Schifferklavier auf neuen Pfaden – Akkordeonklänge jenseits von Volkslied und Klassik.

Schifferklavier auf neuen Pfaden – Akkordeonklänge jenseits von Volkslied und Klassik.

Von Jan Tengeler

Das Akkordeon genießt einen zwiespältigen Ruf: Es steht für Albträume im volkstümlichen Gewand oder für das Ein-Mann-Orchester, das keine akustischen Nebenbuhler duldet. Tatsächlich ist die Szene in Europa jenseits der Klischees bunt und groß: zwischen Jazz und Musette, Avantgarde und rockigen Tönen gibt es Klänge voller Schönheit und Überraschungen.

Vincent Peirani & Emile Parisien live auf dem Elbjazz Festivall 2017

Wenn man in Frankreich über das Akkordeon spricht, dann denkt man auch an die Tradition der Musette. Und man denkt an Musiker wie Richard Galliano. Der gilt als Neuerer dieses Musikstils und ist auch ein großer Jazzvirtuose. Er gilt auch, in Anlehnung an den argentinischen Bandoneonspieler Astor Piazolla, als Begründer der New Musette.

Auch der 37-jährige Vincent Peirani spielt, wie Galliano, am liebsten das chromatische Knopfakkordeon, bei dem die rechte und linke Hand jeweils Knöpfe bedienen. Im Gegensatz dazu hat das sogenannte Pianoakkordeon auf der rechten Seite Tasten, die genauso wie beim Klavier funktionieren. Diese beiden sind die gängigsten unter vielen verschiedenen Bauarten.

In Osteuropa steht das Akkordeon in einer langen Tradition. Den aus Bosnien stammenden Künstler Mario Batkovic interessiert das aber nur bedingt. Stattdessen komponiert er für Film und Fernsehen und setzt sein Instrument jenseits gängiger Klangvorstellungen im Sinne der Minimal Music ein: repitetive Muster werden zu mal zarten, mal gewaltigen Klanglandschaften geschichtet. 

Einen besonderen Stellenwert nimmt das Akkordeon in der finnischen Musik ein, und zwar im Tango. Der kam aus Argentinien in den 1930er Jahren. Getanzt wird er aber nicht als stilvoller Paartanz zum Hinsehen, sondern als Freizeitvergnügen für jedermann und jede Frau. Bis heute ist der auf dem Akkordeon vorgetragene Tango populär, „es ist nun einmal unsere Nationalmusik“, meinte einmal der bekannte Filmemacher Aki Kaurismääki dazu. Die Sängerin und Akkordeonistin Anne-Mari Kivimäki verbindet die Musik aus Nordfinnland mit perkussiven und elektronischen Elementen und befasst sich mit dem Aberglauben, der in Volksliedtraditionen vieler Länder eine Rolle spielt: Dort, wo das Akkordeon gespielt wird, treibt der Teufel sein Unwesen. Was so viel heißt wie: das Akkordeon eignet sich besonders gut, um tragische Geschichten über unheilvolle und unabwendbare Schicksale zu erzählen. 

Gespielte Titel

  • Richard Galliano – Ballet Tango
  • Richard Galliano/Claude Nougaro – Des Voiliers
  • Galliano/Fresu/Lundgren – Gnossienne No.1
  • Vincent Peirani – Suite en V Part 1
  • Peirani/Parisien/Wollny/Schaerer – B&H
  • Klaus Paier/Asja Valcic – Inside a Flower
  • Marko Batkovic – Restrictus
  • Yegor Zabelov Trio – The Rose Festival
  • Reijo Taipale – Satumaa
  • Anne-Mari Kivimäki – Huttjaka
  • Semer Ensemble – Simchu Bi Jeruschalajm
  • Trio Laccasax – Blues 7

Alben

  • Richard Galliano – Ballet Tango
  • Richard Galliano – New Musette
  • Galliano/Fresu/Lundgren – Mare Nostrum 2
  • Vincent Peirani – Living Being
  • Peirani/Parisien/Wollny/Schaerer – Twenty Five Magic Years
  • Klaus Paier/Asja Valcic – Timeless Suite
  • Marko Batkovic – Mario Batkovic
  • Reijo Taipale – 20 Suosikkia / Onnen maa
  • Anne-Mari Kivimäki – Aikapyörä
  • Semer Ensemble – Rescued Treasure
  • Trio Laccasax – Passe Partout