Kopftuch: Verbot möglich

Kopftuch: Verbot möglich

Der Europäische Gerichtshof hat entschieden: Arbeitgeber dürfen das Tragen von Kopftüchern und anderer religiöser Zeichen untersagen - sofern keine Diskriminierungen stattfinden. Das erfordere ernsthafte innerbetriebliche Diskussionen, kommentiert Andreas Meyer-Feist.

Zwei Frauen mit Kopftuch in Antwerpen

Es ist ein schwieriges Urteil - und es hat die Richter des Europäischen Gerichtshofes sichtlich überfordert, weil es um Gefühle geht. Und weil es uns drastisch klar macht, wie fern viele Muslime und Nicht-Muslime einander sind. Das wird nicht so klar, wenn sie im Alltag aneinander vorbeigehen. Aber um so mehr, wenn sie es tagtäglich miteinander zu tun haben. Für viele Musliminnen ist das Kopftuch eine religöse Pflicht. Das führt bei vielen Menschen, die es nicht gewohnt sind, damit umzugehen, zu Unsicherheit und verstörenden Erlebnissen.

Die Richter haben aber nicht gefordert, einander zu respektieren, so wie man sich gibt, sondern die Entscheidung schlicht auf die ebene der Arbeitsverträge verwiesen. Das heißt: Respekt vor dem Kopftuch im Job ja, wenn der Arbeitgeber es nicht schriftlich ausschließt - zum Beispiel über innerbetriebliche Vorschriften. Wer sich dadurch in seinen religösen Gefühlen verletzt sieht, darf nicht mehr mit Kunden zusammenarbeiten, muss Innendienst schieben und hoffen, dass die Kollegen einverstanden sind. Das heißt: Es könnte schwieriger werden, einen Job zu finden mit Kopftuch.

Es wird aus dem Arbeitsleben verdrängt. Wenn es jetzt zu mehr Klagen gegen das Kopftuch kommen sollte. Das aber ist der entscheidende Punkt. Die Richter überlassen es der Gesellschaft oder den Menschen, die miteinander umgehen müssen, eine Regelung zu finden. Oder sich vor Gericht wieder zu sehen. Nur: Ein Gerichtsurteil kann gesellschaftliche Probleme nicht lösen und kulturelle Unterschiede nicht beseitigen. Mit diesen Unterschieden müssen wir leben.

Aber - wir dürfen auch nicht vergessen, dass Gefühle auf beiden Seiten verletzt werden können. Genau darum geht es im Alltag. Gegen das Gefühl, einer religösen Pflicht nachzukommen oder nachkommen zu müssen stehen die ganz anderen Gefühle derer, die sich durch das Kopftuch verstört fühlen. Im täglichen Miteinander kann das zu Missverständnissen führen. Im Arbeitsleben haben schwierige Kontakte wirtschaftliche Folgen. Es ist verständlich, wenn ein Arbeitgeber verlangt, dass Mitarbeiter ihren Kunden in der Weise begegnen, die einen erfolgreichen geschäftlichen Kontakt nicht zusätzlich erschwert.

Zu oft fehlt es hier an innerbetrieblichen Auseinandersetzungen, am Mut, sich mit diesen Fragen auch zu beschäftigen, gerade weil  es sich um die Welt religöser Symbole handelt, die vielen abweisend erscheinen.  Dazu gehört, vor allem am Arbeitsplatz, offen auf Musliminnen zuzugehen, die Kopftuch tragen und um eine vernünftige Abwägung der Interessen. Darauf wird es in Zukunft viel mehr ankommen als bisher. Respekt bedeutet auch: Auseinandesetzung.

Kopftuch: Verbot möglich

WDR 5 Morgenecho - Kommentar | 15.03.2017 | 02:25 Min.

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Redaktion: Brigitte Simnacher

Stand: 14.03.2017, 19:20