"Le Mensch" - das klingt nach was

"Le Mensch" - das klingt nach was

Der Publizist Alfred Grosser ist auch mit 92 Jahren noch ein unermüdlicher Pädagoge. Sein Leben lang beschäftigt ihn die Menschwerdung: Wie kann es gelingen, das Leiden des Anderen zu verstehen, als Mensch an seiner Seite zu stehen? Moderator Jürgen Wiebicke hat mit ihm gesprochen.

Schwarz-Weiß-Bild, Alfred Grosser 1988 in einem Fernsehstudio zuhörend

Alfred Grosser ist ein Jahrhundert-Zeuge. Er gehört zu den großen europäischen Intellektuellen unserer Zeit. 1925 wurde er in Frankfurt am Main geboren. Wegen seiner jüdischen Herkunft floh er als Kind 1933 mit seinen Eltern nach Frankreich. Er war aktiv in der Résistance gegen die deutschen Besatzer. Wurde französischer Staatsbürger. Und nennt sich heute einen "ganzen Franzosen".

Alfred Grosser ist ein Jahrhundert-Zeuge. Er gehört zu den großen europäischen Intellektuellen unserer Zeit. 1925 wurde er in Frankfurt am Main geboren. Wegen seiner jüdischen Herkunft floh er als Kind 1933 mit seinen Eltern nach Frankreich. Er war aktiv in der Résistance gegen die deutschen Besatzer. Wurde französischer Staatsbürger. Und nennt sich heute einen "ganzen Franzosen".

"Le Mensch" – heißt sein aktuelles Buch. Über sein Spätwerk spricht er im Philosophischen Radio mit Jürgen Wiebicke. Es befasst sich darin mit der Ethik der Identitäten – ein Lebensthema. Dieser Titel sei ihm aber zu philosophisch gewesen, "das hätte jeden abgeschreckt." Mensch – das klingt nach was, findet Alfred Grosser.

In der "Zauberflöte" heiße es zum Beispiel: "Er ist mehr als ein Prinz, er ist ein Mensch." Oder die jüdische Gemeinde in Brüssel wähle jedes Jahr den "Mensch de l’année – den Mensch des Jahres". Das Menschwerden ist für Grosser etwas Wesentliches, in der Verzweiflung über die heutige Lage der Welt. Sein Appell: die Menschlichkeit nicht zu verlieren. Grosser geht nicht davon aus, dass wir Menschen sind, sondern dass wir Menschen werden müssen.

Was es dafür braucht: Distanz zu nehmen zu seiner eigenen Identität, um die Leiden der anderen zu verstehen. Grosser hält viele Vorträge an Schulen. Wenn er Schülern an einem gutbürgerlichen Gymnasium sage: "Ihr müsst eure Identität als gute Bürger verstehen, die von Anfang an bevorzugt waren gegenüber denen, die in elenden Vierteln leben" – dann sei das schon ein Beginn der Distanznahme, beschreibt er. Sich seinen eigenen Identitäten bewusst zu werden, ist für ihn Voraussetzung zur Menschwerdung.

Er hat eingesehen – sagt er – dass es eine einfache Identität und die eine Identität nicht gibt. "Wenn man nur an eine Identität glaubt, die man hat, ist man intolerant. Daraus wird dann Wir und Die da." Man zeige mit dem Finger auf die anderen. Und das sei immer negativ. Zum Beispiel: Wir, die Deutschen, den Einwanderern gegenüber. Grosser wehrt sich gegen diese Vereinfachungen. Was ihm wichtig ist: Es gibt nicht die Flüchtlinge, die Juden, die Muslime…

Als er 1944 erfahren hat, dass sein Onkel und seine Tante nach Auschwitz deportiert wurden, war es für ihn der Beginn zu verstehen, dass es die Deutschen nicht gibt, dass es keine Kollektivschuld gibt. "Es gab auch andere Deutsche." Das Gegenteil von alle sei nicht keiner – sondern die einen ja, die anderen nein. Und das Gegenteil von nie sei nicht immer – sondern manchmal ja, manchmal nein, versucht er diesen Gedanken zu erklären.

