Gemeinsamer Religionsunterricht: Kein mutiges Modell

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Gemeinsamer Religionsunterricht: Kein mutiges Modell

Die evangelische und katholische Kirche haben sich geeinigt: Ab dem Schuljahr 2018/19 kann an Schulen in NRW ein gemeinsamer Religionsunterricht angeboten werden. Dazu ein Kommentar von Christoph Fleischmann.

Ist das jetzt Avantgarde oder das letzte Aufbäumen eines überkommenen Systems? Die Praxis des Religionsunterrichtes ist an vielen Orten längst gemischt-konfessionell: Der Direktor einer Schule hat nicht genug Lehrer und er braucht seine Religionslehrer noch für andere Fächer; und die Zahl der Schüler, die noch zum Religionsunterricht gehen, nimmt ab. Also sagt der Direktor, der vielleicht die Unterschiede zwischen evangelisch und katholisch auch nicht mehr kennt: Ein Reliunterricht pro  Klasse muss reichen. Und die Schüler beider christlichen Konfessionen kommen zu einem Reli-Unterricht zusammen.

Dazu kommt: Da bundesweit immer weniger Schüler zum Religionsunterricht gehen, wird die Fragen nach der Angemessenheit des von der Kirche verantworteten Unterrichts an der staatlichen Schule immer lauter. Das Grundgesetz schreibt es fest, dass an öffentlichen Schulen Religionsunterricht nach den Grundsätzen der Religionsgemeinschaften unterrichtet werden soll. Aber selbst innerkirchlich wird längst darüber diskutiert, ob ein konfessioneller Unterricht die beste Möglichkeit religiöser Erziehung ist: Ist es nicht in der religiös pluralen Gesellschaft viel hilfreicher einen Religions- und Lebenskundeunterricht für alle Schüler gemeinsam anzubieten, um die Dialogfähigkeit in religiösen Belangen zu fördern? – so geschieht das zum Beispiel schon im Stadtstaat Hamburg unter Beteiligung der Religionsgemeinschaften oder in staatlicher Verantwortung in Brandenburg.

Mit der offiziellen Kooperation machen die NRW-Kirchen also nicht mehr als aus der praktischen Not der Schulen eine Tugend: Die meisten Religionslehrer werden schon jetzt offen und respektvoll über den Glauben der anderen Konfessionen und Religionen informieren. In Zukunft soll beim konfessionell-kooperativen Religionsunterricht – damit es gerecht zugeht – innerhalb eines Schuljahres der Lehrer wechseln – also einmal ein evangelischer und einmal ein katholischer Lehrer dieselbe Gruppe unterrichten. Nun gut. Ob das in der Praxis aber einen großen Unterschied macht zu dem, wie es jetzt schon läuft, darf bezweifelt werden.

Die Landesregierung wird es freuen: Sie kann weiter Lehrer sparen. Und die Kirchen rücken zusammen, und versuchen sich damit die Diskussion zu ersparen, ob man den kirchlichen Religionsunterricht nicht längst durch eine allgemeine Religions- und Lebenskunde für alle Schülerinnen ersetzen sollte. Also verbirgt sich hinter dem neuen Religionsunterricht wohl doch eher das Festhalten an alten rechtlich gesicherten Positionen. Kein mutiges Modell für eine immer pluralere Gesellschaft.

Gemeinsamer Religionsunterricht

WDR 5 Morgenecho - Kommentar | 02.09.2017 | 02:32 Min.

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Redaktion: Patrick Raulf

Stand: 01.09.2017, 18:05