Facebook - EU will nicht konsequent durchgreifen

Icons Facebook und Whats-App

Facebook - EU will nicht konsequent durchgreifen

Die EU-Kommission hat Facebook wegen falscher Angaben bei der Übernahme des Kommunikationsdienstes WhatsApp eine Strafe von 110 Millionen Euro aufgebrummt. Die EU-Kommission reagiere viel zu harmlos, meint Jörg Brunsmann in seinem Kommentar.

Glückwunsch, Facebook. Genau so wird’s gemacht – so haut man europäische Behörden übers Ohr. Die Strafe jetzt, die 110 Millionen Euro – wer weiß, vielleicht war das von Anfang an von Facebook mit eingepreist; warum sonst macht das Unternehmen überhaupt keine Anstalten, gegen diese Strafe zu protestieren? Klar, für den Milliarden-Konzern ist das sowieso eher Portokasse; und bei den 14 Milliarden Euro, die Facebook damals für die Übernahme von WhatsApp gezahlt hat, fällt es auch nicht wirklich ins Gewicht. Klammheimlich haben die Manager wahrscheinlich schon damit gerechnet; Motto: Erst die Behörden ruhigstellen – und wenn die was merken: Zahlen wir eben und haben dann unsere Ruhe.

Mit anderen Worten: Die EU-Kommission ist für Facebook nicht mehr als ein Tiger, der gar nicht richtig zubeißt. Es zwickt ein bisschen, aber man kann es aushalten.

Die einzige wirkliche Konsequenz aus der Lüge des Konzerns wäre es gewesen, die Fusion der beiden Unternehmen jetzt im Nachhinein noch zu verbieten.

Und ich wette: Wenn Sie oder ich als Bürger einen ähnlichen Fall häten – die Behörden würden das genauso machen.

Stellen Sie sich vor, Sie bekommen den Führerschein unter der Auflage, nie schneller als 100 km/h zu fahren. Halten sich aber einfach nicht dran. Sie werden erwischt, zahlen 50 Euro – und dürfen künftig immer mit Maximalgeschwindigkeit durchs Land düsen.

Mein Eindruck ist: Im Fall Facebook und WhatsApp will die EU gar nicht konsequent durchgreifen. Weil sie sich vor den Folgen fürchtet. Denn was würde wohl bei einem nachträglichen Verbot der Fusion passieren? Wahrscheinlich würde Facebook sagen: Okay, wenn das so ist, können wir WhatsApp in Europa eben nicht mehr anbieten. Von einem auf den anderen Tag wären unsere Chats verschwunden, alle Sport-, Witze- und Familiengruppen aufgelöst und wir müssten uns wieder umständlich Textnachrichten per SMS schicken. Und wen würden wir dafür verantwortlich machen? Vor diesem Zorn hat die EU Angst und lässt Facebook die falschen Angaben am Ende durchgehen.

Dieses Urteil ist damit auch eine Kapitulation vor all den Firmen, die immer mehr Daten von uns sammeln und auswerten wollen. Das ist das Geschäftsmodell der Stunde: Wir werden komplett durchleuchtet, unsere Daten werden ausgewertet und zu Werbezwecken genutzt. Das kann man einfach in Kauf nehmen – immerhin sind Facebook und Co. ansonsten für uns kostenlos – das kann man schlecht finden; aber man kann sich kaum noch dagegen wehren. Und genau das ist das Problem. Facebook und WhatsApp sind heute de facto die Standards im Internet. Auf ihren Gebieten haben sie praktisch keine Konkurrenz mehr. Die ganzen deutschen Netzwerke – schuelervz, lokalisten, werkenntwen – sind entweder alle verschwunden oder spielen keine Rolle mehr.

Wenn ein Konzern wie Facebook den Markt aber so sehr beherrscht, dann kann man auch erwarten, dass die Behörden konsequent hinschauen. Und sich nicht so übers Ohr hauen lassen wie in diesem Fall.

Facebook - EU will nicht konsequent durchgreifen

WDR 5 Morgenecho - Kommentar | 19.05.2017 | 02:53 Min.

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Redaktion: Patrick Raulf

Stand: 18.05.2017, 17:27