Schecks Bücher: Sei Shōnagon - Das Kopfkissenbuch (4/100)

Buchcover Sei Shonagun: Das Kopfkissenbuch vor verschwommener Bücherwand

Schecks Bücher: Sei Shōnagon - Das Kopfkissenbuch (4/100)

Von Denis Scheck

Es ist ein Stück Literaturgeschichte, ein zeitloses Meisterwerk. Sei Shōnagon vertraut ihrem "Kopfkissenbuch" ihre Beobachtungen am Kaiserpalast und ihre intimsten Geheimnisse an. Ein Kunstwerk, das voller Witz, Lebendigkeit und Eleganz steckt.

Eine Hofdame ärgert sich. Es ist eine Hofdame im Jahr 1000 am japanischen Kaiserhof in Kyoto namens Sei Shōnagon. Ihrem „Kopfkissenbuch“ vertraut sie an, was ihr die Laune verdirbt:

"Säuglinge, die losplärren, wenn ich mich mit jemandem unterhalten möchte. Eine Ansammlung von Krähen, die unentwegt hin- und herflattern und dabei laut krächzen. Hunde, die laut losbellen, wenn der Geliebte nachts heimlich zu Besuch kommt. Oder man hat seinen Geliebten unter der allergrößten Vorsicht still und leise an einem unschicklichen Ort eigens eingelassen und versteckt, und da fängt er an zu schnarchen!"

Zeichnung: Die japanische Hofdame und Autorin Sei Shonagon (966-1017)

Dieses Buch erreicht uns aus einer Epoche und einer Gesellschaft, die uns fremder nicht sein könnte. In der Heian-Zeit schminken sich Menschen beiderlei Geschlechts ihre Gesichter mit Bleiweiß. Sie zupfen sich die Augenbrauen aus (wie schmerzhaft diese Prozedur ist, vergisst Sei Shōnagon nicht zu erwähnen), malen sich kirschrote Münder auf, schnallen sich kothurnenartige Holzsandalen unter und gewanden sich in extrem kompliziert gefalteten und gebundenen Ober- und Unterkleidern, deren farbliche Abstimmung im „Kopfkissenbuch“ ausführlich diskutiert wird. Noch komplexer ist das Protokoll, dass das Zusammenleben von Mann und Frau und den Verkehr von Menschen unterschiedlicher Rangstufen regelt. Trotz dieses enormen kulturellen Abstands und über eine Kluft von tausend Jahren benötigt Sei Shōnagon nur ganz wenige Zeilen, um uns nahe zu kommen. Mehr als nah: ihre Stimme ist sofort intim. Hier spricht jemand über einen Abgrund aus tausend Jahren, und doch meint man, eine gute Freundin zu finden: 

"Mehr als alles andere schätze ich Menschen, die Mitgefühl besitzen. Bei Männern natürlich erst recht, aber auch bei Frauen. Es sind keine großartigen Worte, und sie mögen auch gar nicht aus tiefstem Herzen kommen, aber wenn jemand einfach einmal sagt: „Sie tut mir leid“, wenn ich ihm leidtue, oder: „Wie mag Ihnen wohl zumute sein?“ wenn ich traurig bin, freut mich das einfach, und wenn ich aus dem Mund Dritter davon erfahre, noch mehr, als wenn man es mir direkt sagt."

Literatur als Training unserer Empathiefähigkeit: auch das ist das „Kopfkissenbuch“.

Denis Scheck

Denis Schecks Bücherkanon

Ich lese Bücher, weil ich wissen möchte, was die Menschen gedacht und gefühlt haben, die heute auf dem Friedhof liegen. Aus Shei Shōnagons „Kopfkissenbuch“ läßt es sich erfahren. Sei Shōnagon scheint auf den ersten Blick in ganz einfacher, direkter Sprache über menschliche Universalien zu schreiben: die Lieblichkeit des Flötenspiels, die Anmut von Schnee auf Palastdächern, die Schönheit des Mondscheins auf Bergflanken, eingestreut dazwischen Listen mit wohlklingenden und häßlichen Wörtern, Dingen, die ihr angenehm, und Dingen, die ihr peinlich sind. Die 325 Kapitel tragen Überschriften wie „Was mich freut“, „Woran ich nichts Gutes finden kann“, „Was bei Langeweile Zerstreuung bringt“ oder „Frustrierendes“, und zeugen von dem Herausbilden einer erstaunlichen Individualität, die man zwar aus der Literatur der Antike, nicht aber der des europäischen Mittelalters kennt. Sei Shōnagon ist in der Art, wie sie ihre Sache radikal auf sich, ihre Weltwahrnehmung, ihren Scharfsinn und ihren direkten Stil setzt, eine Schwester im Geist von Michel de Montaignes. Einige Kapitel aus dem „Kopfkissenbuch“ und den „Essais“ ließen sich austauschen, ohne dass dies irgendjemandem auffiele.

