Home is where my music is - Geborgenheit im Pluralismus

The Temple of I & I / Migration / Love in Beats

Home is where my music is - Geborgenheit im Pluralismus

Von Nina Meuters

Wie verändern Migration und vor allem die Möglichkeit (wenn auch nur virtuell), an mehreren Orten gleichzeitig zu sein, den Begriff von Heimat, Kultur und Identität? Damit beschäftigen sich alle drei Künstler in unserem Musikbonus: Thievery Corporation, Omar und Bonobo.

Es gibt kaum eine Zeit, in der sich Musiker mehr mit der Bedeutung von Heimat und von Identität beschäftigt haben wie heute. Und mit Migration.

Ist Heimat der Ort, wo man herkommt? Oder ist Heimat dort, wo man gerade ist? Welchen Einfluss hat Heimat auf die eigene Identität? Und wie verändert sich das eigene Ich, wenn man sich einfach einige Zeit an einem anderen Ort einnistet? Was passiert, wenn verschiedene Einflüsse aus der ganzen Welt an einem Ort zusammen kommen und so wiederum diese neue Welt beeinflussen?

Mit solchen Fragen beschäftigen sich auch alle drei Künstler in unserem Musikbonus - und das auf ganz wunderbare Art. Musikalisch und inhaltlich. Zum Beispiel der Londoner Crooner Omar, auf seinem neuen Album "Love in Beats". Oder der britische DJ, Produzent und Komponist Simon Green, besser bekannt als Bonobo. Er hat gerade sein jüngstes Album mit dem Titel "Migration" vorgelegt. Und - große Überraschung - Rob Garza und Eric Hilton, das amerikanische Duo Thievery Corporation ist nach drei Jahren ebenfalls mit einem neuen Album zurück.

Thievery Corporation: "Kultur ist Segen und Fluch zugleich"

Mit ihren altbewährten Downbeat-Tunes beschenken sie uns schon seit mehr als zwanzig Jahren. Diesmal in einem ganz frischen Gewand. Und mit großer Botschaft: "The Temple of I & I" haben Rob Garza und Eric Hilton ihr Album genannt. Und damit meinen sie nicht ihre eigenen Ichs. The Tempel of I & I, so Eric Hilton, ist eine Kultstätte, die nur in deiner Imagination existiert. Ein Platz, wo alle Menschen auserwählt sind und eine Einigkeit aller Lebewesen möglich ist.

Die Welt ist heutzutage geteilt in verschiedenste Ethnien und Glaubenssysteme, die das Bewusstsein der Menschen gefangen hält und es ermöglicht, dass Wenige die Massen kontrollieren. Kultur ist Segen und Fluch zugleich. Menschlichkeit hingegen überwindet Ethnien und Kulturen.

In einem Mix aus Hip Hop, Acid Jazz, aber vor allem mit viel Roots Reggae und ihren altbewährten Dub und Downbeats schicken uns Rob Garza und Eric Hilton in die Karibik. Genauer gesagt nach Jamaika, wo die beiden Washingtoner mehrere Monate verbrachten, um ihre 15 Tracks aufzunehmen. In den legendären Geejam Studios. Ein tropisches Luxusressort direkt am Meer, mit einem technisch hypermodernen Aufnahmekomplex, wo sie mit vielen einheimischen Gastmusikern und Vokalisten zusammen gearbeitet und sich hauptsächlich auf die jamaikanischen Roots besinnt haben. Mit Dub vom feinsten. Live sollte man sich das Duo auch nicht entgehen lassen. Auch weil die Washingtoner wirklich selten in unserer Gegend unterwegs sind. Die Möglichkeit dazu gibt es am 28. Februar in Frankfurt in der Batschkapp und am 4. März im Ancienne Belgique in Brüssel.