Alfred Grosser studierte Politikwissenschaft und Germanistik, lehrte in Paris am angesehenen Institut d'études politiques. Viele seiner Studierenden sind bekannte Politiker geworden. Wie kaum ein anderer steht er für die deutsch-französische Verständigung. 1975 erhielt er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels für seine Rolle als "Mittler zwischen Franzosen und Deutschen, Ungläubigen und Gläubigen, Europäern und Menschen anderer Kontinente".

Wenn Grosser an Schulen geht, vor Schülern spricht, werde er von der Schulleitung öfter gebeten, nicht so ernste Themen anzusprechen. "Es sind nur ernste Themen", betont er. Die Diskussionen erlebe er immer als sehr positiv. Ein Schüler eines Gymnasiums in Aachen habe ihm am Ende eines Vortrags einmal gefragt, wie es möglich sei, in der heutigen Welt Freude zu empfinden. "Das ist eine echte Frage", sagt Grosser. Tief berührt sei er gewesen. Seine Antwort, fast simpel: "Jemanden anzulächeln kann eine kleine Weltveränderung bedeuten."

Freundlichkeit ist seine Grundhaltung. Seine Mutter sei immer freudig gewesen, obwohl sie Furchtbares in ihrem Leben mitgemacht hat, erinnert sich Grosser. Und an seinen ersten Schultag in Frankreich, am 5. Januar 1934, wo er so freundlich empfangen worden sei – er, der kleine Jude, der in Deutschland verprügelt wurde.

Alfred Grosser mischt sich ein, gesellschaftlich und politisch. Er hat Gegner, sagt er. "Aber ich bin sehr schwierig in der Rolle, Feind zu sein." Für seine Haltung gegenüber Israel ist er scharf kritisiert worden. Als er 2010 von der Oberbürgermeisterin Frankfurts zu einem Vortrag in Gedenken an die Pogromnacht eingeladen wurde, hat es enormen Protest der jüdischen Gemeinde und des Zentralrats der Juden gegeben. Der Eklat blieb aus. "Alles ist gut gelaufen. Ich habe dem Präsident des Zentralrats die Hand gegeben. Ich empfand wirklich Freundlichkeit für ihn", bekräftigt Grosser. Eigentlich eine brisante Aussage, findet Moderator Jürgen Wiebicke. Denn es wäre eine andere Welt, wenn diese Grundhaltung weiter verbreitet wäre.

Alfred Grosser bezeichnet sich als einen "jüdisch geborenen mit dem Christentum geistig verbundenen Atheisten". Er ist kein Atheist geworden, er sei schon immer einer gewesen. Seine Frau sei dagegen katholisch und fromm. Ihn imponieren Leute, die nach ihrem Glauben leben, im Sinne der Menschlichkeit und im Dasein für andere. Auch wenn er selbst Atheist ist, empfindet er eine Nähe zu Christen. Den Kardinal von München, Reinhard Marx, nennt er einen Freund.

Sein Vater ist gestorben, als Alfred Grosser neun Jahre alt war. Es war kurz nachdem sie in Frankreich angekommen waren. Seitdem spüre er den "Stachel des Todes", das Bewusstsein dafür, dass die Zeit knapp sein kann. "Ich habe das unwahrscheinliche Glück, dass ich geistig wach bin, körperlich auch keine Probleme habe. Aber die kommen noch, davor habe ich Angst, vor persönlichen Leiden", gibt Grosser, Vater von vier Söhnen, zu. Der Tod sei ihm egal, mit dem Sterben habe er jedoch ein Problem. Mindestens zwei Jahre möchte er noch leben, sagt er, denn dann feiern seine Frau Anne-Marie und er diamantene Hochzeit.

Stand: 24.07.2017, 13:04 Uhr