Arme Akademiker zwischen Professur und Prekariat?

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Arme Akademiker zwischen Professur und Prekariat?

Der akademische Mittelbau liefert das Fundament des deutschen Hochschulsystems. Doch mehr als 90 Prozent der Verträge von wissenschaftlichen Mitarbeitern sind befristet. Sie haben weder Planungssicherheit noch Perspektiven für eine berufliche Karriere.

Traumberuf Wissenschaftler? Stimmt, wenn man die Zahl der Absolventen betrachtet, die nach ihrem Abschluss an den deutschen Hochschulen bleiben. Im Jahr 2000 gab es gut 82.000 Nachwuchswissenschaftler, inzwischen sind es fast 145.000.

Arme Akademiker zwischen Professur und Prekariat?

WDR 5 Neugier genügt - das Feature | 12.10.2017 | 21:51 Min.

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Unbefristete Stellen sind nicht vorgesehen

Was die Berufsperspektiven betrifft, sieht die Lage anders aus. Für viele Forscher an deutschen Hochschulen bedeutet Wissenschaft hochqualifizierte Arbeit unter prekären Bedingungen. Unterhalb der Professoren gibt es kaum unbefristete Stellen. "Sie sind nicht vorgesehen", sagt Olaf Jann. Der Soziologe lehrt seit 20 Jahren an unterschiedlichen Hochschulen in unterschiedlichen Beschäftigungsverhältnissen; momentan ist er in Siegen als Lehrkraft für besondere Aufgaben tätig. Er kennt die Situation aus einer zweiten Perspektiven: Er forscht zu Beschäftigungsverhältnissen des akademischen Mittelbaus.

Absolvent einer Universität mit einem Talar und Doktorhut gekleidet.

Die Hälfte der Verträge läuft noch nicht einmal ein Jahr

Der sogenannte "Mittelbau" sind die wissenschaftlichen und künstlerischen Mitarbeiter, die unterhalb der Professorenebene forschen und lehren. 93 Prozent der Arbeitsverträge von wissenschaftlichen Mitarbeitern an deutschen Hochschulen sind befristet. Die Hälfte der Verträge läuft nicht einmal ein Jahr. Das Hauptargument, so Jann, sei, dass das deutsche Universitätssystem den Durchlauf von vielen jungen Mitarbeitern braucht, die immer wieder ausgetauscht werden, um Wissenschaft betreiben zu können. Für ihn ein "fadenscheiniges Argument", ausgetragen auf dem Rücken der Beschäftigten.

Je mehr Promovierende, desto mehr Geld vom Land

Fakt ist: Die deutschen Hochschulen möchten möglichst viele Promovierende an ihre Lehrstühle locken. Je mehr, desto mehr Geld vom Land. Aber für die Promovierten, die sogenannten "Post Docs", bieten sie kaum Berufsperspektiven, die diesen Namen verdienen. Zudem hält das deutsche Hochschulsystem für den einzelnen Wissenschaftler eine Art integrierte Zeitbombe bereit: das Wissenschaftszeitvertragsgesetz.

Studierende im Hörsaal

"Wissenschaftszeitvertragsgesetz" wie eine Zeitbombe

"Das heißt, Beschäftigte dürfen nur sechs Jahre vor und sechs Jahre nach der Promotion an der Universität arbeiten – und wer diese 12-Jahres-Frist sozusagen überschritten hat und bis dahin keine Festanstellung bekommen hat, bekommt an keiner deutschen Universität mehr eine Anstellung", erklärt Soziologe Olaf Jann. An der Hochschule verbleiben kann man höchstens über den Umweg von Drittmittelprojekten oder einzelnen Lehraufträgen, etwa als Lehrkraft für besondere Aufgaben. Olaf Jann selbst hat eine solche Stelle inne, die allerdings kaum Karrierechancen bietet: Die vielen Lehraufgaben lassen wenig Zeit für forschungsintensive Projekte. "Lehre rangiert, was das Prestige angeht, ziemlich weit unten", sagt er. Eine Sackgasse.

Ohne Professur fliegt man irgendwann aus dem System

Germanisten-Bibliothek an der LMU in München

In der Praxis stehen die Chancen auf eine Professur schlecht

 "Momentan sieht die Perspektive eines typischen wissenschaftlichen Mitarbeiters so aus, dass man eine bestimmte Zeit hat zu promovieren, eine bestimmte Zeit hat zu habilitieren und dann entweder eine Professur bekommt, oder aus dem System rausfällt", erzählt Daniela H., wissenschaftliche Mitarbeiterin. Sie hat momentan eine Post Doc-Stelle, eine Qualifizierungsstelle. Das bedeutet: "Es ist eigentlich vorgesehen, dass ich habilitiere oder zumindest mich so qualifiziere, dass ich eine Professur auch ohne Habilitation bekommen kann", erzählt sie.

