Der Mann, der Reggae in die Welt brachte

Bob Marley live Konzert

Der Mann, der Reggae in die Welt brachte

Bob Marley war abgebrannt, als er den weißen Jamaikaner traf: Chris Blackwell, der Mann, der Reggae bekannt machte als Plattenproduzent, nahm Marley unter Vertrag. "Catch a Fire", hieß das Album, dem viele folgten.

Es mag wie eine Ironie der Geschichte klingen: Chris Blackwell, der die schwarze Musik Jamaikas in die Welt brachte, stammt aus der kolonialen weißen Oberschicht der Insel. Seine Eltern waren reich geworden durch Bananenplantagen, sie schickten ihren Sohn im Alter von neun Jahren nach England in ein Internat, um ihm mit bester Bildung beste Chancen im United Kingdom zu verschaffen.

Aber Chris Blackwell kehrte nach Jamaica zurück und versuchte sich in allerlei Beschäftigungen, u.a. als professioneller Spieler. Als er damit begann, in den Kneipen der Insel Jukeboxes aufzustellen, fiel ihm auf, dass sich in Jamaica eine ganz eigene Form von (Tanz-)Musik zu entwickeln begann, die später unter dem Namen Ska bekannt werden sollte. Chris Blackwell gründete mit Geld seiner Mutter ISLAND RECORDS und begann damit, Musik aufzunehmen und zu vertreiben. Sein erster großer Erfolg war 1958 eine Single von Laurel Aitkins mit dem Titel "Boogie in my Bones".

Island Records war damals längst nicht so erfolgreich, dass Chris Blackwell nicht auch andere Aufträge angenommen hätte. Seine Mutter, angeblich die Geliebte von Ian Fleming, verschaffte ihm 1962 einen Job als Location Scout und Mädchen für alles bei der Produktion des Bond-Films "Dr.No". Produzent Harry Saltzman war so angetan von diesem jungen Mann, dass er ihm eine Festanstellung in seiner Produktionsfirma anbot, aber Chris Blackwell lehnte ab. Angeblich, nachdem er eine schwarze Wahrsagerin aufgesucht hatte, die ihm nahe legte, dass sein Job in der Musik läge.

Tatsächlich gelang Chris Blackwell zwei Jahre später ein Welthit mit einer erst 15-jährigen schwarzen Sängerin namens Millie Small. "My Boy Lollipop" hieß der Song, er gilt bis heute als der erste Ska-Titel, der um die Welt ging. Chris Blackwell nutzte die Gunst der Stunde. Der Erfolg von Millie Small öffnete ihm in der boomenden englischen Beat- und Rockszene alle Türen. Zuerst nahm er die Spencer Davis Group mit dem damals erst 17-jährigen Steve Winwood unter Vertrag, dann King Crimson, Emerson, Lake & Palmer, Jethro Tull, Cat Stevens, Spooky Tooth und Roxy Music (und später auch noch U2).

Anfang der Siebziger Jahre war Island Records zu einem Global Player herangewachsen. Seine jamaikanischen Wurzeln hat Chris Blackwell dabei nicht vergessen. 1968 gründete er zusammen mit DJ und Plattenladenbesitzer Lee Gopthal TROJAN RECORDS. Einziges Ziel der Firma: Lizenzen der drei wichtigsten jamaikanischen Studiobetreiber einzukaufen und ihre Produktionen in England, Europa und dem Rest der Welt zu vertreiben. Die erste Gruppe, die Trojan außerhalb Jamaicas berühmt machte, waren Toots & the Maytals.

Dass Chris Blackwell schließlich Bob Marley unter Vertrag nahm, war purer Zufall. Bob Marley war mittellos in London gestrandet, wo ihn sein jamaikanischer Manager nach einem gescheiterten Filmprojekt in Schweden hatte sitzen lassen. Marley bat seinen englischen Tourmanager, Kontakt zum Londoner Büro von Island Records herzustellen. Chris Blackwell kannte Marley natürlich, er hatte schon einige seiner Singles, damals noch unter dem Namen Wailers, auf Trojan veröffentlicht. Und er wusste, er würde mit diesem seltsamen, als schwierig geltenden Rasta zurecht kommen. Eigentlich war Marley bei CBS unter Vertrag, aber die Firma konnte wenig mit ihm anfangen. Blackwell rettete Marley und die Wailers aus ihrer fatalen Situation, stellte einen Vorschuss und ein Produktionsbudget für ein Album zu Verfügung und kaufte schließlich die Wailers aus dem Vertrag mit CBS heraus.

Die Bänder, die Bob Marley schließlich aus Jamaica nach London brachte, überzeugten Chris Blackwell nicht, sie klangen zu sehr nach altbackenem Reggae, gut für jamaikanische Soundsystems, aber zu speziell für ein westliches Massenpublikum. Blackwell hatte größeres mit der Band vor, er wollte sie über die Liebhaberszene in der weltweiten Rock-Szene etablieren. Er ließ das Album neu mischen und engagierte Wayne Perkins, einen erfahrenen Studiomusiker als Muscle Shoals Alabama, der zufällig in London im benachbarten Studio aufnahm, für zusätzliche Solo-Gitarrenspuren. Das Ergebnis war "Catch a Fire", das erste Album von Bob Marley & the Wailers für Island Records, erschienen im April 1973. Der Rest ist Geschichte. Bob Marley ist bis zum Ende seines Lebens bei Blackwells Island Records geblieben.

Autorin: Albert Wiedenhöfer

Redaktion: Mark vomHofe

Catch a Fire - Der Mann, der Reggae in die Welt brachte

WDR 5 Neugier genügt - das Feature | 22.06.2017 | 27:34 Min.

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