Schleyer: "Ein tiefschneidender Eingriff in mein Leben"

Hanns Martin Schleyer, RAF, Entführung

Schleyer: "Ein tiefschneidender Eingriff in mein Leben"

Vor 40 Jahren entführte und ermordete die RAF Hanns Martin Schleyer. Die Bundesregierung lenkte damals nicht ein. Sein Sohn Hanns-Eberhard Schleyer hält es im WDR 5-Interview für ausgeschlossen, dass "sich so etwas in dieser demütigenden Form noch einmal wiederholen lässt."

1977 hatte die RAF hatte das Land fest im Griff. Am 5. September entführten die Terroristen den Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer, nahmen ihn als Geisel, um Gesinnungsgenossen freizupressen. 44 lange, quälende Tage war er in ihrer Gewalt. Am Ende wurde Hanns Martin Schleyer ermordet.

Schleyer: Rückblick auf den "Deutschen Herbst"

WDR 5 Morgenecho - Interview | 13.09.2017 | 08:29 Min.

Download

WDR 5: Wie klar ist Ihre Erinnerung an die Ereignisse damals vor 40 Jahren?

Hanns-Eberhard Schleyer bei der Kranzniederlegung am Ort des Anschlags in Köln, 40 Jahre nach der Entführung seines Vaters Hanns Martin Schleyer

Hanns-Eberhard Schleyer beim Gedenken am Ort des Anschlags in Köln - 40 Jahre danach

Hanns-Eberhard Schleyer: Die Erinnerung ist außerordentlich klar. Ich glaube, das kann jeder nachvollziehen. Das ist ein sehr tiefschneidender Eingriff in mein Leben und in das Leben meiner Familie gewesen. Wir haben uns damals sehr intensiv damit beschäftigt, was da geschehen ist und wie wir die nächste Zeit überstehen werden.

WDR 5: Wie hat Sie denn die Nachricht erreicht, dass Ihr Vater in der Hand der Terroristen ist?

Schleyer: Ich war damals als Anwalt tätig und saß in der Staatsbibliothek, als mich jemand angesprochen hat, der offensichtlich im Radio die ersten Meldungen über den Mord an den Begleitern und die Entführung meines Vaters gehört hatte.

WDR 5: Sie waren damals ein junger Rechtsanwalt am Anfang seiner Karriere. Wie haben Sie diesen Fall als Rechtsanwalt gesehen? Konnten Sie das überhaupt trennen – etwas, das Sie auf der einen Seite persönlich wahnsinnig tief trifft und auf der anderen Seite auch beruflich?

Schleyer: Der Rechtsanwalt kam, wenn man so will, erst sehr viel später zum Zuge. Zunächst war es der Sohn, der Familienangehörige, der in dieser Zeit natürlich alles versucht hat, die handelnden Personen der Bundesregierung, all jene, die in dem so genannten Krisenstab saßen, davon zu überzeugen, dass sie in diesem Falle auch den Forderungen der Terroristen nachgeben, die in Stammheim Einsitzenden freilassen und damit meinen Vater retten sollten. Das war zunächst die Aufgabe.

Staatsakt für Hanns-Martin Schleyer in Stuttgart; Bundeskanzler Helmut Schmidt mit gesenktem Kopf; links neben ihm Schleyer-Sohn Hanns-Eberhard, rechts von ihm Schleyer-Witwe Waltrude und Bundespraesident Walter Scheel, am 25.10.1977

Staatsakt für Hanns Martin Schleyer am 25. Oktober 1977: Sohn Hanns-Eberhard neben Bundeskanzler Helmut Schmidt

Erst als ich nach einigen Wochen zunehmend mehr erkennen musste, dass die Bundesregierung nicht in diesem Sinne handeln würde – was ich von Anfang an befürchtet hatte – habe ich mir natürlich überlegt, welche rechtlichen Möglichkeiten es gibt. Nämlich die Bundesregierung gegebenenfalls dazu zu zwingen. Und deshalb habe ich nach fünf, sechs quälenden Wochen das Bundesverfassungsgericht angerufen, um eine Entscheidung herbeizuführen.

WDR 5: Auch das hat nicht funktioniert. Sie haben Ihren Vater nicht retten können. Sie haben auch die Bundesregierung nicht bewegen können, nur einen Schritt auf die Terroristen zuzugehen. Sehen Sie das mit diesem Abstand von 40 Jahren noch genauso? Würde man heute sagen: Geht auf Terroristen zu, verhandelt mit ihnen, um das Leben von Geiseln zu retten?

Schleyer: Ja, ich glaube das nach wie vor, obwohl ich natürlich in einer besonderen Weise betroffen gewesen bin. Aber ich glaube schon, dass die vornehmste Aufgabe des Staates – das sagt auch unser Grundgesetz – darin besteht, das Leben seiner Bürger, jedes einzelnen Bürgers, vor allem das konkret gefährdete Leben zu retten. Die Tatsache, dass die Bundesregierung damals den Forderungen der Terroristen nicht nachgegeben hat, hat ja nicht dazu geführt, dass das Morden und die Terrorakte in Deutschland aufgehört haben. Die Rote Armee Fraktion hat über weitere 20 Jahre ihr Unwesen in Deutschland getrieben.

WDR 5: Damals war das für die Bundesregierung noch eine neue dramatische Situation. Heute, 40 Jahre später, hat man leider mehr Erfahrung mit Terror. Glauben Sie, dass diese Situation heute so noch einmal passieren würde? Dass 44 lange Tage nichts passieren würde, was tatsächlich ein Schritt in Richtung Verhandlung wäre?

Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) nimmt am 5. September 1977 in einer Fernseherklärung Stellung zur Entführung des Arbeitgeber-Präsidenten Hanns Martin Schleyer durch Terroristen der Roten Armee Fraktion (RAF)

Bundeskanzler Helmut Schmidt lenkte nicht ein

Schleyer: Ich kann mir das eigentlich nicht vorstellen. Ich glaube schon, dass das Verhalten der Bundesregierung, was immer ich davon halte, zumindest dazu geführt hat, dass diese Form der Geiselnahme und der Nicht-Verhandlung mit Terroristen heute nicht mehr möglich wäre. Letztlich auch deshalb, weil die Öffentlichkeit, die Medien in einer ganz anderen Weise mit so einem Fall umgehen würden. Deswegen erscheint es für mich ausgeschlossen, dass sich so etwas in dieser Form – auch in dieser demütigenden Form – noch einmal wiederholen lässt.

Zur Person - Hanns-Eberhard Schleyer
Er wurde 1944 geboren und ist der älteste Sohn Hanns Martin Schleyers. Bis 2009 war er Generalsekretär des Zentralverbandes des Deutschen Handwerkes. Im Herbst 1977 entführten Terroristen der Rote Armee Fraktion Schleyers Vater, den Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer, in Köln. Hanns-Eberhard Schleyer, damals junger Rechtsanwalt, hatte sich für die Freilassung seines Vaters eingesetzt. Bundeskanzler Helmut Schmidt aber wollte den Austausch des Entführten gegen inhaftierte RAF-Terroristen nicht. Mehr als 30 Jahre später kam es zu einer versöhnlichen Begegnung zwischen Schleyer und Schmidt.

WDR 5: Es gibt viele, die sagen, dass der Terror, den wir heute aus der Richtung von militanten Islamisten erleben, vergleichbar ist mit dem Terror der Rote Armee Fraktion von damals. Würden Sie so einen Vergleich ziehen oder würden Sie sagen, das ist etwas ganz anderes?

Porträt Hanns-Eberhard Schleyer 2008

Hanns-Eberhard Schleyer: "Das darf nicht wieder passieren"

Schleyer: Ich glaube, der Vergleich mit dem islamistischen Terror ist etwas ganz anderes. Ich würde eher den Vergleich mit rechtsradikalem Terror ziehen. Das habe ich im Übrigen damals schon getan. Denn man muss sich noch einmal vor Augen halten, was damals in Folge der 68er-Bewegung geschehen ist. Die gesellschaftlichen Prozesse, die damals von statten gegangen sind – dieses Mehr-Demokratie wagen, die erstmals wirklich entstandene Diskussion um Nachkriegs-Deutschland, das Dritte Reich, über den Krieg in Vietnam – all das hat dazu beigetragen, dass dieses Land sich lebendiger und besser entwickelt hat. Aber was es damals auch gegeben hat, war eine Reihe von Meinungsbildnern, die einen Zustand der Bundesrepublik gezeichnet haben, der mit der Realität nichts zu tun hatte. Und ich habe im Anschluss an den Tod meines Vaters mit einer Reihe dieser Wissenschaftler, Literaten gesprochen, die das durchaus auch anerkannt haben.

Was ich damit sagen will: Wir müssen heute sehr aufpassen, dass wir nicht wieder eine Art von klammheimlicher Sympathie für bestimmte rechtsradikale Taten, ausländerfeindliche Taten, rassistische Taten in der Öffentlichkeit entwickeln, die dann zu Mitläufern führt – die aber auch dazu führt, dass manche sich darin bestätigt fühlen, dass dieser Staat in seinen Grundfesten eigentlich so einzementiert ist, dass er sich nicht mehr bewegt, nicht mehr veränderbar ist. Und dass man zunächst mit Gewalt gegen Sachen und dann auch mit Gewalt gegen Personen dagegen vorgehen muss. Das darf nicht wieder passieren.

WDR 5: Was kann man denn ganz konkret tun, um solche Brandstifter und gewaltbereite Extremisten zu stoppen? Die volkstümlich daher kommen und etwas sagen, das vielleicht viele unterschreiben würden. Aber am Ende sind sie bereit, den Staat gewalttätig zu untergraben.

Schleyer: Das wichtigste Mittel einer Demokratie ist der Dialog. Ich weiß, das ist schwierig, vor allem bei jenen, die nicht recht zuhören wollen. Es gibt sicherlich auch eine bestimmte Gruppe, die man nicht mehr wird überzeugen können von den Chancen, Möglichkeiten und Freiheiten in unserem Land.

Aber es gibt eben doch aus meiner Sicht zu viele, die noch in gewisser Weise Sympathien entwickeln. Die auch mit Entwicklungen der letzten Jahre unzufrieden sind. Die sich unsicher fühlen im Hinblick etwa auf die Zahl der Flüchtlinge. Aber auch unsicher fühlen, ob Politik noch in der Lage ist, die eigentlich großen Themen der Zukunft wirkungsvoll anzugehen und Lösungen vorzuschlagen. Hier muss mehr geschehen, muss mehr Überzeugungsarbeit geleistet werden – nicht nur von der Politik, sondern im Grunde von allen, die etwas zu sagen haben.

Das Gespräch führte Nicola Reyk im WDR 5 Morgenecho vom 13.09.2017

Für eine bessere Rezeption weicht die schriftliche Fassung des Interviews an einigen Stellen vom gesendeten Interview ab. Die intendierte Ausrichtung der Fragen und Antworten bleibt dabei unberührt.

Stand: 13.09.2017, 06:05