Haben ARD und ZDF den Putsch verschlafen?

Ein Mann schaut sich auf einem an der Wand hängenden TV-Screen die Berichterstattung über den Putschversuch in der Türkei an

Haben ARD und ZDF den Putsch verschlafen?

Von Christine Watty

Insbesondere an der Berichterstattung in der Putschnacht kommt Kritik auf: Hätte das Geschehen in der Türkei umfassender abgebildet werden müssen? Christine Watty über den Konflikt zwischen Tempo und Glaubwürdigkeit.

Immerhin das geht schnell: Während die Situation in der Türkei noch unklar ist, Tote und Verletzte gezählt werden, während es überall an Einordnung und Information mangelt - sind wenigstens die ersten Medienkritiken schon getippt. "Warum schaffen es deutsche Nachrichtensender eigentlich nicht, nah am Geschehen zu sein?", fragte Tagesspiegel Online bereits am Samstagabend nach einer gründlichen Auflistung, wer wie lange in der dramatischen Nacht berichtet hat.

Der Publizist Klaus Kelle beschreibt erst auf seinem Blog, dann bei, naja, Focus-Online am Sonntag Probleme bei seinem Versuch in der Putsch-Nacht fernzusehen: "Und ich griff zur Fernbedienung. ARD? ZDF? Nichts zu diesem wichtigen Thema."

Am Anfang haben alle keine Ahnung

Inzwischen hat Tagesschau-Chef Kai Gniffke wenigstens noch an diversen Stellen seinen rückwirkenden Programmtipp loswerden dürfen. Das Erste hatte im Angebot: Tatort-Unterbrechung, Sondersendung anschließend, Laufband dazwischen, Einschätzung davor in den Tagesthemen. Das ist natürlich nicht Nichts. Richtig viel aber auch nicht. Und da ist es wieder, das Dilemma: Wenig und dafür verlässlich berichten? Oder schnell sein und vielleicht doch ein bisschen mehr Konjunktiv? Der Journalist Wolfgang Michal beschreibt die mediale Herausforderung auf seinem Blog so: "Wenn nämlich der journalistische Prozess vom Nichtwissen zum Wissen in aller Ausführlichkeit und live vor uns ausgebreitet wird, ergibt sich logischerweise daraus, dass man der Berichterstattung unmittelbar nach dem Ereignis nicht trauen darf, denn eingestandenermaßen haben ja alle am Anfang keine Ahnung."

Wobei – manche haben einen geradezu magischen Durchblick. Und das  von zuhause aus! Radionachrichten-Macher Udo Stiehl zitiert auf seinem Blog einen Tweet von Benjamin Denes: "Das Absurde ist ja: Die Twitter-Sesselreporter sind in Echtzeit informiert, wollen aber zeitgleich vom TV Info-Mehrwert."

Zutaten für die Zukunft

Was kann dieser Mehrwert der Fernsehberichterstattung also sein? Bestimmt keine endlosen Spekulationen und Bildschleifen. Aber - warum zum Beispiel entstehen keine spontanen Talkrunden mit Redakteuren (die müssten ja im Haus sein) und Experten (die sind ja alle wach), die gemeinsam das Geschehen und damit den Zuschauer begleiten? Sie können einerseits in Echtzeit die Entwicklung der Nacht kommentieren, die Quellenlage transparent machen und dazu vor allem Hintergründe liefern. Gute Gesprächspartner sind ein klarer Vorteil der Öffentlich-Rechtlichen. Wenn dazu noch Einblicke in‘s Redaktionsgewusel kämen, statt statischer Moderationen am Nachrichtentisch, gute Fragen statt halbgarer kurzer Schalten – könnten das doch Zutaten für die Zukunft sein. Es wird nicht das letzte Mal sein, dass ein dramatisches Ereignis über die Medien hereinbricht. Im Moment hat man eher das Gefühl, alle zwei Tage neue Formate gut brauchen zu können.  

 

Was senden, wenn's knallt?

WDR 5 Politikum - Medienkolumne | 20.07.2016 | 03:45 Min.

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Redaktion: Morten Kansteiner

Stand: 20.07.2016, 16:34