Martin Schulz Superstar

Martin Schulz

Martin Schulz Superstar

Martin Schulz ist mit 100 Prozent nun offiziell zum Parteivorsitzenden und Kanzlerkandidaten gewählt worden. Worauf es jetzt ankommt: Die SPD nach der Krönungsmesse kommentiert Hauptstadt-Korrespondentin Katrin Brand.

Für einen kurzen Moment verliert Martin Schulz den Kontakt zu seinem Publikum. Gerade spricht er über Kitas, da halten die Saal-Kameras auf einen jungen Mann mit Baby auf dem Arm. Der Saal seufzt verzückt auf, nur Schulz hat das Motiv nicht gesehen und glaubt, er habe etwas falsch gemacht. Aber nicht lange. "Junge oder Mädchen?", ruft er, "egal, wird aufgenommen!". Und nun liegt der Saal ihm zu Füßen.

Eine kleine Episode, die viel über Schulz und die neue SPD erzählt. Schulz ist schnell im Kopf, schlagfertig und zugewandt. Er kann Stimmungen aufnehmen und drehen und wirkt dabei stets echt und nicht berechnend. Die SPD wiederum ist so hingerissen von Schulz und von Schulz´ Erfolgen, dass sie alles für möglich hält: auch, dass junge Menschen mit ihren kleinen Kindern in die große alte Partei eintreten, weil sie auf einmal wieder für Zukunft steht.

Schulz kann nicht allen alle Wünsche erfüllen

In einer krachend vollen Parteitagsarena wirkt das alles stimmig und überzeugend. Mancher zieht schon eine Parallele zu Willy Brandt. "Wegen Willy Brandt bin ich in die SPD eingetreten!", ist ein oft gehörter Satz unter älteren Mitgliedern. Heute kommen offenbar tausende wegen Schulz in die Partei. Wenn sie nur nicht enttäuscht werden. Denn Politik ist etwas für Menschen mit Ausdauer. Und auch Martin Schulz kann nicht allen alle Wünsche erfüllen. Wofür er steht, ist sowieso noch schwierig zu fassen. Für Aufstieg durch Fleiß und Bildung, für den brennenden Willen, Deutschland gerechter zu machen, für einen fairen Arbeitsmarkt, für ein offenes Deutschland in Europa, und – vor allem – für das uralte Versprechen der SPD, sich um jeden einzelnen zu kümmern.

Nichts davon ist neu. Und manches ist sogar verwunderlich. So viele SPD-Ministerpräsidentinnen und –präsidenten saßen da im Saal. Hätten die nicht beschämt zu Boden schauen müssen, als Schulz betroffen von baufälligen Schulen sprach? Solche Widersprüche lächelt die SPD einfach weg. 100 Prozent Zustimmung für den neuen Parteichef! Das ist ja irreal. Die Zahl sagt viel über die Begeisterung für Martin Schulz auf, aber noch mehr über den unbedingten Wunsch der SPD, endlich wieder an sich selbst zu glauben.

Eine echte Wechselstimmung?

Das ist ansteckend, damit lässt sich ein hoch motivierter Wahlkampf bestreiten, aber um Kanzler zu werden, muss Schulz den "hart arbeitenden Menschen" doch noch ein bisschen mehr anbieten als bloß seine eigene Biographie. Klug ist es, dass sich die SPD von den Steuergeschenken der Union distanziert und auf Investitionen setzt, so schwierig die auch umzusetzen sind. Klug ist auch, dass Schulz durchs Land reist und sich die Geschichten der Menschen erzählen lässt. Da kann er sehr schnell gegen die Kanzlerin punkten.

An der Kanzlerin haben sich inzwischen alle sattgesehen, der agile Schulz ist jedoch ein Hinhörer. Wer weiß, vielleicht wird doch noch eine echte Wechselstimmung draus. Wenn die SPD nächsten Sonntag das Saarland holt, und dann noch die Regierungen in Schleswig-Holstein und NRW verteidigt, dann scheint tatsächlich alles möglich.

Martin Schulz Superstar

WDR 5 Morgenecho - Kommentar | 20.03.2017 | 03:07 Min.

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Stand: 19.03.2017, 17:45