Das Kreuz mit dem Dienstherrn

Kölner Ditib-Moschee

Das Kreuz mit dem Dienstherrn

Die Polizei hat die Wohnungen von Geistlichen des türkischen Islamverbands Ditib durchsucht. Ihnen wird vorgeworfen, Gemeindemitglieder bespitzelt und angebliche Anhänger des Predigers Gülen nach Ankara gemeldet zu haben. Ein Kommentar von Golo Schmidt.

Man mag es kaum glauben, aber es gab Zeiten, da war der größte islamische Dachverband in Deutschland, die Ditib, fast so etwas wie ein integrationspolitischer Vorzeige-Verein. Das war in den ersten Regierungsjahren des heutigen Präsidenten. Da hatte Erdogan die Ditib angehalten, sich zu kümmern, dass seine Landsleute ihren Platz finden in der deutschen Gesellschaft. Und der Verband kümmerte sich. Das ist mehr als zehn Jahre her.

Heute produziert die Ditib in bemerkenswerter Regelmäßigkeit Negativ-Schlagzeilen. Zweifelhafte Predigten in ihren Moscheen sind da nur der Dauerbrenner - zuletzt der Sermon nach dem Putschversuch im zurückliegenden Sommer, der argwöhnen ließ, er sei in einem stalinistischen Propaganda-Kommissariat geschrieben worden.

Die gestrige Razzia – nach handfesten Vorwürfen der Spitzelarbeit – ist da nicht nur vorläufiger Höhepunkt. Sie wirft auch die Frage auf, ob die Ditib noch Religionsverein ist und wie mit ihm umzugehen sei. Der Verdacht auf geheimdienstliche Agententätigkeit und schon beantragte Haftbefehle lassen den Verband jedenfalls wie eine kriminelle Vereinigung aussehen, die aufzulösen wäre.

Muss man so weit gehen? Sicher nicht. Aber längst ist die Ditib kein Hort von Unschuldslämmern mehr. Schleichend hat sie sich in den letzten Jahren zum verlängerten Arm des türkischen Staates gewandelt. Genauer: eines Autokraten, der sich derzeit vor allem darin gefällt, das Land mit einer Säuberungswelle zu überziehen, die an blutigste Diktaturen erinnert.

Die Ditib war lange Zeit wichtiger Partner für die deutsche Politik – sei es beim Aufbau eines islamischen Religionsunterrichts oder bei Präventionsprogrammen gegen die Radikalisierung muslimischer Glaubensbrüder. Sie war bereit zum Gespräch und offen für die Werte unserer Gesellschaft. Ob das immer noch so ist, darf bezweifelt werden. Aber folgt man dem Verband in seiner Selbstbeschreibung, steht er noch immer für einen gemäßigten Islam.

Und deshalb kann es keine Lösung sein, jede Zusammenarbeit mit der Ditib einzustellen, wie es viele Politiker fordern. Um das Miteinander gestalten zu können, brauchen wir Ansprechpartner. Und wer sollte da dazugehören, wenn nicht der größte türkische Islamverband – in einem Land, in dem Millionen Menschen türkische Wurzeln haben.

Was man der Ditib allerdings abverlangen muss, ist ein grundlegender Wandel. Sie muss sich lösen vom Dienstherrn in Ankara, der staatlichen Religionsbehörde Diyanet, und eine unabhängige Religionsgemeinschaft werden, eine Körperschaft des öffentlichen Rechts beispielsweise, wie es die beiden großen Kirchen sind. Das schützt zwar nicht vor Sündenfällen. Aber es würde ermöglichen, sich dem direkten Durchgriff aus Ankara zu entziehen – komme er als Spionage-Aufruf daher oder als Hasspredigt gegen vermeintliche Staatsfeinde.

Das Kreuz mit dem Dienstherrn

WDR 5 Morgenecho - Kommentar | 16.02.2017 | 02:46 Min.

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Redaktion: Patrick Fina

Stand: 15.02.2017, 16:25