30 Jahre Dirty Dancing: "Ein Film über das Erwachsenwerden"

30 Jahre Dirty Dancing: "Ein Film über das Erwachsenwerden"

Naives Mädchen verliebt sich in coolen Tanzlehrer – "Dirty Dancing" ist weit mehr als dieses Klischee. Es ist ein Film über das Erwachsenwerden und eine junge Frau, die sich emanzipiert. Vor 30 Jahren ist der Film in die deutschen Kinos gekommen – und seitdem Kult.

Filmszene aus Dirty Dancing

Als der Film "Dirty Dancing" vor 30 Jahren in die Kinos kommt, hätte keiner vermutet, dass er so erfolgreich wird. Zu Beginn ist noch nicht einmal klar, ob es die Low-Budget-Produktion überhaupt auf die Leinwand schafft. Gerade einmal 4,5 Millionen Dollar Produktionskosten, nur 40 Drehtage – das führt dazu, dass viele Szenen im Film improvisiert sind. Keiner glaubt so wirklich an seinen Erfolg.
Autorin des Features in WDR 5 Neugier genügt ist Hanna Ender

Als der Film "Dirty Dancing" vor 30 Jahren in die Kinos kommt, hätte keiner vermutet, dass er so erfolgreich wird. Zu Beginn ist noch nicht einmal klar, ob es die Low-Budget-Produktion überhaupt auf die Leinwand schafft. Gerade einmal 4,5 Millionen Dollar Produktionskosten, nur 40 Drehtage – das führt dazu, dass viele Szenen im Film improvisiert sind. Keiner glaubt so wirklich an seinen Erfolg.
Autorin des Features in WDR 5 Neugier genügt ist Hanna Ender

Und dann kommt es – entsprechend der Story des Films – wie im Märchen: "Dirty Dancing" spielt am ersten Wochenende rund 3,9 Millionen Dollar ein, läuft 20 Wochen in den US-Kinos. Ende 1987 ist er einer der erfolgreichsten Filme des Jahres. Am 8. Oktober 1987 hat er auch in Deutschland Premiere und lockt neun Millionen Deutsche in die Kinos.

Laut einer Umfrage des britischen Kabelsenders Sky Channel ist "Dirty Dancing" der Film, den Frauen sich am häufigsten wieder und wieder angesehen haben. Die Hauptfigur, die idealistische Baby – gespielt von Jennifer Grey –, reift im Film vom schüchternen Mädchen zur mutigen Frau. Für viele junge Frauen wird sie zur Identifikationsfigur. Sie ist gewöhnlich und doch außergewöhnlich, mittelmäßig hübsch, und sie weiß, was sie will.

Im Film ist sie es, die den Tanzlehrer Johnny verführt, nicht umgekehrt. Patrick Swayze ist das Sex-Objekt – und nicht wie sonst in Hollywood-Filmen üblich die Frau. Mit Babys Augen schauen die Zuschauer auf seinen permanent zur Schau gestellten Ober-Körper. So häufig, dass ein Film-Kritiker im Stern-Magazin damals beklagt: "Noch nie wurde ein Mann im Kino derartig sexistisch vorgeführt – wie ein Stück Fleisch."

Die US-amerikanische Autorin Eleanor Bergstein hat sich beharrlich dafür eingesetzt, dass ihr Drehbuch verfilmt wird. Zwei Jahre lang sei sie in Hollywood von Produzent zu Produzent gelaufen: "Keiner von ihnen mochte das Drehbuch. Und auch mit der Musik, Songs aus meiner Jugend, konnte niemand in Hollywood etwas anfangen", erinnert sie sich in einem Interview. "Alle hatten diese Art von Musik vergessen und meinten, die Kids würden auch nicht mehr darauf stehen."

Von wegen: Der Titel-Song "The Time of my Life" gewinnt 1988 einen Grammy, einen Golden Globe und den Oscar. Der Soundtrack verkauft sich 42 Millionen Mal und überholt damit sogar Michael Jacksons "Bad".

Die schwingenden Beine und kreisenden Hüften lösen damals einen Run auf die Tanzstudios aus. Eleanor Bergstein hat in dem Drehbuch ihre eigene wilde Tanz-Jugend verarbeitet: Als junges Mädchen nimmt sie in den Kellerclubs von Brooklyn, New York, an zahlreichen Mambo-Tanzwettbewerben teil, dem sogenannten "Dirty Dancing", bei denen die Körperteile aneinander gerieben werden.

"Dirty Dancing" wird vom Independent-Film zum Kassenschlager. Aber während das Publikum verzückt ist, runzeln Filmkritiker dies- und jenseits des Atlantiks die Stirn: "Während ich im Kinosaal saß und vor mich hingrummelte, was für ein Quark der Film doch sei, lächelten um mich herum die Frauen die Leinwand an", schreibt der Kritiker des New York Magazine. Und eine deutsche Filmkritikerin meint: "Ein männliches Ungetüm springt zackig im Takt einer heißen Musik und schleudert ein Mädchen in alle Lüfte. Ein Macho hoch zehn und eine willige Partnerin."

Auf den ersten Blick bedient "Dirty Dancing" alle Klischees: Kleines, naives Mädchen verliebt sich in coolen Tanzlehrer, der ihr zeigt, wo es lang geht. Aber bei genauerem Hinsehen ist der Film mehr als nur eine Liebesschnulze mit Tanzeinlagen in einem Sommercamp. "Baby emanzipiert sich in diesem Sommer", sagt Hannah Pilarczyk. Die Kulturjournalistin beim Spiegel hat eine erste kulturgeschichtliche Analyse über den Film geschrieben. Er sei ein "Coming-of-Age"-Film – ein Film über das Erwachsenwerden.

Und "Dirty Dancing" ist auch ein jüdischer Film. Drehbuchautorin Eleanor Bergstein teilt mit Baby nicht nur den Spitznamen, sondern auch die Herkunft aus einer liberalen jüdischen New Yorker Arztfamilie. Im Bild sind Jerry Orbach und Kelly Bishop als Baby's Eltern Mr. and Mrs. Houseman zu sehen. Als Jugendliche verbringt Eleanor Bergstein den Sommer mit ihrer Familie in einem Ferienclub nördlich von New York City, genau wie Baby im Film. Hier erholt man sich unter seinesgleichen und verkuppelt die eigenen Kinder mit sozial passenden Partnern. Frances "Baby" Houseman interessiert sich aber für den Tänzer Johnny. Und so wird "Dirty Dancing" auch politisch: Zwischen der bürgerlichen Frances und dem schwitzenden Arbeiterkind Johnny spiegeln sich die sozialen Unterschiede der 60er Jahre wider.

Die ersten Worte, die Baby an Johnny richtet, sind längst zum Kult geworden: "Ich habe eine Wassermelone getragen." In der "Dirty Dancing"-Generation steht der Satz für all den Blödsinn, den man im ersten Moment verliebter Schwäche vor sich hinstammelt. Mit dem berühmtesten Satz des Films entwickelt sich die Liebesromanze. Was den Erfolg der Story ausmacht: Jennifer Grey als Baby wird im Film nicht demontiert. Sie entwickelt sich – von der unbeholfenen Wassermelonen-Szene bis zur gelungenen Hebefigur – und kann sie selber bleiben. Sie muss nicht schöner, schlanker, braver oder weiblicher werden, um den Mann zu bekommen, den sie liebt.

Stand: 05.10.2017, 15:21 Uhr