlkreis zuhause sind und nicht im Berliner Prenzlauer Berg. Und doch haben sich CDU, CSU und SPD in den vergangenen Jahrzehnten von ihnen abgewendet. Sie erschienen ihnen zu provinziell, zu wenig gewandt, den aufgeklärten Großstadt-Wählern nicht vermittelbar. Karriere machten andere.

Das ist nicht nur für Leute wie Laumann bitter. Auch die Wähler empfinden das. Je glatter die Lebensläufe der Spitzenpolitiker geschliffen sind, desto weniger fühlen sich ihre früheren Parteigänger repräsentiert. Je smarter sich die Abgeordneten in das Berliner Milieu einfügen, desto brüchiger wird ihre Beziehung zum Wahlkreis, zu ihren Wählern.

Politisches Programm nur für Minderheiten?

Irgendwann reißt der Faden. Das war am vergangenen Sonntag zu besichtigen: Die Wähler haben den dumpfen – und berechtigten – Verdacht, dass es für alle Minigruppen und Minderheiten ein politisches Programm gibt. Für Frauen, Migranten, Schwule, Lesben und Transgender. Für Hartz-IV-Kinder, Alleinerziehende und islamische Mädchen. Sie selbst aber haben sich in den Monaten vor der Wahl vor allem eines gefragt: Und wo bleiben wir? Die Volksparteien sind ihnen die Antwort schuldig geblieben.

Ein Zurück zu den guten alten Zeiten mit zwei ideologischen Blöcken wird es nicht geben. Wenn aber CDU, CSU und SPD eine Zukunft oberhalb der 30-Prozent-Marke haben wollen, müssen sie sich nicht nur schleunigst auf die Suche nach dem "Wir" dieser Gesellschaft machen. Sie müssen auch die Karl-Josef Laumanns der Zukunft finden, für sich gewinnen – und sie nach vorne stellen.

Berliner Milieu

WDR 5 Politikum - Kommentar | 28.09.2017 | 02:39 Min.

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Redaktion: Consuelo Squillante

Stand: 28.09.2017, 15:57