Gesichtserkennung: Alle im Visier

Gesichtserkennung: Alle im Visier

Seit Anfang August erproben Bundespolizei, Bahn und Innenministerium am Berliner Bahnhof Südkreuz neue Software zur Gesichtserkennung. Damit ist dem Überwachungsstaat Tür und Tor geöffnet, meint Jörg Schieb in seinem Kommentar.

Eine Überwachungskamera hängt in einem Bahnhof

Durchsage im Zug: "Nächster Halt. Bahnhof Südkreuz. Bitte machen Sie ein neutrales Gesicht. Nehmen Sie die Sonnenbrille ab. Verdecken Sie Ihren Mund nicht mit dem Schal. Und keine Kopfbedeckung bitte. Die Polizei möchte sehen, wer ein- und aussteigt."

Ab jetzt wird der Bahnhof Südkreuz in Berlin von Hightech-Kameras überwacht. Von Kameras, die in der Lage sein sollen, Gesichter von Passanten zu erkennen - und sie live mit Fahndungslisten abzugleichen.

Um die Zuverlässigkeit der Kameras zu testen, haben sich rund 300 ganz normale Menschen freiwillig gemeldet. Menschen, die immer wieder mal am Südkreuz auftauchen. Sechs Monate soll der Test dauern.

Bundesinnenminister Thomas de Maizière will mit diesem Coup das "Sicherheitsgefühl der Bürger" erhöhen – wenige Wochen vor der Bundestagswahl. Ich glaube ihm, dass er das Sicherheitsgefühl erhöhen möchte. Aber es ist eben bestenfalls das Gefühl. Selbst das wird nicht gelingen. Wozu soll so ein System gut sein? Im ersten Moment denkt man noch: Cool, wenn es solche Kameras gibt, kann sich keiner mehr verstecken. Wer gesucht wird, der wird früher oder später entdeckt - und kann gleich dingfest gemacht werden. Aber natürlich auch nur, wenn die Person a) zuverlässig erkannt wird und b) 15 Sekunden später die Polizei vor Ort ist, um die Person festzunehmen. Extrem unrealistisch.

Was will man also mit so einer Kamera erreichen? Ein tatsächlicher Straftäter, vor allem einer, der einen akuten Anschlag vorhat, wird sich einfach vermummen. Sonnenbrille auf. Tuch um. Fertig. Das hat doch auch in Hamburg gut funktioniert. Eine derart eingehüllte Person kann kein Kamerasystem identifizieren, egal wie teuer, egal wie gut.

Und selbst wenn sich einer nicht verhüllt und tatsächlich in einer Datenbank als "Gefährder" gespeichert ist: Was soll dann passieren? Den Behörden sind Hunderte von Gefährdern bekannt. Sie dürfen trotzdem frei herumlaufen. Die meisten Anschläge der letzten Zeit sind von ohnehin bekannten Personen ausgegangen, die trotzdem nicht verhaftet oder abgeschoben wurden. Was soll eine alberne Kamera da ausrichten? Es liegen genügend Erkenntnisse vor - sie werden aber schlicht ignoriert. Mehr Erkenntnisse vergrößern das Problem doch eher als es zu verringern.

"Abwehr von Terrorakten"? Ein leeres Versprechen. Solche Kameras können im besten Fall eine Hilfe bei der Aufklärung sein. Nachdem mal wieder etwas passiert ist.

Könnte man alles noch ignorieren, wären da nicht die erheblichen Datenschutzbedenken, die mit solchen Kameras einhergehen. Denn moderne Kamerasysteme können in der Tat eine ganze Menge. Sofern sich Personen nicht komplett verhüllen, können sie mühelos Gesichter erkennen und Personen identifizieren. Dem Überwachungsstaat ist damit Tür und Tor geöffnet. Harmlose Menschen verhüllen sich nicht - und werden zuverlässig erkannt. Der Schwarzfahrer. Der Sprayer. Vielleicht auch Du und ich. Es setzt schon eine Menge Vertrauen voraus, davon auszugehen, dass solche Technologien nicht missbraucht werden - jetzt nicht und auch in Zukunft nicht. Dieses Vertrauen habe ich nicht.

Lässt sich zusammenfassen: Die echten Straftäter haben nichts zu befürchten. Alle anderen schon. Klingt nach keiner guten Idee.

Gesichtserkennung: Alle im Visier

WDR 5 Morgenecho - Kommentar | 24.08.2017 | 03:16 Min.

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Redaktion: Golo Schmidt

Stand: 23.08.2017, 17:14