Schrägstrich - Wahlkampf vom Zehnmeterturm

Christian Lindner

Schrägstrich - Wahlkampf vom Zehnmeterturm

Die FDP startet mit einer Plakat-Kampagne in den Bundestagswahlkampf. Wie schon in Nordrhein-Westfalen setzt sie auch optisch alles auf einen Mann: Christian Lindner. Die Glosse von Peter Zudeick.

Nun ist es also raus. Christian Lindner ist Germany’s Next Topmodel. Fotografiert von dem, der auch Rammstein, Iggy Pop, Die Ärzte und andere Größen der Popindustrie geschäftsmäßig ablichtet. Lindner immer in schwarz-weiß und ziemlich unrasiert, das hat im NRW-Wahlkampf auch schon ungemein geholfen. Und mit einer grandios schlichten und eingängigen politischen Dreifach-Botschaft: Lindner, Lindner, Lindner.

Mehr FDP braucht keiner. Mehr FDP hat die FDP aber auch nicht, so richtig vorzeigbares Personal ist Mangelware. Deshalb alles auf Lindner. Die Botschaft: Jung, smart, selbstbewusst. Wem das nicht reicht, der wird auch bedient. Mit schmissigen Parolen wie "Ungeduld ist auch eine Tugend" oder "Die Digitalisierung ändert alles". Wann ändert sich die Politik?" Das geht runter wie Sahneballen, so dass keiner auf die Idee kommt zu fragen, ob die Politik sich jetzt auch digitalisieren soll. Sozusagen im Algorithmus-Rhythmus.

Für notorische Meckerer liefert die Lindner-Partei lange Textstrecken. Unter dem Motto "Denken wir neu" ist das komplette FDP-Wahlprogramm auf nur einem Wahlplakat zu lesen. Das wird natürlich ein Publikumsrenner. Innerstädtische Staus und Auffahrunfälle inklusive. Aber der Fortschritt ist nun mal nicht kostenlos zu haben.

Der Kurswechsel, den die FDP damit einschlägt, ist nicht zu unterschätzen. Die letzte große Imagekampagne gab's vor 15 Jahren, in der Ära Westerwelle, die vor allem als Mode- und Lifestyle-Trend erfolgreich war. Guido Westerwelle trat gelegentlich in einem blau-gelben Spielanzug auf, hielt Schuhsohlen mit einer gelben 18 in Fernsehkameras, trug blau-gelbe T-Shirts, fuhr mit einem blau-gelben Wohnwagen namens Guidomobil durch die Gegend –  das wäre bei Christian Lindner zwar eher unwahrscheinlich. Aber auch bei ihm macht der Stil die Politik. Er sieht nicht nach Spielanzug aus, sondern nach Boss- und Brioni-Werbung. Das ist die zentrale politische Aussage.  

Rein parolenmäßig allerdings könnte eine Rückbesinnung auf Westerwelle durchaus nützlich sein. "Wer dem Volk anstrengungslosen Wohlstand verspricht, lädt zu spätrömischer Dekadenz ein." An die Qualität dieses Spruchs kommt Lindner noch nicht ran. Auch nicht an den hier: "Wir sitzen alle in einem Boot, aber einige müssen auch rudern." Aber er gibt sich Mühe: "Manchmal muss ein ganzes Land vom Zehner springen", die Parole hat schon was. Da stellen wir uns vor, wie das ganze Land forsch und mutig, lindnermäßig halt, die Leiter im Schwimmbad hochsteigt. Am Einer vorbei, am Dreier vorbei, am Fünfer vorbei, die Knie werden langsam weich, die Luft wird dünn, Herzflattern setzt ein, und wenn man dann den Zehner erreicht hat, nach vorne tippelt, gegen Übelkeit ankämpft, am liebsten umkehren würde, was aber nicht geht, weil der Rest des Landes hinter einem steht – und dann endlich mit dem Herz in der Hose einen kläglichen Abgang nach unten macht und sich noch im Fallen schwört "Nie wieder", dann hat man Christian Lindner endlich verstanden. Und wählt eine andere Partei.

Schrägstrich: Wahlkampf vom Zehnmeterturm

WDR 5 Morgenecho - Glosse | 12.07.2017 | 03:07 Min.

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Redaktion: Martha Wilczynski

Stand: 11.07.2017, 18:14