Theoretisch. In der Praxis stehen die Chancen auf eine Professur auch mit Habilitation denkbar schlecht. 2014 haben über 1.600 Wissenschaftler in Deutschland ihre Habilitation abgeschlossen, und damit die Befähigung erhalten, eine Professur zu übernehmen. Im selben Jahr haben aber nur 425 habilitierte Wissenschaftler den Erstruf auf eine Professur erhalten. Ein Verhältnis von eins zu vier.

Viele werden nie eine Professur erhalten

Einen Plan B zur Professur sieht das Wissenschaftszeitvertragsgesetz nicht vor, jedenfalls keinen im Hochschulbetrieb. Überträgt man das auf die freie Wirtschaft, könnte man sagen: Die deutschen Universitäten funktionieren wie eine Firma, die alle Angestellten unwiderruflich kündigt, die es nicht in einer gewissen Zeit zum Abteilungsleiter gebracht haben. "Wenn ich jetzt innerhalb der nächsten drei Jahre keine Professur finde, dann muss ich überlegen, aus dem Betrieb auszusteigen, was ich eigentlich nicht möchte. Ich bin gerne wissenschaftliche Mitarbeiterin, ich mache gerne Forschung, ich mache gerne Lehre", sagt Daniela H. Die meisten Menschen, die jahrelang auf eine Professur hinarbeiten, werden diese Position nie erhalten. Als "Flaschenhals" wird diese Verknappung oft bezeichnet.

Wenig familienfreundlich, Lohn oft unter dem Mindestlohn

Junge Frau arbeitet im Labor

Viele Wissenschaftler sehen sich als Einzelkämpfer

Für viele ist der Faktor Familie ein Grund, die Hochschule zu verlassen. "Ich promoviere erst, dann muss ich meine Habilitation schreiben. Das sind zwölf Jahre nach Wissenschaftszeitvertragsgesetz", erzählt Daniela H. Bis sie fertig ist, sei sie dann schon in einem Alter, in dem es schwierig wird mit der Familiengründung. Auch was den Wohnort angeht, können Forscher im Mittelbau oft schlecht planen und müssen flexibel sein. Lehrauftrag von Semester zu Semester neu, Vor- und Nachbereitung, Korrekturen, Studierendenbertreuung – mitunter liegt der Stundenlohn von Wissenschaftlern im Mittelbau sogar unter dem gesetzlichen Mindestlohn.

Die schwierigen Perspektiven des Mittelbaus sind kein fächerspezifisches Problem, weiß Soziologe Olaf Jann, sie seien ein allgemeines Problem. Es bleibt die große Frage: Wo ist der kollektive Aufschrei? Viele der in prekären Verhältnissen arbeitenden und lebenden Wissenschaftler hätten gar nicht die Zeit und den Mut, gegen die Verhältnisse aufzubegehren. Außerdem sehen sich viele Wissenschaftler als Einzelkämpfer, glaubt Olaf Jann.

Warum entscheiden sich trotzdem so viele für die Wissenschaft?

Schild "Science rocks!" neben dem Denkmal des Physikers Hermann von Helmholtz vor der Humboldt Uni in Berlin

Inhalte weiterzugeben, empfinden viele Beschäftigte als erfüllend

Daniela H. hat sich dem "Netzwerk für gute Arbeit in der Wissenschaft" angeschlossen, das daran etwas ändern will. "Wir fordern, das Wissenschaftszeitvertragsgesetz abzuschaffen, weil es sich nicht bewährt hat, auch nicht nach der Novellierung, und auch nicht bewähren wird“, ist sie überzeugt. Tatsächlich ist das Wissenschaftszeitvertragsgesetz erst 2016 überarbeitet worden. An dem Grundkonzept, dass die Hochschulen den Mittelbau nicht dauerhaft binden, ändert es aber nichts.

Und warum entscheiden sich dann trotzdem so viele für eine Karriere in der Wissenschaft? Weil die Arbeit selbst für die meisten durchaus erfüllend  sei, sagt der Soziologe. Ihn selbst haben nicht nur die Inhalte selbst 20 Jahre im Mittelbau gehalten, sondern auch die Freude daran, diese weiterzugeben.

Autorin des Features in WDR 5 Neugier genügt ist Jana Fischer

Redaktion: Jessica Eisermann