Eine andere Wirtschaft ist möglich - oder?

Eine andere Wirtschaft ist möglich - oder?

Wirtschaftlicher Handel sollte dem Gemeinwohl dienen, nicht der Maximierung von Profit, sagt Publizist und Aktivist Christian Felber. Deshalb hat er eine "Gemeinwohl-Ökonomie" entwickelt. Wenn man sie umsetzen würde, wäre das die Revolution unserer Wirtschaftsordnung.

Gemeinwohl-Ökonomie

Einer Studie der Bertelsmann-Stiftung von 2010 zufolge wünschen sich 88 Prozent der Deutschen und 90 Prozent der Österreicher eine "neue Wirtschaftsordnung". Der Umweltschutz soll einen höheren Stellenwert erhalten und die Gesellschaft sozial ausgeglichener sein. Hier knüpft Felber an. In seinem Konzept hat alles Wirtschaften nur ein Ziel: das Wohl aller, das Gemeinwohl.

Einer Studie der Bertelsmann-Stiftung von 2010 zufolge wünschen sich 88 Prozent der Deutschen und 90 Prozent der Österreicher eine "neue Wirtschaftsordnung". Der Umweltschutz soll einen höheren Stellenwert erhalten und die Gesellschaft sozial ausgeglichener sein. Hier knüpft Felber an. In seinem Konzept hat alles Wirtschaften nur ein Ziel: das Wohl aller, das Gemeinwohl.


Wirtschaftlicher Erfolg ist in Felbers Geimeinwohl-Ökonomie neu definiert: Nicht der finanzielle Gewinn ist ausschlaggebend, stattdessen geht es um die menschlichen Grundbedürfnisse. Wie erreichen wir Lebensqualität für alle? Wie kann es allen wirtschaftlich gutgehen? Die Umorientierung von Wirtschaft und Unternehmen auf das Gemeinwohl-Ziel hat natürlich Folgen.

Als Folge will Felber das Bruttoinlandsprodukt als Maßstab für den Erfolg einer Volkswirtschaft abschaffen - und es durch ein "Gemeinwohl-Produkt" ersetzen, das sich an sozialen Kriterien orientiert. In Unternehmen ist statt der Finanz- eine "Gemeinwohl-Bilanz" maßgeblich; und wer investieren will, muss seine Kreditwürdigkeit einer "Gemeinwohl-Prüfung" unterziehen.

Unternehmen mit guten Gemeinwohl-Bilanzen will Felber rechtliche Vorteile einräumen: "niedrigere Steuern, geringere Zölle, günstigere Kredite, Vorrang beim öffentlichen Einkauf und bei Forschungsprogrammen". So würden "ethische, ökologische und regionale Produkte und Dienstleistungen billiger als unethische", so der Autor, "und ethische Unternehmen setzen sich auf dem Markt durch".

Felber hat noch mehr Details auf Lager, wie Unternehmen seiner Auffassung nach funktionieren sollen. So dürfen zum Beispiel Überschüsse nicht mehr für Investitionen auf den Finanzmärkten verwendet werden. Die soll es gar nicht mehr geben. Feindliche Aufkäufe anderer Unternehmen wären nicht mehr erlaubt. Ebensowenig Parteispenden. "Im Gegenzug entfällt die Steuer auf Unternehmensgewinne."

Wer ist dieser Mann, der sich so detailliert mit einer alternativen Wirtschaftsordnung beschäftigt? Der gebürtige Salzburger hat in Wien und Madrid Romanistik studiert. Seit seinem Magister-Abschluss lebt er als freier Publizist - aber nicht nur. 2000 hat er den österreichischen Zweig von Attac mitgegründet. Später hat er als Dozent an der Wiener Wirtschaftsuni gelehrt. Nebenberuflich arbeitet er als zeitgenössischer Performer. 2010 initiierte Felber das Modell der Gemeinwohl-Ökonomie, von dem sein Buch "Ethischer Welthandel" (2017) handelt. Die Zeit-Verlagsgruppe hat ihn mit dem "Zeit-Wissen-Preis Mut zur Nachhaltigkeit" ausgezeichnet.

Zwölf Unternehmen, so Felber, haben das Modell mit ihm zusammen entwickelt. Inzwischen sind "rund 400 Betriebe, Organisationen und Kommunen bereits gemeinwohlbilanziert", sagte er in einem Interview mit dem Greenpeace-Magazin. "Diese Vision kommt bei der Basis quer durch alle Parteien gut an, auch Bürgermeister und erste Landesregierungen wie etwa Baden-Württemberg begrüßen die Idee."

In dem Interview hat Felber auch gefragt: "Warum erhalten Agrarkonzerne günstigere Kredite als Biobauern? Warum gibt es Freihandel für Fleisch aus Massentierhaltung?" Natur und Umweltschutz spielen eine wichtige Rolle in seinem Wirtschaftsmodell. Die Natur hat einen Eigenwert und kann deshalb nicht zu Privateigentum werden. Wer bauen will, kann die Fläche lediglich nutzen, aber nicht kaufen. Anstelle die Wirtschaft wachsen zu lassen, wird es zum Ziel, unseren ökologischen Fußabdruck zu verringern.

Das klingt alles naiv und unrealistisch? Ja, sagen Kritiker. Wirtschaftswissenschaftler werfen Aktivist Felber vor, er sei nicht vom Fach, habe zu wenige Kenntnisse. Andere kritisieren, sein Modell ähnele einer Ökodiktatur und beschneide individuelle Freiheiten. Felber dreht den Spieß herum: Unsere Freiheit sei "vielmehr dadurch in Gefahr, dass wir in den Industrieländern extrem über unsere Verhältnisse leben und die Lebensgrundlagen aller zerstören".

Stand: 07.07.2017, 09:00 Uhr