Schecks Bücher: Tim und Struppi (25/100)

Buchcover von Hergé: Tim und Struppi

Schecks Bücher: Tim und Struppi (25/100)

Was der Belgier Hergé 1929 erschuf ist heute eine der bedeutendsten europäischen Comicserien. Die Abenteuergeschichten des jungen Reportes Tim und seinem Hund Struppi inspirierten viele Künstler – darunter Steven Spielberg und Andy Warhol.

"Sie Gurkennase, Sie Torfkopp! Du halbe Portion! … Sie geistiges Pantoffeltierchen! ...Sie Mückenhirn in Aspik! … Sie Papiertiger!
Du Karnevals-Seerauber! … Elender Analphabet! … Kretin! … Sie Rüpel! …… Flegel! Sie Menschenräuber! … Technokrat! … Sie Seeräuber! … Vegetarier! … Bandit! … Sie elender Buckelwahl! Galeerensträfling! Politiker! Hunderttausend Höllenhunde!"

Kein Zweifel: "Tim und Struppi" ist nicht nur ein Comic, "Tim und Struppi" ist ein Sprachereignis. Mit 21 Jahren dachte sich der 1907 in Brüssel geborene George Remi den Reporter Tim und seinen weißen Foxterrier Struppi aus und schickte ihn in 24 Alben und der letzten, Fragment gebliebenen Geschichte "Tim und die Alphakunst" rund um den Globus. Hergé, wie sich George Remi nach seinen umgedrehten Initialen RG als Zeichner nannte, wollte ursprünglich Maler werden, ehe er sich ganz auf den Comic und schließlich auf "Tim und Struppi" verlegte. Durch seine Abenteuer auf allen Kontinenten, ja sogar auf dem Mond, den Tim und Struppi glatte 15 Jahre vor Neil Armstrong betreten, eröffnet der neugierige Reporter Tim seinen Lesern buchstäblich die Welt: Tim und Struppi erkunden Tibet und China, Indien und die Südsee, die Sowjetunion und die USA, Südamerika und Afrika. Dabei grenzen im Comic-Kosmos Hergés reale Länder wie der Kongo oder die Sowjetunion an Phantasiereiche wie das lateinamerikanische San Theodoros und das Wüstenemirat Khmed mit seiner wunderbar benannten Hauptstadt Watisdah, das Königreich Syldavien oder dessen Nachbarland Bordurien. Unauslöschlich eingeprägt ins visuelle Gedächtnis des 20. Jahrhunderts hat sich Hergés genialer Comic durch seine Kunst der Reduktion. Eine Welt ohne Schatten, eine Welt farbiger Flächen, gezeichnet mit der Präzision einer Risszeichnung: das ist die Welt von Hergés "Tim und Struppi". Und durch diese penibel aufgeräumte, durch und durch saubere und ordentliche Welt tobt der Irrsinn in Gestalt des cholerischen Vollalkoholikers Kapitän Archibald Haddock. Befeuert von seinem Lieblingswhisky Loch Lomond, ist Kapitän Haddock ein Sprachrohr des Widerstands gegen die Zumutungen dieser Welt. Haddochs unablässige Schimpfkanonaden sind Ausdruck eines kindlichen Anarchismus, Auflehnung gegen jede Art von Autorität und Ordnung, eine Revolte gegen einfach alles:

Spitzbube! … Ratte! … Tausendfüssler! … Hagel und Granaten! … Galgenvogel! … Höllenmaschinist! … Hanswurst! Giftmischer! … Halsabschneider! … Heulende Hagel und Höllengranaten!…Freibeuter! … Bierkutscher! … Süsswassermatrosen! , … Satansbraten! Affenpinscher! Diebsgesindel! … Schieber! … Wucherer! … Schwarzhändler! … Kürbiskopf! … Schweissfussindianer! Hottentotten! … Katacheten!

