Der doppelte Nationalspieler

Porträtbild junger Fußballer in Schwarz-Weiß, undatierte Aufnahme des Fußball-Nationalspielers Ernst Willimowski

Der doppelte Nationalspieler

Polen oder Deutschland? Lukas Podolski musste sich entscheiden, Ernst Willimowski spielte 70 Jahre vor ihm in beiden Teams - mit besserer Torquote als Gerd Müller. Das Porträt eines Ausnahme-Fußballers am Tag des EM-Spiels Deutschland-Polen.

Die Fußball-Weltmeisterschaft im Jahr 1938. Der 22-jährige Ernst Willimowski ist einer der besten Spieler des Turniers. Gegen Brasilien schießt er vier Tore für Polen: WM-Rekord für mehr als ein halbes Jahrhundert. Nur vier Jahre später trifft der Dribbelkünstler erneut vier Mal in einem Länderspiel. Nun trägt er aber nicht mehr den weißen, sondern den schwarzen Adler auf der Brust. Wer ist dieser Willimowski?

Am 23. Juni 1916 wird er in Kattowitz als Ernest Willimowski geboren. Noch ist die Stadt Teil des deutschen Kaiserreichs. Doch schon zwei Jahre später, nach dem Ende des Ersten Weltkriegs, wird Kattowitz polnisch. Willimowskis Vater ist gefallen, die Mutter kümmert sich allein um den lebhaften Jungen. Sie fühlt sich als Deutsche und erzieht ihren Sohn entsprechend. Er geht auf die deutsche Schule und in den deutschen Fußballverein, den 1. FC Kattowitz.

Der deutsche Nationalspieler Ernst Willimowski erhebt die Arme zum Torjubel über eines seiner vier Tore beim Fußball-Länderspiel Schweiz gegen Deutschland (3:5) am 18.10.1942 in Bern.

Fußball-Länderspiel Schweiz gegen Deutschland 1942 in Bern: Ernst Willimowski erhebt die Hände zum Torjubel

Mit 16 schon zweimal polnischer Meister

Ruch Bismarckhütte, auf Polnisch Ruch Chorzów, ist damals der Gegenentwurf zum 1. FC Kattowitz - ein Symbol für die Polen in Oberschlesien und mit fünf Meistertiteln in den 30er Jahren die dominierende Mannschaft. "Die haben mich beobachtet und mich gefragt, ob ich spielen würde. Und dann bin ich zum Probetraining rübergegangen - und habe gleich angefangen . Und habe mit 16 Jahren den polnischen Meister zweimal hintereinander gemacht und war polnischer Schützenkönig", erinnerte sich Willimowski einmal in einem Radio-Interview.

Er wird der neue Star der Mannschaft. Die polnische Sportpresse wählt ihn zum wichtigsten Fußballspieler des Landes. Der Wechsel zu Ruch markiert für den jungen Spieler auch den Beginn einer steilen Karriere in der polnischen Nationalmannschaft. Gleich das erste Tor schießt er 1934 in Warschau - ausgerechnet gegen Deutschland. Aber seine große Stunde schlägt bei der Weltmeisterschaft in Frankreich 1938, im Achtelfinale gegen Brasilien: Der Gegner führte schon 4:0, Willimowski schafft im Alleingang den Ausgleich.

Willimowski zieht Herbergers Aufmerksamkeit auf sich

1897: Geburtstag Sepp Herberger (dt. Fußballbundestrainer)

Sepp Herberger holt Ernst Willimowski in seine Nationalelf

Es wird erzählt, dass ein brasilianischer Radiokommentator bei diesem Spiel vorm Mikrofon an einem Herzschlag stirbt. Brasilien siegt schließlich 6:5. Polen ist ausgeschieden. Doch der kleine Dribbler mit den Segelohren ist fortan auch international bekannt. Auf der Tribüne saß auch der deutsche Reichstrainer Sepp Herberger, dessen zusammengewürfelte großdeutsche Elf im Turnier erfolglos bleiben sollte. Ob er schon ahnt, dass der polnische Stürmer Willimowski bald ein zentraler Spieler in seiner Nationalelf sein würde?

