Wahlkampf: unerträglich!

Wahlplakate der CDU und SPD Spitzenkandidaten für die kommende Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen, Kraft (r) und Laschet, hängen am 19.04.2017 Düsseldorf

Wahlkampf: unerträglich!

Wochenlang haben die Parteien in NRW um Wählerstimmen geworben. Und sich dabei auf sehr niedriges Niveau begeben. Überzeugend geht anders, meint Sabine Henkel in ihrem Kommentar.

Dieser Wahlkampf verursacht Nebenwirkungen. Schleudertraumata vom Dauer-Kopfschütteln darüber, wie unsere Landespolitiker sich präsentieren. CDU und SPD hauen sich gegenseitig die roten Laternen um die Ohren – Ihr seid Schuld am Schuldenberg, am G8-Chaos, am Polizeimangel. Wir? Nein, Ihr!

Was haben die Wähler von sowas? Nichts. Erkenntnisgewinn gleich null. Dabei ist Wahlkampf nach guter alter Wahlkampfdefinition eine verdichtete politische Kommunikation. Davon sind wir im Straßenwahlkampf und auch im Netz sehr weit entfernt.

Kommunikation heißt hier Attacke - und das in Teilen niveaulos. "Fake-News"-Verbreitung werfen sich CDU und SPD gegenseitig vor und begeben sich damit ungeniert auf Trump-Level. Das ist erbärmlich - und das hier lächerlich: Die CDU behauptet im Netz, die Arbeit von rot-grün einem Faktencheck zu unterziehen. Ganz objektiv natürlich, ach was.

Dabei wäre dieses Angekeife gar nicht nötig, es blamiert sich schließlich jeder selbst so gut er kann. Die SPD wirbt für ihre Bildungspolitik auf Plakaten mit Rechtschreibfehlern, die CDU umgarnt Spätaussiedler auf Russisch – von wegen deutsche Leitkultur! Und die FDP verprellt Erzieherinnen, weil sie großflächig suggeriert, dass schwedische Möbelhäuser Kinder besser betreuen als die Kitas in NRW.

Wen wundert es da, dass nach all den Wahlkampfwochen so viele Menschen in NRW immer noch nicht wissen, wen sie wählen wollen?!

Laschet? Löhrmann, Lindner? Letzterer steht für die mono-personalisierte FDP und will sich sofort nach der Wahl nach Berlin verdrücken. Sein Vorteil: unschlagbare Eloquenz. Man gebe ihm ein Mikrophon und einen Balkon. AfD-Pretzell kann da nicht mithalten und wird Lindner für dessen geübte Zunge sicher insgeheim beneiden. Fehlt noch wer? Ach, Piraten und Linke, die Hürdenspringen üben, aber im Wahlkampf eher untergehen.  

Kraft und Laschet hingegen geben sich staatsmännisch, fahren ausnahmsweise Bus statt Limousine und klopfen viele Schultern, auch in der Provinz, wo sie in den nächsten fünf Jahren vermutlich nicht wieder gesehen werden. Sie essen Bratwurst und geben sich volksnah. Wahlkampf mit Schweinedarm im Brötchen. Wer hat den besseren Senf dazu? Schwer zu sagen.

Laschet tourt durch Sauerland, Münsterland und Ostwestfalen – schwarze Heimat, das Ruhrgebiet lässt er links liegen. Das ist Krafts Revier. Sie schüttelt Hände und fragt eine Frau mit Kopftuch, ob auch keines ihrer Kinder vom Weg abkommt. Auch eine Art, Innere Sicherheit zu thematisieren.   

In Umfragen liegen Kraft und Laschet mittlerweile gleichauf. Wer soll das Land regieren? Kraft hat alles zu verlieren, Laschet kann nur gewinnen. Und er treibt sie vor sich her: Erst als Kraft Laschets Atem spürte, distanzierte sie sich von den Linken. Rot-rot-grün – mit mir nicht, sagte sie hier auf WDR5 und produziert mal wieder eine brauchbare Schlagzeile.

Dieser Wahlkampf ist weitgehend sinnentleert - meistens unerträglich und könnte doch so gut sein: wenn er fünf Jahre lang im Parlament gemacht würde – schlicht durch überzeugende Arbeit.  

Wahlkampf: unerträglich!

WDR 5 Morgenecho - Kommentar | 12.05.2017 | 03:18 Min.

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Redaktion: Patrick Raulf

Stand: 11.05.2017, 16:21