Schecks Bücher: Hölderlin (16/100)

Buchcover Friedrich Hölderlin: Gesammelte Werke

Schecks Bücher: Hölderlin (16/100)

Hölderlin ist ein bedeutender deutscher Lyriker und passt in keine Schublade – er lässt sich weder der Weimarer Klassik noch der Romantik zuordnen. Sein Stil jedoch, hat viele beeinflusst George, Heym, Trakl, Celan, Bachmann…

Ich bin zwar Schwabe, diesen Schwaben aber habe ich lange gehasst. Hölderlin? So ein Umstandskrämer. So ein idealistischer Schwärmer. So ein armer Tropf. Und dann noch der schwer erträgliche Kult um den "umnachteten Dichter" … Als Tübinger Student in den 80er Jahren habe ich den Hölderlin-Hype in seiner grausigen Blüte erlebt. Hölderlin damals, das war die Parole aller ewig Unverstandenen, das Erkennungszeichen aller selbstmitleidigen Untergeher und der kleinste gemeinsame Nenner aller ihr Leid an der Welt auskömmlichst Bewirtschaftenden. Unvergessen aus dieser Zeit ist mir eine Nachwuchslyrikerin, die Eis schleckend auf der Neckarmauer am Hölderlinturm saß und mir im Ton einer Bürgersfrau, die zu einer Prostituierenden spricht, die bis heute im Ohr nachhallende Frage stellte: "Schreibst du eigentlich immer noch für Geld?"


Man muss Hölderlin vor seinen Bewunderern in Schutz nehmen. Hölderlin ist fromm, aber nicht frömmlerisch, und vor allem: nie zynisch. Hölderlins Größe liegt in einer Sprache, bis zum Äußersten aufgeladen und gespannt in der Anstrengung, altgriechisches Versmaß und Denken ins Deutsche zu bringen.


"Ich erreich ihn nie, den / Weltumeilenden Flug der Großen",
schreibt der junge Hölderin 1787 in „Mein Vorsatz“, wo er sich „Pindars Flug“ und „Klopstocksgröße“ als Ziel nimmt und sich im Stil eines Motivationstrainers unserer Tage ermuntert:

"Doch nein! hinan den herrlichen Ehrenpfad! /Hinan! hinan! im glühenden kühnen Traum / Sie zu erreichen; muß ich einst auch / Sterbend noch stammeln: vergeßt mich Kinder!"
Seine Freunde sollen ihn vergessen, weil Hölderlin weiß, wie gefährdet er in seiner Arbeit ist. Alles wird ihm zur Ablenkung, Störung, Zerstreuung. Friedrich Hölderlin selbst hat diese Schwäche am deutlichsten gesehen. Im März 1800 schreibt er an Friedrich Joseph Emerich, der sich über sein langes Schweigen beklagt:

"Du glaubst nicht, wie sehr ich von je her hierin meine Noth hatte. Jede Beziehung mit andern Menschen und Gegenständen nimmt mir gleich den Kopf zu sehr ein, und ich habe dann meine Mühe, so bald ich irgendein besonderes Interesse bei mir zum Vorschein und zur Sprache kommen lasse, wieder davon weg und auf etwas Anderes zu kommen. Schreibst Du mir, so tönt es so lange nach, bis ich mich mit List oder Gewalt zu etwas andrem bringe, und schreib ich Dir, so ists noch schlimmer; so bin ich ein schwerfälliger Schwabe."

Hölderlin lesen heißt Zeuge des lebenslangen Kampfes eines Menschen zu sein, wirklich anzukommen bei sich. Hier möchte einer nicht gestört werden. Keiner Ablenkung zum Opfer zu fallen. Und sei es, dass die Ablenkung Napoleon heiße. Hölderlin baut Mauern, keine Brücken. Erst 150 Jahre nach ihrer Niederschrift wurde 1954 eine vollständige Handschrift des bis dahin lediglich in Fragmenten überlieferten Gedichts "Friedensfeier" bekannt. Bald vierzig Jahre begleitet mich Hölderlins Hymne nun.
"Der himmlischen, still wiederklingenden,
Der ruhigwandelnden Töne voll,
Und gelüftet ist der altgebaute,
Seliggewohnte Saal; um grüne Teppiche duftet
Die Freudenwolk' und weithinglänzend stehn,
Gereiftester Früchte voll und goldbekränzter Kelche,
Wohlangeordnet, eine prächtige Reihe,
Zur Seite da und dort aufsteigend über dem
Geebneten Boden die Tische.
Denn ferne kommend haben
Hieher, zur Abendstunde,
Sich liebende Gäste beschieden.
Und dämmernden Auges denk' ich schon,
Vom ernsten Tagwerk lächelnd,
Ihn selbst zu sehn, den Fürsten des Fests.
Doch wenn du schon dein Ausland gern verleugnest,
Und als vom langen Heldenzuge müd,
Dein Auge senkst, vergessen, leichtbeschattet,
Und Freundesgestalt annimmst, du Allbekannter, doch
Beugt fast die Knie das Hohe. Nichts vor dir,
Nur eines weiß ich, Sterbliches bist du nicht.
Ein Weiser mag mir manches erhellen. wo aber
Ein Gott noch auch erscheint,
Da ist doch andere Klarheit."
Wer ist der Fürst des Fests? Generationen von Hölderlin-Exegeten haben sich über diese Frage die Köpfe heißgeredet. Dionysos? Christus? Die deutsche Volksseele? Oder doch Napoleon? Es gibt Momente medialen Überdrusses, da erscheint mir Hölderlins Sprache die einzig mögliche. Eingängig und kristallin klar, transportiert sie in jeder Silbe dann mehr Sinn als eine Tageszeitung. An anderen Tagen scheinen mir dieselben Verse dagegen dunkel und unverständlich, ihre Bedeutung unfaßbar. Eines Tages, ich bin mir sicher, bin ich Hölderlin gewachsen. Bis dahin gilt: weiterlesen!

Denis Scheck

Denis Schecks Bücherkanon

Schecks Bücher Hölderlin (16/100)

WDR 5 Schecks Bücher | 14.07.2017 | 05:09 Min.

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Die WDR 5 Reihe "Schecks Bücher" läuft wöchentlich, immer freitags, in der Sendung Neugier genügt.

Mann mit Büchern auf dem Arm

Denis Scheck, Jahrgang 1964, studierte Germanistik, Zeitgeschichte und Politikwissenschaft in Tübingen, Düsseldorf und Dallas. Er arbeitete als literarischer Agent, Übersetzer und Herausgeber, als freier Kritiker und von 1996 bis 2016 als Literaturredakteur beim Deutschlandfunk. Der gebürtige Stuttgarter war Herausgeber der "Mare-Bibliothek" und hat diverse Sachbücher veröffentlicht. Seit 2003 moderiert er das Literaturmagazin "druckfrisch" im Ersten.