Über "Tim und Struppi" sprechen heißt über Namen sprechen. Die schusseligen Polizisten Schulze und Schultze, von denen sich der eine mit "z", der andere mit "tz" schreibt, der schwer-, nein, Verzeihung, der harthörige Professor Balduin Bienlein mit seinen genialen Erfindungen vom Unterseeboot über den lenkbaren Rollschuh bis zur Weltraumrakete, die sich abwechselnd an die Macht putschenden Generäle Alcazar und Tapioca, der dauervergnügte Versicherungsvertreter Fridolin Kiesewetter oder die Opernsängerin Bianca Castafiori sie alle machen "Tim und Struppi" zur schieren Wortmusik. 

Über Tim und Struppi sprechen heißt über Nichts sprechen. Unser Held Tim inmitten all des Wirbels aus Komplotten, Verbrechen und Intrigen ist eine merkwürdige Leerstelle. Schon sein Name im Original, Tintin, signalisiert auf Französisch: hier ist "Nichts zu hören, zu sehen, zu holen, Pustekuchen eben." Tintin ist ein Niemand. Ein Mann ohne Vergangenheit - und auch ein Mann ohne Zukunft, denn Tim altert nie.  

Über Tim und Struppi sprechen heißt über Politik sprechen. Nichts und Niemand kommt durch das Zeitalter der Extreme, ohne von den Ideologien, die das 19. und 20. Jahrhundert bestimmten, berührt und gegebenenfalls beschmutzt zu werden. Die ersten drei Alben von "Tim und Struppi" zeigen die Geburt eines unsterblichen Comichelden – und gleichzeitig eine widerwärtige Kontamination durch Rassismus und Kolonialismus, Antisemitismus, Antikommunismus und Antiamerikanismus. Erst die Begegnung mit einem chinesischen Austauschstudenten in den 30er Jahren ließ Hergé umdenken und führte ab "Der blaue Lotus" zu einer ressentimentfreieren Darstellung fremder Kulturen. War Hergé ein Rassist? Nach heutigen Standards unbedingt. Aber nehmen wir uns mit unseren kümmerlichen Einsichten und Erkenntnissen doch nicht zu ernst. Zeigen wir ein wenig Demut vor dem ethischen und moralischen Fortschritt, der nach uns kommen wird. Besitzen wir die Größe, die Größe Hergés zu feiern, ohne seine Verfehlungen zu verschweigen.

"Geistige Tiefflieger!! … Kanaille! … Saubande! … Vampire! … Rohlinge! …Blindgänger! … Einfaltspinsel! … Pfeffersäcke! … Analphabeten! … Hinterwäldler! … Waschlappen! … Pantoffeltierchen! … Affenpinscher Pestbeulen! …Hunderttausend eiternde Pestbeulen! … Sie wildgewordener Handfeger! … Sonntagsfahrer! … Straßenräuber! … Zyklotron!"

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Hergé
Die Gesamtausgabe.
Carlsen, 1616 S., 199 €.

Schecks Bücher: Tim und Struppi (25/100)

WDR 5 Schecks Bücher | 15.09.2017 | 06:09 Min.

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Denis Scheck

Denis Schecks Bücherkanon

Die WDR 5 Reihe "Schecks Bücher" läuft wöchentlich, immer freitags, in der Sendung Neugier genügt.

Mann mit Büchern auf dem Arm

Denis Scheck, Jahrgang 1964, studierte Germanistik, Zeitgeschichte und Politikwissenschaft in Tübingen, Düsseldorf und Dallas. Er arbeitete als literarischer Agent, Übersetzer und Herausgeber, als freier Kritiker und von 1996 bis 2016 als Literaturredakteur beim Deutschlandfunk. Der gebürtige Stuttgarter war Herausgeber der "Mare-Bibliothek" und hat diverse Sachbücher veröffentlicht. Seit 2003 moderiert er das Literaturmagazin "druckfrisch" im Ersten.