Gerangel um EU-Behörden: Deutschland, halt dich mal zurück!

Das Gebäude der EU-Arzneimittelagentur (EMA) in London

Gerangel um EU-Behörden: Deutschland, halt dich mal zurück!

Von Sebastian Schöbel

Wegen des Brexit müssen zwei EU-Behörden aus London umziehen: die Arzneimittel-Agentur und die Bankenaufsicht. Auch Deutschland geht mit Bonn und Frankfurt ins Rennen. Brüssel-Korrespondent Sebastian Schöbel kommentiert das Wettrennen.

Ein fairer Wettbewerb, bei dem sich am Ende die Besten durchsetzen: Für die Umsiedlung der beiden EU-Agenturen aus London sieht das auf den ersten Blick wie eine absolut vernünftige Lösung aus. Schließlich geht es um zwei prestigeträchtige und wichtige Institutionen, mit teils hochqualifizierten Mitarbeitern, die zu Recht hohe Ansprüche an ihr Umfeld haben - beruflich und privat.  

Weswegen die EU-Kommission für beide Agenturen, die Bankenaufsicht EBA und die Arzneimittelbehörde EMA, klare Maßstäbe festgelegt hat: Top Infrastruktur, top Wohnungsangebot und natürlich top wirtschaftliches Umfeld. Oder anders gesagt: Von den 23 Städten, die sich beworben haben, kommen eigentlich nur eine Handvoll ernsthaft in Frage. Amsterdam, Paris, Mailand, Frankfurt am Main, Barcelona, Wien. Metropolen von Weltrang. Drunter geht's nicht.

Zagreb, Sofia, Bukarest oder Valletta können sich den Aufwand der Bewerbung also eigentlich sparen. Selbst Warschau, Prag und Porto sind nur Außenseiter. Genauso wie Athen, die Hauptstadt des krisengeschundenen Griechenlands. Sieger des Verteilungskampfes wären nach dieser Logik EU-Mitglieder wie Deutschland, Frankreich, Italien oder die Niederlande. Die Gründerländer also, das Macht- und Kraftzentrum, nicht die Peripherie. So weit die Logik.

Doch EU-Behörden sind mehr als Kronjuwelen für die Häupter der ohnehin Reichen und Mächtigen. Sie sind viel mehr: identitätsstiftende Symbole der Europäischen Gemeinschaft, im Stadtbild verankert und damit den Bürgern näher als EU-Politik im entfernten Brüssel. Und sie bedeuten Teilhabe am System EU - inklusive wirtschaftlichem Bonus für ganze Regionen.

Heißt für die beiden aus London wegziehenden EU-Behörden: Sie gehören in Länder, die bisher noch keine Europäische Institution abbekommen haben, wie Kroatien oder die Slowakei. In Städte, die einen europäischen Anschub wirklich gebrauchen können und auch spüren würden, wie Sofia, Bukarest oder Bratislava -  oder, ja sicher, auch Athen.

Braucht Frankfurt am Main wirklich die Bankenaufsicht? Damit sich deren Finanzexperten mit denen der Europäischen Zentralbank, der Bundesbank und vor allem der vielen privaten Banken in den selben Restaurants zur Mittagszeit um die Tischreservierungen balgen? Und braucht Bonn wirklich die Medikamentenbehörde? Die Stadt liegt in einer der wirtschaftsstärksten Regionen Europas und beschreibt sich in ihrer Bewerbung selbst als "zweitwertvollste Deutschlands, nach München", gemessen am Wert der hier ansässigen, börsennotierten Unternehmen.

Nein. Das ist jetzt ein Moment für die EU, den kühlen Pragmatismus beiseite zu lassen und stattdessen ein politisches Zeichen zu setzen: Dass man als EU-Land in einer Gemeinschaft ist, die das Prinzip "jeder gegen jeden" auch mal aussetzt, damit nicht immer die Gleichen gewinnen.

Gerangel um EU-Behörden: Deutschland halt dich mal zurück!

WDR 5 Morgenecho - Kommentar | 07.08.2017 | 02:53 Min.

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Redaktion: Jochen Zierhut

Stand: 06.08.2017, 15:17