Schecks Bücher: Agatha Christie - Tod auf dem Nil (12/100)

Buchcover Agatha Christie: Tod auf dem Nil

Schecks Bücher: Agatha Christie - Tod auf dem Nil (12/100)

Von Denis Scheck

Sie trägt den Titel "Queen of Crime": Agatha Christie gilt als erfolgreichste Kriminalschriftstellerin der Welt. Ihre Bücher verkauften sich weltweit in Milliardenhöhe. Ihre Figuren, ob Hercule Poirot oder Miss Marple sind Evergreens.

Agatha Christie ist die vielleicht schlechteste Stilistin in diesem Kanon. Allerdings vermag sie Handlungsknoten zu schürzen wie niemand sonst: sie ist schlicht die beste Plotterin der Weltliteratur. Doch zugegeben: Wenn es so etwas wie einen literaturkritischen Börsenplatz gibt, an dem die Reputationen von Autoren gehandelt werden, dann erleben Agatha Christies Aktien seit ihrem Tod 1976 eine Dauer-Baisse. Dafür gibt es durchaus gute Gründe. Ihre mitunter hölzerne und phrasenhafte Sprache. Die Formelhaftigkeit vieler ihrer Romane. Ihre gerade in den Nebenfiguren häufig zweidimensionale Charakteristik. Nicht zuletzt ihr zeitbedingter latenter Rassismus und ihr Antisemitismus. Doch stehen die Zeichen nicht schlecht, dass diese erstaunlich produktive Autorin über kurz oder lang wiederentdeckt und neu bewertet werden wird. Denn auch hierfür spricht einiges. Agatha Christies sensibles soziologisches Gespür für Klassenunterschiede. Ihr Ohr für gesprochene Sprache. Und nicht zuletzt ihr trockener Humor. Allem zusammen begegnen wir im ersten Kapitel des Romans "Tod auf dem Nil", in dem eine viele Millionen schwere Erbin einem scharlachroten Rolls-Royce entsteigt und prompt Gegenstand einiger neidischer Kommentare der im Pub versammelten Einwohner der englischen Kleinstadt Malton-under-Wood wird:

"Eine Schande!“ fand der Hagere. "Wo hat die denn das ganz Geld her?“ "Amerika, hab ich gehört. Die Mutter war wohl die einzige Tochter von so 'nem Millionen-Krösus. Wie im Kino, was?“
Das Mädchen kam aus dem Postamt und stieg wieder ins Auto.
Der Hagere starrte ihr brummelnd nach, als sie davonbrauste. "Ich find das ja ganz verkehrt – dass sie so aussieht. Geld und so'n Aussehen – das ist zu viel! Wenn eine so reich ist wie die, dann darf die doch nicht auch noch gut aussehen. Und die sieht gut aus … Alles hat die! Find ich ungerecht ...“

Das finden auch einige andere Figuren in "Tod auf dem Nil“, und so treffen wir Linnet Ridgeway bald mit einer Kugel im Kopf in ihrer Erster-Klasse-Kabine an Bord der Karnak an. Natürlich löst Hercule Poirot den vertrackten Fall. Und natürlich präsentiert Christie dabei ganz offen alle Fakten und führt uns Leser dennoch so souverän aufs Glatteis, dass man dieses Meisterwerk der Kriminalliteratur mit jener köstlichen Mischung aus Ärger über die eigene Begriffsstutzigkeit und Bewunderung für die Raffinesse des Meisterdetektivs aus der Hand legt.

"Mais oui … Ich habe gern Publikum, das muß ich zugeben. Ich bin nämlich eitel, Ich bin aufgeblasen vor Einbildung. Ich sage gern: 'Sehen Sie mal, wie schlau Hercule Poirot ist.“

Hat sich je eine britische Autorin über den selbstgefälligen Provinzialismus ihrer Landsleute lustiger gemacht als mit der unsterblichen Figur des belgischen Dandys Hercule Poirot?

"Auf der ganzen Welt gibt es nichts Merkwürdigeres, nichts Interessanteres als die Wahrheit“,
lässt Christie ihren Poirot philosophieren, der als vor dem Ersten Weltkrieg nach Großbritannien Geflüchteter außerhalb des britischen Klassendenkens steht. In nicht weniger als 33 Romanen und 52 Kurzgeschichten hat Christie den verfressenen Belgier mit dem hypertrophen Selbstbewusstsein auftreten lassen, und als sie ihn 1975 in dem Roman „Vorhang“ sterben lässt, erhält Hercule Poirot als erste literarische Figur einen Nachruf auf der Titelseite der "New York Times“.

