Bundespräsidentschaft Gauck - eine Bilanz

Bundespräsident Joachim Gauck (r) und seine Lebensgefährtin Daniela Schadt besichtigen am 22.03.2016 in Peking die Verbotene Stadt.

Bundespräsidentschaft Gauck - eine Bilanz

Am Sonntag (12.02.2017) wählt die Bundesversammlung ein neues Staatsoberhaupt. Der scheidende Bundespräsident Gauck sei ein Präsident, der in und mit seinem Amt gewachsen sei, kommentiert Katrin Brand. Sie wird Gauck vermissen.

Ich werde ihn sehr vermissen, diesen elften Bundespräsidenten. Nicht weil ich seinem mutmaßlichen Nachfolger nicht zutraue, das Amt mit seiner Persönlichkeit auszufüllen. Frank-Walter Steinmeier aber wird – wenn er gewählt ist - als eingeübter Staatsmann ins Amt gleiten. Gauck hingegen konnte man herrlich dabei zusehen, wie er kulleräugig staunend seine neue Rolle probierte, wieder und wieder, jeden Tag aufs Neue. Ein Präsident, der nicht war, sondern wurde, bis zum Schluss.

Das war oft sehr unterhaltsam, weil Gauck erst lernen musste, wie schwer jeder Halbsatz eines Bundespräsidenten wiegt. Der Kanzlerin etwa legte er einmal nahe, ihre Europapolitik besser zu erklären. Bahnte sich da ein Zerwürfnis an? Dass der Islam zu Deutschland gehört, wollte er so nicht sagen - das befremdete die Muslime. Und die Frauen waren empört, als er die Sexismus-Debatte als Tugendfuror abtat. Man ahnte, was er meinte, aber es kam irgendwie falsch raus.

Doch es tat gut, dass da einer nicht zum westdeutschen Politik-Establishment gehörte und der alten Bundesrepublik ihre selbstgefällige Zufriedenheit nicht durchgehen ließ. Sich hinter der deutschen Geschichte verstecken, um sich aus den Konflikten der Welt raushalten zu können? Nicht mit Gauck.

Andererseits stand ihm die eigene Geschichte manchmal im Weg. Gegen die Linken und gegen Russland hegt er bis heute einen unpräsidentisch tiefen Groll. Da brechen die Erfahrungen aus der DDR durch. So wie überhaupt der Sozialstaat ihm fremd ist, womöglich, weil er dort, in der DDR, staatliche Fürsorge als Gewalt erfahren hatte. Das hat ihn seltsam kalt gegenüber jenen gemacht, die mehr Unterstützung vom Staat brauchen oder wünschen.

Das Joch der DDR-Unfreiheit abzustreifen, war die Glückserfahrung seines Lebens, und die Geschichte, die er immer wieder ergreifend erzählt hat. Ja, irgendwann ging er mir auch auf den Keks mit seiner ewigen Bewegtheit, aber dass man dieses Land, dieses beste Deutschland, das wir je hatten,  tatsächlich auch lieben kann, das habe ich erst durch Gauck ganz langsam begriffen. Die Kanzlerin managt dieses Land als Weltmacht, Gauck aber hat ihm Herz, Seele und Orientierung gegeben.

Sein Vermächtnis – als Präsident - ist, dass wir dieses Land nicht den Verächtern der Demokratie überlassen dürfen und Sorge tragen müssen, dass jeder mit den gleichen Chancen durchs Leben und durchs geht. Dieses Thema ist beim nächsten Präsidenten ganz sicher in guten Händen.

Bundespräsidentschaft Gauck - eine Bilanz

WDR 5 Morgenecho - Kommentar | 11.02.2017 | 02:39 Min.

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Redaktion: Brigitte Simnacher

Stand: 10.02.2017, 17:39