Jenseits des Menschen: der Transhumanismus

Roboter in militärischer Formation

Jenseits des Menschen: der Transhumanismus

Menschliches Bewusstsein zu Computersoftware destillieren und ins Internet einspeisen? Oder es in unsterbliche Roboterkörper übertragen? Für den Transhumanismus ist das die Zukunft. Er will die komplette Fusion von Mensch und Technik.

Der Mensch hat sich im Laufe der Geschichte immer weiter verbessert. In jeder Epoche wurde er sich seiner eigenen Unzulänglichkeiten bewusst. Er verbesserte sich mittels Rüstungen, Brillen, Ernährungsplänen oder speziellen Trainingsprogrammen. Sein Anliegen war es stets, einen besseren Menschen zu erschaffen als sich selbst. "Die grundsätzliche Auffassung des Transhumanismus ist eine Bejahung von den Technologien zur Erhöhung der Wahrscheinlichkeit, die Grenzen des Menschen zu sprengen." So beschreibt Stefan Lorenz Sorgner, Philosoph und Inhaber einer Professur für Philosophie und Bioethik in Rom, die Denkrichtung des Transhumanismus. Anders formuliert, so Sorgner, bejahe der Transhumanismus "die Techniken, um die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, dass der Posthumane entsteht."

Superhelden als Vorlage

Der Spider-Man (Tobey Maguire) hockt im neuen, gleichnamigen Kinofilm auf dem Dach eines Wolkenkratzers (Szenenfoto).

Spiderman: auf dem Weg zum Transhumanisten?

Transhuman? Posthuman? Vielleicht helfen einige bekannte Superhelden weiter, um besser zu verstehen, was gemeint ist. Zum Beispiel Spiderman. Im gleichnamigen Comic mutiert Peter Parker nach einer Laborexplosion zum Spinnenmann. Er kann glatte Wände hoch gehen, an der Decke hängen, Netze spinnen und besitzt den sechsten Sinn. Spiderman wurde biologisch-genetisch verändert, indem seine Gene mit denen einer Spinne vermischt wurden. Daraus resultieren seine übermenschlichen Fähigkeiten. In die Realität übertragen sind Eingriffe in das Erbgut ein heikles Thema. Viele assoziieren damit den Versuch der Vernichtung sogenannten "lebensunwerten Lebens" im Nationalsozialismus und die Züchtung von Übermenschen.

Distanz zum "Übermensch" der Nazis

Davon distanziert sich Sorgner klar: "Diese Bezüge bestehen inhaltlich nicht, weil die Vorgänge, auf die angespielt wird, solche sind, bei denen der Staat und politische Institutionen Werte vorgeben und sagen: Das ist lebenswertes Leben, das durch Auswahl gefördert werden soll, darauf hin sollen alle Menschen getrimmt werden. Aber das ist natürlich kein Prozess, der irgendetwas mit den Vorgängen zu tun hat, von denen die Transhumanisten sprechen. Weil der Transhumanismus ganz klar auf einer liberalen Basis funktioniert."

Sollte es zum Beispiel durch eine genetische Veränderung möglich sein, den Alterungsprozess um einige Jahre oder Jahrzehnte zu verlangsamen, würden sicherlich viele Menschen gerne darauf zurückgreifen. So lange es sicher und natürlich auch bezahlbar ist. Gleiches gilt für den Schutz vor Krankheiten. Wäre es möglich, sich durch eine genetische Veränderung vor Krebs zu schützen, würden wohl bei vielen die Bedenken schon kleiner werden.

Auf zum "Posthumanen"!

Superhelden wie Spiderman sind in der Regel aber immer noch menschlich und haben menschliche Probleme. Genau über diese Grenze wollen die Transhumanisten hinaus, zum sogenannten "Posthumanen". So wie Clark Kent, alias Superman. Er altert kaum, wird nicht krank, fühlt keinen Schmerz, kann im Weltall überleben, hat einen Laser- und Röntgenblick, ist unglaublich stark und kann ohne Hilfsmittel fliegen. Superman ist kein menschliches Wesen mehr, auch wenn er wie eines aussieht. Er ist über das Menschliche hinaus - also das Wesen, das danach kommt: Er ist posthuman. Auf welche Weise es erreicht wird, ob durch genetische, biologische oder technische Veränderungen, ist dabei zweitrangig. Ein Problem, das ihm dabei vor allem im Weg steht, ist der Verfall des menschlichen Körpers. Wie gesagt, selbst Superman altert, wenn auch nach menschlichen Maßstäben extrem langsam.

Das unsterbliche Gehirn

Da es aber zumindest in absehbarer Zeit nicht gelingen wird, einen biologischen Körper zu erschaffen, der unsterblich ist, versuchen Transhumanisten das Problem anderweitig zu lösen. Der russische Milliardär Dmitry Itskov beispielsweise hat das "Projekt 2045" ins Leben gerufen. Dabei sollen die Informationen des menschlichen Gehirns in einen Avatar übertragen und auf diese Weise unsterblich werden. Google-Chef Raymond Kurzweil sagt es so: "Wir werden unsere Gehirne schrittweise durch direkte Verbindung mit Maschinenintelligenz verbessern, bis die Essenz unseres Denkens vollständig in die viel fähigere und zuverlässigere neue Maschine migriert ist."

Der Mensch in digitaler Form

Die Computergrafik zeigt einen menschlichen Oberkörper, auf dem ein Monitor angebracht ist. Auf dem Bildschirm des Monitors ist ein Gehirn zu sehen.

Bewusstsein in Form von Rechnersoftware?

Philosoph Sorgner ist etwas zurückhaltender: "Ich gehe davon aus, das diese Möglichkeit durchaus gegeben ist. Auch aus philosophischer Sicht kann ich es nicht ausschließen, dass dies einmal geschehen wird, dass man das, was den Menschen ausmacht, in rein digitaler Form vorliegen haben wird." Zu Computersoftware destilliertes menschliches Bewusstsein, das ins Internet eingespeist oder in unsterbliche Roboterkörper übertragen wird. Sieht so die Zukunft aus? Betrachten wir die aktuellen Möglichkeiten, die unsere Daten im Internet Nutzern schon jetzt bieten. Dazu zählt für Stefan Lorenz Sorgner das, was wir in die Google-Suchmaschine eintippen und über die Mailadressen des Konzerns verschicken.

Was unsere Daten bereits ermöglichen

Doch es gibt noch mehr Daten, die von uns im Umlauf sind: jene, die wir über Fitnessarmbänder oder smarte Uhren ins Netz schicken. Unsere medizinischen Daten, wenn die Krankenversicherungen sie im Internet übertragen. Unsere orts- und zeitbezogenen GPS- und Mobilfunkdaten. Sorgner sagt: "Es gibt Experten, die davon ausgehen, dass wenn alle diese Daten verknüpft werden und man darauf zurückgreifen kann, man zu über 90 Prozent vorhersagen kann, wie diese Person in der Zukunft handeln wird." Zugegeben, mein Bewusstsein ist damit noch nicht im Netz, aber doch schon viel von dem, was mich als Mensch und Persönlichkeit ausmacht. Eine gute Kopie ließe sich so schon erstellen.

Autor des Radiobeitrags: Matz Kastning 

 

Jenseits des Menschen: der Transhumanismus

WDR 5 Neugier genügt - das Feature | 25.05.2016 | 20:05 Min.

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