Theresa May: Von der Eisernen Lady zur lahmen Ente

Theresa May

Theresa May: Von der Eisernen Lady zur lahmen Ente

Als Eiserne Lady trat Theresa May vor einem Jahr an, Großbritannien durch die Brexit-Verhandlungen zu führen. Doch inzwischen müsse in der EU niemand mehr vor ihr zittern, meint Jens-Peter Marquardt in seinem Kommentar.

Es hätte heute doch so ein richtig schönes Amtsjubiläum in der Downing Street werden können. Eigentlich hätte in Theresa Mays Regierungssitz heute der Champagner fließen sollen, mit einem Toast auf eine neue Eiserne Lady, auf ihren Schachzug, mit einer vorgezogenen Unterhauswahl die Mehrheit der Konservativen ausgebaut zu haben, und mit viel Spott über eine Labour-Opposition, die ein zotteliger Alt-Linker zu einer unbedeutenden Größe geschrumpft haben sollte. Doch es floss heute kein Champagner in der Downing Street. Stattdessen gab die Premierministerin erstmals zu, dass sie in der Wahlnacht, als ihr Debakel sichtbar wurde, eine Träne vergossen habe. Und über die Labour-Party mochte heute auch niemand spotten. May versucht vielmehr, mit Labour-Chef  Jeremy Corbyn ins Gespräch zu kommen, wie er ihr beim Brexit über die parlamentarischen Hürden helfen könnte. So kann es kommen, wenn man die eigenen Kräfte überschätzt. In London wie in Brüssel: Theresa May hat nach der Wahlniederlage ihren kraftstrotzenden Satz jedenfalls nicht mehr wiederholt, der sie zur zweiten Eisernen Lady machen sollte: No deal is better than a bad deal – kein Übereinkommen mit der EU über den Brexit sei besser als ein schlechtes Übereinkommen. May ist eben doch keine Margaret Thatcher, die einst mit der Handtasche auf den Tisch schlug und so einen Beitragsrabatt kam. Die geschwächte Premierministerin ist in Brüssel jetzt eher zur Bittstellerin geworden. Vor ihren Auftritten muss niemand in der EU zittern.

Statt Eiserne Lady also jetzt lahme Ente. Das zeigt sich auch an den Diskussionen in der konservativen Partei über Mays Zukunft. Die Torys möchten May am liebsten schnell los werden, nachdem sie sich als das Gegenteil einer Wahlkampflokomotive erwiesen hat. Sie wissen nur nicht, wie sie es anstellen sollen. Ein offener Kampf um den Vorsitz der Partei und um das Regierungsamt würde die Politik erst einmal lähmen, möglicherweise zu einer Regierungskrise und einer weiteren Unterhauswahl führen. Das aber können sich nur konservative Hasardeure wünschen: Erstens braucht die Regierung volle Kraft für die Brexit-Verhandlungen in Brüssel, und zweitens würde die Regierungspartei bei einer Parlamentswahl in der näheren Zukunft wohl noch schlechter abschneiden. Da die Konservativen mehrheitlich doch nicht zum politischen Selbstmord neigen und am Ende lieber die ungeliebte Theresa May als Labour-Chef Jeremy Corbyn in der Downing Street sehen, wurschteln sie jetzt erst einmal weiter, mit May.

Man kann inzwischen schon Mitleid haben mit den Briten. Erst katapultieren sie sich in einer Volksabstimmung raus aus der EU in eine unsichere Zukunft. Und ein Jahr später machen sie ihre Regierungschefin, die in Brüssel das Beste für das Land heraus holen soll, zur lahmen Ente. Politische Weisheit sieht anders aus.   

Theresa May: Von der Eisernen Lady zur lahmen Ente

WDR 5 Morgenecho - Kommentar | 14.07.2017 | 03:04 Min.

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Redaktion: Marc Heydenreich

Stand: 13.07.2017, 17:31