Agatha Christies Meisterschaft im Ausdenken genialer Plots zeigt sich vielleicht am reinsten in jenem Roman, der zum meistverkauften Krimi der Welt wurde: „Ten Little Niggers“, im Original 1939 erschienen und auf Deutsch den Geboten der politischen Korrektheit folgend inzwischen nicht mehr als „Zehn kleine Negerlein“ angeboten, sondern unter dem rätselhaften Titel „Und dann gabs keines mehr“. Christie beschreibt darin, wie zehn Menschen auf eine unbewohnte Insel eingeladen werden und dort einer nach dem anderen den Tod finden, weil sie in ihrer Vergangenheit schwere Schuld auf sich geladen haben. Der Clou dabei: der Mörder muss unter ihnen sein. Wie „Ten Little Niggers“ zeichnet sich auch der von Christie zwei Jahre zuvor veröffentlichte „Tod auf dem Nil“ durch die sorgfältig gewahrte aristotelische Einheit von Zeit, Ort und Handlung aus. Von all ihren in exotischem Dekors spielenden Romanen war dieser Agatha Christie der liebste.
Wir begegnen Poirot in „Tod auf dem Nil“ zum ersten Mal im Londoner Restaurant Chez Ma Tante, wo er vom Besitzer Monsieur Bodin gefragt wird:
„Haben Sie wieder wichtige Geschäfte zu erledigen? Poirot schüttelte den Kopf. „Ich bin doch nur ein Mann der Muße“, erwiderte er sanft. Ich habe beizeiten gespart und kann es mir jetzt leisten, mich einem beschaulichen Dasein hinzugeben.“
"Ich beneide Sie.“
"Nein, nein, Sie wären töricht, wenn Sie das täten. Ich kann Ihnen versichern, es ist längst nicht so vergnüglich, wie es klingt.“ Er seufzte. „Wie Recht hat doch das Sprichwort, dass der Mensch die Arbeit notgedrungen erfinden musste, um dem Zwang zum Denken zu entgehen.“
Monsieur Bodin riss die Arme hoch. „Aber es gibt doch so vieles! Man kann reisen!“
„Ja, man kann reisen. Darin bin ich auch schon ganz gut. In diesem Winter fahre ich, glaube ich, mal nach Ägypten. Das Klima soll dort superb sein!“

Poirot reist tatsächlich an den Nil und trifft dort auf ein frisch verheiratetes junges Paar, die phantastisch reiche Angloamerikanerin Linnet Ridgeway und ihren englischen Ehemann Simon Doyle. Das Paar ist offenbar Opfer einer Stalkerin, der früheren Freundin Simon Doyles. Doch auch andere Mitreisende, erfahren wir Zug um Zug, haben Gründe, Linnet Ridgeway nach dem Leben zu trachten. Dabei sind die erzählerischen Unterströme dieses Romans mindestens so interessant wie die Krimihandlung. Agatha Christie erzählt in „Tod auf dem Nil“ von Welten im Zusammenstoß: von Kolonialismus in Afrika, von der selbstbewussten US-amerikanischen Kultur im Konflikt mit der durch den Ersten Weltkrieg erschütterten europäischen, nicht zuletzt von unterschiedlichen Frauenbildern, die Christie an Bord der Karnak aufeinanderprallen lässt. hier die autonom und selbstbewusst agierende halbamerikanische Erbin, dort die in den Konventionen der Klassengesellschaft und traditionellen Rollenerwartungen gefangenen Mitreisenden. Auch der politische Horizont der Zeit ist keineswegs ausgespart. So reist auf der Karnak auch ein glühender Marxist, der sich am Ende als Angehöriger des britischen Adels erweist und der von den archäologischen Sehenswürdigkeiten an den Ufern des Nils wenig hält.

"Ich finde sie zum Speien.“ (…)
"Tatsächlich? Und warum?“ fragte Poirot.
"Nehmen Sie die Pyramiden. Riesenblöcke von unnützem Mauerwerk aufeinander getürmt, nur um den Egoismus eines aufgeblasenen despotischen Königs zu frönen. Denken sie an die schwitzenden Menschenmassen, die an den Bauten geschuftet haben und dabei gestorben sind. Ich könnte speien beim Gedanken an die Leiden und Qualen, für die sie stehen.
Mrs. Allerton sagte fröhlich: „Sie hätten wohl lieber keine Pyramiden, keinen Parthenon, keine schönen Grabmale und Tempel – Sie wären einfach zufrieden, wenn die Leute dreimal am Tag zu essen hätten und im Bett sterben dürften.“
Der junge Mann warf ihr einen finsteren Blick zu. „Ich finde, dass Menschen wichtiger sind als Steine.“
"Aber nicht so haltbar“, bemerkte Poirot.“

Solange solche Dialoge ein Lachen in Lesern auslösen, solange wird Agatha Christie gelesen werden. Eine Biographin hat einmal ausgerechnet, dass Hercule Poirot am Ende seiner Karriere 135 Jahre alt gewesen sein müsste. Einem Unsterblichen kann das egal sein.

Denis Scheck

Denis Schecks Bücherkanon

Agatha Christie
"Tod auf dem Nil“
Deutsch von Pieke Biermann
Atlantik, 320 S. 10 €

Die WDR 5 Reihe "Schecks Bücher" läuft wöchentlich, immer freitags, in der Sendung Neugier genügt.

Mann mit Büchern auf dem Arm

Denis Scheck, Jahrgang 1964, studierte Germanistik, Zeitgeschichte und Politikwissenschaft in Tübingen, Düsseldorf und Dallas. Er arbeitete als literarischer Agent, Übersetzer und Herausgeber, als freier Kritiker und von 1996 bis 2016 als Literaturredakteur beim Deutschlandfunk. Der gebürtige Stuttgarter war Herausgeber der "Mare-Bibliothek" und hat diverse Sachbücher veröffentlicht. Seit 2003 moderiert er das Literaturmagazin "druckfrisch" im Ersten.

Schecks Bücher: Agatha Christie - Tod auf dem Nil (12/100)

WDR 5 Schecks Bücher | 16.06.2017 | 08:25 Min.

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