Omar vereint unterschiedliche Stile

Auch schon fast ein viertel Jahrhundert dabei und vor allem tief verwurzelt mit Jamaika ist der britische Soul-Crooner Omar. Seine Eltern stammen beide von der Karibikinsel. Die Mutter mit indischen Wurzeln und der Vater mit chinesischen. Daher auch sein ungewöhnlicher Name Omar Lye-Fook. Heute leben seine Eltern in Ghana, wo sie ein Gästehaus betreiben. Omar hat ganz offensichtlich viel Nomadisches in sich. Asiatisches und jamaikanisches Blut und aufgewachsen in Großbritannien: Ganz klar, dass Omar auch auf seinem neuen Album "Love in Beats" unterschiedlichste Stile vereint. Er mischt karibische und afrikanische Rhythmen mit Pop, Jazz, Soul und Funk. Aber auch mit Walzer und Tango.

Bonobo widmet sich "dem Erforschen von Menschen und Räumen"

Was passiert, wenn verschiedene Einflüsse aus der ganzen Welt an einem Ort zusammen kommen, das zeigt der britische DJ Komponist und Musikproduzent Bonobo auf seinem Album "Migration". Das Thema zieht sich wie ein roter Faden durch sein sechstes Album, das der 41-Jährige - wie er selber sagt - dem Erforschen von Menschen und Räumen gewidmet hat. Er kombiniert elektronische Klangmuster mit live eingespielten Instrumenten, Gitarren-Rückkopplungen mit Harfenklängen, R´n´B mit synthetischen Saiteninstrumenten oder Gnawa-Sounds mit House und Streichersequenzen. Seine elektronischen Klangwelten reichert er immer wieder mit Sounds von Außenaufnahmen an, die er an den entlegensten Orten der Welt einsammelt. Einen Fahrstuhl in Hong Kong zum Beispiel, Regen in Seattle, einen Wäschetrockner in Atlanta oder einen Sumpfboot-Motor aus New Orleans.

Die meisten Teile des Albums sind "on the Road" produziert worden -in einem Hotelzimmer in Berlin oder auf einem Überseeflug. Ein ganz normaler Vorgang, in Zeiten der Migration, so Simon Green, der selbst ständig zwischen London, New York und Los Angeles hin und herpendelt und dessen Familie an den entlegensten Ecken der Welt lebt.

Es ist spannend, zu sehen, wie eine Person Einflüsse von einem Teil der Welt an einen anderen Teil der Welt bringen und so wiederum diese neue Welt beeinflussen kann. Mit der Zeit entwickeln diese neuen Orte eine neue Identität. Meine Familie und ich leben an den entlegensten dieser Erde. Dieses Album baut auf meinem persönlichen Verständnis von Identität und Migration – wo ich herkomme, was für mich Zuhause ist.

Mit seinen innovativen und komplexen Klangstrukturen, die teils organisch, teils futuristisch anmuten, trifft Bonobo, ähnlich wie sein Kollege Nicolas Jaar zweifellos den Nerv der Zeit. In einer Welt, in der immer mehr zerfällt und sich neu zusammenfügen muss, scheinen sich solche Klangmuster immer mehr durchzusetzen. Wie der amerikanisch-chilenische Musikproduzent Nicolas Jaar verfügt auch Bonobo rund um den Globus über eine bunte, umfangreiche und loyale Fanbase. Mehr als eine halbe Million verkaufte Alben und über 150 Millionen Spotify-Streams gehen auf sein Konto. Und seine Konzerte sind regelmäßig ausverkauft.

Gespielte Titel

Thievery Corporation - The Temple of I & I
Thievery Corporation - Strike the Root (feat. Notch)
Thievery Corporation - Time + Space (feat. Lou Lou Ghelichkhani)
Thievery Corporation - Weapons of Distractio (feat. Notch)
Omar - Vicky's Tune (feat. Robert Glasper & Ty)
Omar - Déjà vu (feat. Mayra Andrade)
Omar - I Want It to Be
Bonobo - Migration
Bonobo - Break Apart (feat. Rhye)
Bonobo - Bambro Koyo Ganda (feat. Innov Gnawa)
Bonobo - Grains
Bonobo - Figures

Alben

Thievery Corporation - The Temple of I & I
ESL Music

Omar - Love in Beats
Peppermint Jam

Bonobo - Migration
Ninja Tune