1939 marschiert die Wehrmacht in Kattowitz ein, direkt am ersten Kriegstag. Nach der Besetzung Polens wird aus Ernest nun Ernst Willimowski. Er unterschreibt die Volksliste und wird damit zum deutschen Staatsbürger - und wieder Spieler des 1. FC Kattowitz. Der Kreisleiter der NSDAP für Oberschlesien, Georg Joschke, will diesen Klub jetzt zum deutschen Vorzeigeverein aufbauen. Ernst Willimowski ist ein wichtiger Bestandteil seines Plans. Doch es kommt zum Konflikt: Willimowski spielt offenbar ein paar Monate lang lustlos mit, dann verlässt er Schlesien. Als sogenannter Volksdeutscher ist es ihm nun möglich, weiter Richtung Westen zu ziehen. Er geht zunächst nach Chemnitz, wo er eine Anstellung bei der Polizei bekommt und gleich ein wichtiger Spieler beim Polizei-Sportverein wird. In nur fünf Spielen in der sächsischen Liga schießt er 37 Tore: Kein Wunder, dass nun viele große Vereine im Reich auf ihn aufmerksam werden. Es folgt eine etappenreiche Laufbahn durch die Fußball-Ligen im NS-Reich. Die wichtigste Station wird der TSV 1860 München. Ernst Willimowski ist inzwischen formal Panzerjäger bei der Wehrmacht.

Das NS-Regime übt Druck aus

1941 debütiert der ehemalige polnische Stürmerstar in Sepp Herbergers Nationalelf mit dem Hakenkreuz auf der Brust. Offenbar auch auf Druck des NS-Regimes: Willimowskis Mutter war zuvor ins KZ gekommen - es ist unklar, warum, aber es gibt mehrere Hypothesen. Eine besagt, Willimowski habe sich geweigert, für die deutsche Nationalmannschaft zu spielen, und auf diese Weise wurde er dazu gezwungen. Die zweite Hypothese ist, dass die Mutter ins KZ gekommen war, weil sie vor dem Krieg einen polnischen-jüdischen Lebensgefährten hatte, sie also wegen "Rassenschande" bestraft werden sollte. Klar ist aber, dass sie das KZ nach ein paar Monaten verlassen durfte - möglicherweise, weil ihr Sohn von Herberger als Fußballstar gebraucht wurde.

Lukas Podolski

Deutschland gegen Polen - ein besonderes Spiel für Lukas Podolski. Ernst Willimowski wird von manchen als "Ur-Podolski" bezeichnet.

Für die deutsche Nationalmannschaft unter Herberger schießt Ernst Willimowski in nur acht Spielen dreizehn Tore. Damit hat er bis heute eine bessere Torquote als der legendäre Gerd Müller. Doch nicht nur auf dem Platz fällt der Goalgetter auf. Er mag das gute Leben - auch vor und nach dem Spiel. So hat er schnell den Ruf, undiszipliniert zu sein: ein Charakterzug, der im "System Herberger" eigentlich verpönt ist. Aber Willimowski wird, so erzählt er später, als Schlitzohr anerkannt.

