Beleben Störenfriede die Demokratie?

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Beleben Störenfriede die Demokratie?

Er steht an der Schwelle der Ordnung, die er nach Kräften in Frage stellt, ein Abenteurer, mal konstruktiv, mal destruktiv: der Störenfried ist eine ambivalente Figur.

Als "puer robustus" hat der Störenfried Mitte des 17. Jahrhunderts mit Thomas Hobbes in die politische Theorie Einzug gehalten. Danach spielte er unter anderem bei Rousseau, Diderot sowie Schiller, Marx & Engels eine gewichtige Rolle. Heute dagegen ist der puer robustus in der Theorie etwas in Vergessenheit geraten - im Gegensatz zur gesellschaftlich-politischen Realität. Da können Politiker, die sich als Störenfried inszenieren, derzeit sogar Wahlen gewinnen. Ambivalent ist der Störenfried als Figur deshalb, weil er einerseits mit seinem Tun oder Denken gesellschaftliche Verkrustungen aufbrechen und für Bewegung sorgen kann, die andererseits allerdings auch ein gewaltiges Zerstörungspotential bergen können. Der Philosoph Dieter Thomä unterscheidet vier Typen des puer robustus: Der egozentrischen Störenfried, der auf eigene Faust gegen die staatliche Ordnung handelt; der Exzentriker, eine Art genialer Kindskopf, der zwar Regeln hinterfragt, aber nicht bloß seinem Eigeninteresse folgt;

Dieter Thomä

Der Philosoph Dieter Thomä

dann der nomozentrische Störenfried, der eine gesellschaftliche Vision hat, Wilhelm Tell wäre ein Beispiel; und zuletzt der "massive Störenfried", dem es vorrangig um die Zerstörung von Ordnung geht, heute bezeichnen wir ihn auch als Fundamentalisten. Viele solcher Störenfriede spielten und spielen eine Rolle in der Politik; auffällig ist, dass es sich fast ausschließlich um Männer handelt.

Braucht es Störenfriede, damit die Politik lebendig bleibt? Wie stehen Sie zum puer robustus?

Hörer können mitdiskutieren unter 0800 5678 555 oder per Mail unter philo@wdr.de.

Konstruktiv? - der Störenfried

WDR 5 Das philosophische Radio | 24.02.2017 | 55:55 Min.

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Redaktion: Gundi Große

Literaturhinweis:
Dieter Thomä: "Puer robustus. Eine Philosophie des Störenfrieds".
Suhrkamp, 2016

Stand: 24.02.2017, 20:05