Kuscheln statt Angriff

Wolfgang Schäuble trifft Cem Özdemir - Wie viel Grün steckt in Schwarz?

Kuscheln statt Angriff

Von Albrecht von Lucke

Der Wahlkampf scheint gelaufen - Angela Merkel ist unantastbar. Das Schaulaufen der möglichen Koalitionspartner geht auf Kosten der Inhalte, kommentiert Albrecht von Lucke. Verlierer sind die Wähler.

Nach der Wahl ist vor der Wahl, heißt ein bekannter Spruch des politischen Betriebs. Getreu der Devise: Der Wahlkampf hört eigentlich nie auf. Doch im Falle dieser Bundestagswahl liegt die Sache anders herum: "Vor der Wahl ist nach der Wahl". Denn was wir heute, im Endspurt der Bundestagswahl erleben, ist das große Kuscheln der vermeintlichen Konkurrenten, sind vorgezogene Koalitionsverhandlungen.

Inhalte fehlen

Der Grund dafür: Angela Merkels Vorsprung ist faktisch uneinholbar, Martin Schulz bereits geschlagen. Die Kanzlerin kostet ihre Unangreifbarkeit in jeder Wahlarena genüsslich aus – derweil die anderen sich für die alte und neue Amtsinhaberin hübsch machen.

Für uns als Wählerinnen und Wähler ist dies ein trostloses Schauspiel; der inhaltliche Wahlkampf bleibt dabei völlig auf der Strecke.

Siehe die Grünen: So sehr sich Cem Özdemir bei "Anne Will" bemühte, den bissigen Herausforderer gegen Wolfgang Schäuble zu geben, so sehr war doch zu spüren, dass er am liebsten schon morgen mit der Union an einem Tisch säße. Schließlich ist die Kanzlerin spätestens seit ihrer Flüchtlingspolitik auch für viele Grüne akzeptabel. Die aber verlieren dabei allzu gerne aus dem Blick, dass Merkels einstige Willkommenspolitik längst harter Abschottung gewichen ist.

Platz an der Sonne

Christian Lindner dagegen ist damit hoch zufrieden, weshalb auch für ihn längst gilt: APO war gestern. Heute buhlt auch die FDP wieder um den Platz an der Sonne, sprich neben Angela Merkel. Selbst Jamaika erscheint nun nicht mehr unmöglich – obwohl die Unterschiede zwischen der neoliberalen Auto-Partei FDP und der grünen Anti-Diesel-Partei eigentlich immens sein sollten. Doch wenn man Cem Özdemir und Christian Lindner sich eifrig duzen sieht, ist Jamaika mental längst perfekt.

Denn dahinter gibt es vor allem bei den Grünen eine noch größere Angst – vor dem Weiter-So mit der Großen Koalition. Dafür aber wirft sich Martin Schulz mit aller Macht in die Bresche.

Erst das handzahme "Duell" zwischen ihm und der Kanzlerin, und gestern dann, auf ganzseitigen Anzeigen in Tageszeitungen, seine vier angeblichen SPD-Essentials, die doch auch nur eines signalisierten – den Wunsch nach neuerlichen Koalitionsverhandlungen.

Taktisch wählen

Für uns Wählerinnen und Wähler ist all das fatal. Wenn der Eindruck entsteht: Jeder kann problemlos mit jedem, bleibt am Ende bloß die Simulation von Konflikt und Wahlkampf. Im Ergebnis zählt dann nur die Frage, wo meine Stimme taktisch-strategisch etwas wert sein könnte – sprich, wie meine Partei doch noch an die Regierung kommt.

Am Ende obsiegt bloßes Taktieren: Denn bei immer kleiner werdenden Unterschieden der potentiellen Koalitionspartner wird die inhaltliche Frage letztlich immer unbedeutender. Über wachsende Parteienverdrossenheit braucht man sich dann nicht mehr zu wundern.

Kuscheln statt Angriff

WDR 5 Politikum - Kommentar | 12.09.2017 | 02:49 Min.

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Redaktion: Isabel Reth

Stand: 12.09.2017, 16:05