Schecks Bücher: Rudyard Kipling – Kim (8/100)

Buchcover Rudyard Kipling "Kim" vor verschwommener Bücherwand

Schecks Bücher: Rudyard Kipling – Kim (8/100)

Ein irischer Waisenjunge im Slum von Lahore zur Zeit der britischen Herrschaft über Indien – das ist Kim. Neben dem "Dschungelbuch" gehört "Kim" zu den bekanntesten Werken Rudygard Kiplings ein "Meisterwerk des Imperialismus".

Rudyard Kipling ist das Zentralgestirn in der britischen Literatur des 20. Jahrhunderts. Keineswegs, weil Kipling bis heute den Rekord als jüngster Literaturnobelpreisträger aller Zeiten hält – er war gerade mal 41 Jahre alt, als ihm 1907 die Auszeichnung als erstem Briten verliehen wurde. Rudyard Kiplings überragende Bedeutung liegt in einem Werk, das ein Musterbeispiel ist für jene Bastardkunst, die entsteht, wenn sich Kulturen vermischen, Welten zusammenstoßen, scheinbar Unvereinbares aufeinanderprallt. Und der Roman "Kim", veröffentlicht im Todesjahr Königin Victorias 1901, ist das Kronjuwel in Kiplings Werk.

Denis Scheck

Denis Schecks Bücherkanon

Kipling erzählt darin von Agenten im Großen Spiel um die Vorherrschaft in Zentralasien zwischen Russland, Frankreich und England, vom Erwachsenwerden eines jungen Mannes, von dem, was unsere Identität wirklich ausmacht, und wie unwichtig unsere biologische Abstammung dafür ist. Der Titelheld Kim ist ein Mensch der tausend Masken voll Lebensfreude und Lust am Mummenschanz in der Kastengesellschaft des alten Indiens am Ende des 19. Jahrhunderts. Kims Lebensfrage –

"Ich bin Kim. Aber was ist Kim?"

ist die Frage, die auch das Leben seines Autors bestimmte. Rudyard Kipling kam 1865 in Bombay ODER im heutigen Mumbai zur Welt und verbrachte seine ersten fünf Lebensjahre in Indien. In seiner postum veröffentlichten Autobiographie erinnert sich Kipling an das vielstimmige Mischmasch der Sprachen und Kulturen in seiner Kindheit:

"Vor dem Mittagsschlaf erzählte die Aya, eine römisch-katholische Portugiesin, oder Meeta, eine Hindudienerin, uns in der Nachmittagshitze Geschichten oder sang indische Kinderlieder, die alle noch unvergessen sind; danach wurden wir angezogen und in das Esszimmer geschickt mit der Ermahnung: "Sprecht jetzt Englisch mit Papa und Mama!" So sprach man 'Englisch', das langsam aus der einheimischen Mundart übersetzt wurde, in der man dachte und träumte."

Im Grunde ist der Roman "Kim" Ergebnis von Kiplings Versuch, das, was er als Kind in Indien erlebte, dachte und träumte, in Worte und Bilder jener Sprache zu übersetzen, in der sich sein Erwachsenenleben abspielte. Rudyard Kipling erzählt von Grenzen und von ihrer Überwindung – in den Erzählungen der sieben Jahre vor "Kim" erschienenen "Dschungelbücher" von den Grenzen zwischen Tier und Mensch, in "Kim" von denen unter den Menschen. Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt: zwanzig Jahre, ehe Ludwig Wittgenstein 1921 diesen Satz zu Papier bringt, schreibt Kipling rund um diese Erkenntnis seinen umfangreichen Roman "Kim", in dem es um einen 13jährigen "kleinen Freund aller Welt" geht, ein Waisenkind aus Lahore, das ebenso mühelos zwischen Sprachen, Kasten und Religionen hin und her flitzt wie eine Eidechse über die Steine einer Mauer. Eines weiß Kim ganz sicher: im Leben kommt es darauf an, den Mund aufzumachen. Oder in seinen Worten:

"Wer stumm bettelt, stirbt stumm".

Im Mittelpunkt von "Kim" stehen zwei Menschen auf der Suche: der Straßenjunge Kim und der tibetanische Teshoo Lama, ein ehemaliger Abt eines Zen-Klosters im Himalaya, der auf Pilgerschaft ist. Kim wird zum chela des Lamas, sein Schüler. Ein ungleicheres Paar hat die Weltliteratur seit Don Quichotte und Sancho Pansa nicht mehr gesehen: hier Halbwelt, dort Überwelt. Hier der mit allen Wassern der Gosse gewaschene Tunichtgut, dort der scheinbar bis zur Trotteligkeit vergeistigte Mönch. In Kim und dem Lama prallen Freiheit und Kontingenz, zwei Welten und zwei Weltanschauungen aufeinander – und paradoxerweise begegnen sie sich vom ersten Augenblick mit Liebe, weil sie erahnen, dass ihr Gegenüber just das verkörpert, was ihnen selbst am meisten fehlt.

"Es gibt keine größere Sünde als Dummheit. Merk dir das",

schärft der Lama Kim ein. Ihnen gesellt sich auf ihrer Lebensreise alsbald ein für den Roman mindestens genauso wichtiger dritter Akteur hinzu: die Grand Trunk Road, die sich über 2500 Kilometer zwischen dem Khyber Pass und Peschawar über Lahore, Delhi, Allahabad und Benares nach Kalkutta durch die nordindische Ebene zieht. Für "Kim" ist die Great Trunk Road, was der Mississippi für Mark Twains "Huckleberry Finn" ist: ein Mikrokosmos des Lebens selbst.

Kim ergreift das Angebot, Geheimagent zu werden, mit beiden Händen: welcher Jugendliche könnte einem solchen Nervenkitzel auch widerstehen? Doch im Grunde ist Kims Rolle im Großen Spiel nur eine Fortsetzung dessen, was sein Leben in Lahore ausmachte: die Möglichkeit, in verschiedenste Lebenswelten einzutauchen, ohne sich auf eine Identität festlegen zu müssen. Und so verwandelt sich Kim unter der Hand in eine Figuration des Lesens an sich. Denn in beliebig viele Existenzen schlüpfen und aus einem unendlichen Repertoire von Rollen wählen zu dürfen, ist just das, was das Abenteuer Literatur für jene bereithält, die den Mut haben, sich darauf einzulassen.

Rudyard Kipling: "Kim"
Deutsch von Andreas Nohl
Hanser Verlag, 512 S., 29,90 €

Die WDR 5 Reihe "Schecks Bücher" läuft wöchentlich, immer freitags, in der Sendung Neugier genügt.

Mann mit Büchern auf dem Arm

Denis Scheck, Jahrgang 1964, studierte Germanistik, Zeitgeschichte und Politikwissenschaft in Tübingen, Düsseldorf und Dallas. Er arbeitete als literarischer Agent, Übersetzer und Herausgeber, als freier Kritiker und von 1996 bis 2016 als Literaturredakteur beim Deutschlandfunk. Der gebürtige Stuttgarter war Herausgeber der "Mare-Bibliothek" und hat diverse Sachbücher veröffentlicht. Seit 2003 moderiert er das Literaturmagazin "druckfrisch" im Ersten.

Schecks Bücher: Rudyard Kipling – Kim (8/100)

WDR 5 Schecks Bücher | 19.05.2017 | 05:11 Min.

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