"Wenn man an einem menschlichen Gesicht etwas besonders hübsch findet, wird man bei seinem Anblick jedes Mal aufs Neue begeistert sein, wie entzückend es wirkt. Betrachtet man hingegen Bilder mehrfach, so gewöhnt man sich an ihre Schönheit. (…) Das ist das Faszinierende am menschlichen Aussehen. Ein einziger hübscher Zug in einem sonst unansehnlichen Gesicht fesselt schon unseren Blick, Ich muss zu meiner Schande allerdings zugeben, dass dies für einen einzigen hässlichen Zug in einem sonst hübschen Gesicht ebenso gilt."

Auf den ersten Blick ist der Kaiserhof ein Ort des Müßiggangs. Man pflegt die Kunst des Stehgreifgedichts, in der Sei Shōnagon brilliert, man hört Vorträge buddhistischer Mönche, Abwechslung bringen die zahlreichen Feiertage, nicht zuletzt führt man ein außerordentlich freies Liebesleben außerhalb der Sündenbegriffe judäo-christlichen Moralvorstellungen. So verblüfft etwa, in welcher Unbefangenheit die Erzählerin bei Hof ihrem einstigen Ehemann begegnet. Natürlich blitzt bei aller Vertrautheit gelegentlich die Erkenntnis auf, dass uns dieser Text aus einer anderen Zeit, einer anderen Gesellschaftsordnung erreicht. Über die Nichtadligen, die all die über Jahrhunderte entwickelte höfische Verfeinerung   ermöglichen, macht man sich weniger Gedanken als über Flöhe auf einem Hund. Und doch spricht dieses Buch so unmittelbar über Eifersucht und Liebeskummer, Abstiegsängste und Profilneurosen zu uns, dass wir mit Haut und Haar davon ergriffen werden und uns bald selbst wie Angehörige des japanischen Hofstaats fühlen. Bei aller Fixiertheit auf den Alltag am Kaiserhof, erzählt das „Kopfkissenbuch“ aber auch von einem brutalen Machtkampf. Die Kaiserin, deren Hofdame Sei Shōnagon ist, wird zugunsten einer Tochter des neuen Regenten ausgebootet und in ihrem Rang degradiert, politische Karrieren scheitern, neue Sterne gehen auf. Am Ende stirbt die Kaiserin mit gerade einmal 24 Jahren, und unsere Erzählerin gerät ins politische Abseits. Niemand weiß, was aus Sei Shōnagon geworden ist. Aber jeder Leser des „Kopfkissenbuchs“ weiß, wer Sei Shōnagon gewesen ist.

Schecks Bücher: Sei Shōnagon - Das Kopfkissenbuch (4/100)

WDR 5 Schecks Bücher | 21.04.2017 | 05:46 Min.

Download

Angaben zum Buch:
Sei Shōnagon: „Das Kopfkissenbuch“
Deutsch von Michael Stein
Manesse, 380 Seiten, 59,95 €

Die WDR 5 Reihe "Schecks Bücher" läuft wöchentlich, immer freitags, in der Sendung Neugier genügt.

Mann mit Büchern auf dem Arm

Denis Scheck, Jahrgang 1964, studierte Germanistik, Zeitgeschichte und Politikwissenschaft in Tübingen, Düsseldorf und Dallas. Er arbeitete als literarischer Agent, Übersetzer und Herausgeber, als freier Kritiker und von 1996 bis 2016 als Literaturredakteur beim Deutschlandfunk. Der gebürtige Stuttgarter war Herausgeber der "Mare-Bibliothek" und hat diverse Sachbücher veröffentlicht. Seit 2003 moderiert er das Literaturmagazin "druckfrisch" im Ersten.