"Schlitzohrs lustige Streiche"

Er ist damals ohne Zweifel das hochbegabte "Enfant Terrible" in Herbergers Elf, die den spartanischen, trockenen Jugendherbergsstil ihres Meisters verinnerlicht hat. Gerne folgt er deshalb dem Ruf zu Spielen in die Pariser Soldatenelf. Diese Mannschaft aus Quasi-Profis soll in den besetzten Ländern für gute Stimmung unter den Soldaten sorgen, in Spielstätten wie dem Prinzenparkstadion in Paris. Vor bis zu 40.000 Zuschauern werden in Paris riesige Spektakel organisiert: Ballabwurf aus dem Flugzeug, Zuschauerchoreographien und Live-Musik, ein perfekt durchkomponiertes Unterhaltungsprogramm. Die entsandten Spieler können die Annehmlichkeiten der französischen Hauptstadt fern vom Krieg genießen. Besonders beliebt ist die sogenannte "dritte Halbzeit", das Bankett mit der gegnerischen Mannschaft. Willimowski steht mehrfach im Aufgebot, zusammen mit dem legendären Fritz Walter. Der bewunderte den Mannschaftskameraden in seinen Erinnerungen: "Er war eine nicht umzubringende Stimmungskanone. Dabei auf dem Rasen völlig ohne Nerven und eiskalt."

Kurz darauf endet die Nationalmannschaftskarriere von Ernst Willimowski. Propagandaminister Joseph Goebbels meint nun, dass Länderspiele zunehmend vom Kriegsgeschehen ablenken. 1942 wird Herbergers Nationalteam aufgelöst und der Starfußballer, der in zwei Nationalmannschaften aufgelaufen war, sieht sich mit 27 Jahren fast am Ende seiner Karriere.

Die deutschen Nationalspieler Fritz Walter, August Klingler, Albert Sing, Ernst Willimowski und Karl Decker (v.l.) beim Fußball-Länderspiel Deutschland gegen Rumänien am 16.08.1942 in Beuthen.

Ernst Willimowski (2.v.r.) und seine Teamkollegen 1942 im Länderspiel gegen Rumänien, das 7:0 ausging. Links im Bild Nationalspieler Fritz Walter

Nach 1945 aus dem kollektiven Gedächtnis verbannt

1945: Die Deutschen verlieren den Krieg - und es beginnt die große Abrechnung der neuen kommunistischen Behörden mit den deutschen Kollaborateuren. Dazu gehören auch die Sportler, die während des Krieges für deutsche Mannschaften aufgelaufen sind. Willimowski kommt auf eine Schwarze Liste. Der nächste Schritt: Er wird aus dem kollektiven Gedächtnis getilgt. Es wird nicht über ihn geschrieben und er wird auch nicht mehr erwähnt. Seine Tore für die Nationalmannschaft tauchen in den Statistiken nicht mehr auf. Die vier Tore, die er im berühmten Spiel gegen Brasilien geschossen hat, werden entweder gar nicht mehr erwähnt - oder einem anderen Spieler zugeschrieben.

Für Ernst Willimowski beginnt eine Odyssee im unruhigen Nachkriegsdeutschland. Er tingelt als Fußball-Vagabund durch die Besatzungszonen, dann durch die junge Bundesrepublik und das Elsaß. Beim VFR Kaiserslautern, dem proletarischen Gegenstück zum 1. FC Kaiserlautern, ist er in der Saison 1952/1953 mit 31 Toren noch einmal zweitbester Torschütze der Oberliga Südwest, hinter dem berühmteren Fritz Walter. Seine Alkohol-Eskapaden führen aber zu einer mehrmonatigen Sperre. Dem Kader der Weltmeister-Mannschaft von 1954 gehört er nicht an. Eine große Enttäuschung. Willimowski beendet seine Karriere mit 43 Jahren als Spielertrainer im Südwesten, lässt sich schließlich in Karlsruhe nieder und nimmt eine Arbeit in der Verwaltung auf. Er stirbt am 30. August 1997 in Karlsruhe. Einige Fans seines alten Klubs von Ruch Chorzów kommen bis heute an sein Grab und legen Blumen nieder.

Autoren des Features in WDR 5 Neugier genügt (16.06.2016) sind Daniel Huhn und Diethelm Blecking.

Der größte aller Torjäger - Ernst Willimowski?

WDR 5 Neugier genügt - das Feature | 16.06.2016 | 19:14 Min.

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Stand: 15.06.2016, 10:50