Angst vor dem bösen Wolf

Angst vor dem bösen Wolf

Landwirte in NRW sorgen sich wegen einer möglichen Ausbreitung des Wolfs um ihr Weidevieh. Ein am Dienstag (09.08.2017) vorgestelltes Gutachten scheint sie zu bestätigen. Billige Stimmungsmache - meint Detlef Reepen in seinem Kommentar.

Archivbild: Wölfe im Wald

"Ich will nicht mit dem Wolf teilen! Wo der Wolf auftaucht, wird der Wald zum Angstwald und ich bekomme die Rehe schlechter vor die Flinte." Das sagte mir einmal ein langjähriger Jäger, der bei Olpe sein Revier hat. Er bezahle sehr viel Geld für seine Jagdpacht, "da will ich nicht für den Wolf mitbezahlen."

Ein erfrischend offenes Wort, das ich sehr schätze und das mich die Motivation der Landwirte und Jäger Westfalens, die jetzt indirekt die Einführung einer Abschussquote für den Wolf gefordert haben, besser verstehen lässt. Es hat sich zwar noch kein einziger Wolf in Nordrhein-Westfalen niedergelassen, aber Bauern- und Jägerfunktionäre wollen schon mal vorbauen, den Wolf im dichtbesiedelten Nordrhein-Westfalen schon mal als Problemtier brandmarken. Der den Schäfern die Lämmer und den Milchbauern die Kälber raubt. Der sich Bello von der Terrasse und das Zwergkaninchen der Kinder aus dem Auslaufgehege im Hausgarten holt. Und der von den Bauern aufgebotene Gutachter, ein emeritierter Berliner Biologie-Professor und passionierter Jäger, hält selbst Menschen als Wolfsfutter für möglich.

Richtig ist, dass die landwirtschaftlichen Nutztiere ins Beutespektrum des Wolfs passen. Das Tier ist klug und lernfähig und macht sich - wie der Mensch - keine unnötige Mühe bei der Nahrungssuche, wenn er's auch bequemer haben kann. Das haben die Wolfs-Fans zu lange geleugnet und romantisiert und gut trainierte Hütehunde als die perfekte Wolfsabwehr gepriesen.

Das alles rechtfertigt aber nicht die Forderung nach dem Abschuss von Wölfen, wo es in NRW gar keine sesshaften Tiere gibt, geschweige denn Rudel wie in Brandenburg, Sachsen und neuerdings ja auch in Niedersachsen. Naturschutz braucht Vielfalt, nicht nur viele verschiedene Vogelarten am Himmel, sondern auch Karnivoren am Boden – um das negativ besetzte Wort Raubtiere mal zu vermeiden. Die in einem sich selbst regulierenden Lebensraum unverzichtbar sind.

Das haben UNO, EU und die jeweiligen Bundesregierungen auch anerkannt. Und den Wolf unter Schutz gestellt. Es steht den Landwirten und den Jägern nicht zu, diese Renaturierung Europas anzufechten und den Schutz von Wildtieren an die ärmeren Erdteile zu delegieren, wo mangels Industrialisierung noch Jaguar und Puma, Löwe und Elefant, Leopard und Nashorn zu Hause sind und das ein oder andere Weidetier töten oder Plantagen zertrampeln.

Naturschutz und mit ihm die Tolerierung von Bibern, Luchs und Wolf müssen auch im hochentwickelten Deutschland möglich sein. Den Bauern steht Entschädigung zu, eine gerechte Entschädigung, wenn sie durch den Wolf Verluste erleiden. Aber Wölfe abknallen zu wollen, bevor sich auch nur ein Paar in ihrer Nachbarschaft angesiedelt hat, das ist billige Stimmungsmache.

Angst vor dem bösen Wolf

WDR 5 Morgenecho - Kommentar | 09.08.2017 | 02:57 Min.

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Redaktion: Golo Schmidt

Stand: 08.08.2017, 17:42