19.00 - 19.05 Uhr WDR aktuell, Verkehrslage

Vor 40 Jahren: Die Entführung der Landshut

Das am 13. Oktober 1977 entführte Flugzeug «Landshut» nach der Landung in Mogadischu (Somalia).

Vor 40 Jahren: Die Entführung der Landshut

Am 13. Oktober 1977 entführen vier palästinensische Terroristen die Lufthansa-Maschine Landshut Flug LH 181 von Palma de Mallorca nach Frankfurt. 86 Touristen und fünf Besatzungsmitglieder saßen fünf Tage lang in der Maschine fest.

Schließlich stürmen Elitepolizisten der GSG 9 die Maschine in der somalischen Hauptstadt Mogadischu. Durch die Entführung sollten inhaftierte RAF-Terroristen freigepresst werden. Die palästinensischen Terroristen hatten sich mit der RAF verbündet, die zeitgleich Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer entführten und später töteten.

Wie blicken Politikstudenten auf diese Zeit? Daniela Müll saß in der Maschine, weil sie einen Schönheitswettbewerb gewonnen hatte. Der erste Preis war eine Urlaubsreise nach Mallorca. Studentinnen und Studenten der Justus-Liebig-Universität Gießen haben Diana Müll in ihr Politik-Seminar eingeladen. Sie wollten von ihr wissen, was sie damals erlebt hat und wie es ihr danach ergangen ist. Diana Müll hat die Geschehnisse 2017 in einem Buch niedergeschrieben.

Wie blicken Politikstudenten heute auf diese Zeit?

Diana Müll saß in der Maschine weil sie einen Schönheitswettbewerb gewonnen hatte. Der erste Preis: Eine Urlaubsreise nach Mallorca.

Diana Müll (l), Passagierin in der entführten Lufthansa-Maschine "Landshut", und der damalige Co-Pilot Jürgen Vietor stehen am 03.08.2017 in Friedrichshafen am Bodensee (Baden-Württemberg) im Dornier Museum vor einem Flugzeug.

Diana Müll und der damalige Co-Pilot Jürgen Vietor 40 Jahre später

Studierende der Justus-Liebig-Universität Gießen haben die heute 58-Jährige in ihr Politik-Seminar eingeladen. Sie wollten von ihr wissen, was sie damals erlebt hat und wie die Geschehnisse ihr Leben verändert haben. "Umgegangen bin ich damit sehr schwer", erzählt sie. Sie habe es verdrängt – das konnte sie sehr gut, sagt sie – hätte nie gedacht, dass sie irgendwann psychische Probleme bekommt. "Das kommt schleichend, wurde immer schlimmer und stärker", berichtet sie den jungen Leuten.

Permanente Todesangst

Diana Müll taucht in die fünf Tage im Oktober 1977 ein, die ihr Leben für immer verändert haben. "Wir hatten nichts zu essen und zu trinken", erzählt sie. "Irgendwann bist du in einem Delirium und sackst einfach weg. Du weißt nicht, wann du geschlafen hast, ob du wach bist, ob das real ist." Hinzu kam die permanente Todesangst. Der Anführer der Terroristen nannte sich Machmud, erinnert sich Diana Müll. "Die normale Brutalität sah so aus, dass er einfach durch den Gang gegangen ist. Und wenn er dich angeguckt hat, musstest du davon ausgehen, dass er dir den Knauf von der Pistole brutal auf den Kopf haut."

Am zweiten Tag landete die Maschine mit einigen Zwischenstopps in Dubai, die Klimaanlage fiel aus, die Mittagshitze stieg auf 60 Grad. Die Passagiere waren halb verdurstet, die Lage in der Maschine spitzte sich zu. Als der Tower sich weigerte, das Flugzeug aufzutanken, drohten die Terroristen die Geiseln zu erschießen. Diana Müll sollte die Erste sein. Im letzten Moment lenkte der Tower ein.

Diskussion, ob die Regierung hätte einlenken müssen

Die befreiten Geiseln der "Landshut" treffen am 18.10.1977 mit der Lufthansa-Maschine "Köln" auf dem Rhein-Main-Flughafen in Frankfurt ein.

Die befreiten Geiseln treffen am 18.10.1977 in Frankfurt ein

Die Geschichte von Diana Müll ist den Studierenden sehr nah gegangen, sie sind beeindruckt, wie ruhig sie darüber reden kann. Einige sind hin- und hergerissen, ob die Regierung nicht doch hätte einlenken müssen, die RAF-Terroristen freilassen. Diana Müll sieht das anders: "Für mich war ganz klar, dass man diese Bande nicht freilassen kann, sonst nimmt das Ganze nie ein Ende."Sie hat eine Therapie gemacht, um das schreckliche Ereignis aufzuarbeiten. Die Kosten habe sie selber tragen müssen, erzählt sie. Weder ihre Krankenkasse noch die Lufthansa seien eingesprungen. Heute führt sie ein normales Leben. "Jeder Tag, den ich nach meinem 19. Lebensjahr gelebt habe, ist gut – egal was kommt."

Autoren: Iris und Hans Rubinich
Redaktion: Julia Lührs

"Jeder Tag nach meinem 19. Lebensjahr ist gut"

WDR 5 Neugier genügt - das Feature | 12.09.2017 | 21:10 Min.

Download